Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1885)
- Date
- 1885-02-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Zn dieser Beziehung muss ein Unternehmen begrüßt werden, dass Verbesserungen zu inauguriren bestrebt ist, das sich's zur Aufgabe gemacht, Schäden uud Mängel rückhaltlos aufzudecken, den Zsolirs<hemel ans dem Wege zu räumen, Ueberhebung in die Schranken zu weisen uud den Anschluss an die Gesammtbeit und an die unsterbliche Zdee des Wahren uud Guten fortwahrend und unentwegt zu predigen. — Häufig werden Klagen laut über den Mangel positiver Leistungen in den hebräischen Disciplinen. ^a, wenn eine derartige Ansicht begründet und ehrlich gemeint erscheint, wird selbe von jedem vernünftigen, ordentlichen Juden gerne äcceptirt werden. Doch nicht selten entpuppt sie sich als vage Ausstrenung. schlägt als Echo wüster Krakehler an das Ohr, Krakehler, die gleich den Eulen das Lickt scheuen, Maulhelden, die nur rücklings herumsuchtcln und im Bewusstsein der verleumderischen, haltlosen Anklage nickt die Energie haben, ihre Behauptungcn freimütbig zu exponiren. Diese Gilde zählt zu dem Ausbund von Schlechtigkeit, ,wird nicht zu dem Volke gerechnet' und ist in der Gemeinde spärlich vertreten. Von einzelnen, gedankenarmen Nachtretern abgesehen, bestedt die Masse mebrerer Gemeinden auS Leuten, die den Verlust des Regiments nickt verwinden können, darum war ihnen die alte Schule lieber. Allerdings bleibt uns heutzutage für hebräisches Wissen wenig Zeit, sind auch seitens der Behörde wenig Stunden angesetzt. Aber, Verfechter des Rebbethums, richten sich die Resultate immer nach den hingeopferten Stunden? Zst nicht vielmehr die Qualität des dargebötenen Stoffes der Gradmesser kraftvoller Leistungen? Sind aus der alten Schule lauter Kenner hervorgegangen? Bedurfte es nicht späterbin in der Periode der Einsicht und Reife des Privatfleißes, um Lücken außzufüllen, Lockeres zu'׳ befestigen uud Unklares anschaulich zu machen? Wie viele Stunden wurde ehedem hiugebrütet und der Geist im Nichtsthun geübt? Denken Sie nur zurück. Und das Kind? Gedrillt und dressirt, bis Ln die Nacht hinein, die Sckule ward zum Kerker, der Lehrer zum Dämon, vom erziehenden Unterrichte keine Spur, die so wichtige und in alle Lebensverbältniße einschneidende Frage der formalen Bildung wurde gänzlich außer Acht gelassen. Non est regula sine exceptione. Auch soll mit diesen Zeilen der persönlichen Achtung früherer Lehrer im Allgemeinen kein Abbruch geschehen. Im Gegeutheilc. Einzelne Collegen waren sehr tüchtig, ehrlich und strebsam bis zur Selbstverleugnung, doch mit den Zeilen ändern sich Verhältniße und Menschen. Für Einzelne ist freilich anzuwenden, was ein Professor zu einem minder begabten, jedoch fleißigen Studenten sagte: ,Sie sind ein braver Mensch, aber-. Merkwürdig, als Camenius umsonst gelebt, Aristoteles und Herbart für die Pädagogik nichts gethan Härten; ,die Methode ist des Lehrers Kraft'. Sie steht viel zu hoch über ihm, als dass er sie nur mit halb geöffneten Augen übersehen könnte; sie ist eine Wissenschaft, man muß zu ihr hinaufblicken und gleich dem Anatomen das unscheinbarste Object zerlegen, zerfasern und von verschiedenen Seiten behandeln können. Lehrer, die methodische Fragen über die Achsel anschauen, die dialogische Form beiseite schieben, richten oft großes Unheil an. Wenn selbe auch dem Uneingeweihten imponiren, wir können ihnen keinen Geschmack abgewinnen; sie verwickeln anstatt zu entwickeln, verbilden anstatt bilden. (Schluß folgt.) Das Vorlesen aus der Thora von L. Hliesenfeld, Oberlehrer in Ungarisch-Brod. Il.r Ich spreche zunächst jenen geehrten Herren, welche sich mit dem von mir angeregten Thema befaßt und ihre Ansichten veröffentlicht haben, meinen Dank aus. Es konnte mir nickt einfallen, dass die wenigen Gedanken, die ick seit Jahren über diesen Gegenstand in mir trage, geeignet wären, eine größere Beachtung zu verdienen. Heute bin ick aber überzeugt, einen sehr wunden Fleck berührt und sehr vielen vernünftigen, ehrlichen Glaubensgenossen aus der Seele gesprochen zu haben. Seit Wochen bringt die ,Cantoren-Zeitüng'. anregende gelehrte und geistreiche Arbeiten über ,das Vorlesen aus der Thora'. Ich muss aber gestehen, gefördert ist die Frage, die ich aufgeworfen habe, meiner unmaßgeblichen Meinung nach, bis nunzu nur wenig worden. Zunächst wurde es bemängelt, dass ich von einem .Singsang' und von einem ,Herableiern' sprach. Beim geregelten Gottesdienste, hieß es, trage der Cantor den Wochenabschnitt auch recht annehmbar vor. Das will ick zugeben, aber in der Regel wird das ״Vorlesen" dem 2. Cantor ü.erwiesen, und wie es mit der Stimme und Vortragsweise dieses FunctionärS auf dem Lande oft aussiebt, bleibe unerörtert. Hier gilt im buchstäblichen Sinne ein oft citirtes Wort: Brave Leute, aber schlechte Musikanten. Einen Wochenabschnitt aus solchem Munde vernehmen und nicht von ״Singsang" und ״Herableiern" sprechen, ist ein Ding der Unmöglichkeit; das, glaube ich, werden, mir sowohl der geehrte Herr Nedacteur als auch sämmtliche Herren Cantoren des Erdballes uneingeschränkt bestätigen. Für den des ' Hebräischen Unkundigen.׳ glaube ich übrigens, ist selbst der be״ deutendste Cantor nicht im Stande, anziehend vorzutragen, und die Zahl derer, die den Wochenabschnitt im Urtexte nicht verstehen, ist bereits ziemlich groß und wächst mit jedem Jahre. Das wird doch allseitig zugegeben. Warum die Kenntnis des Hebräischen so rasch schwindet, gehört nicht hieher. Nur flüchtig erlaube ich mir zu bemerken, dass meiner bescheidenen Ansicht nack, nur die veränderten Zeitverbältniße und nicht die Rabbinen, nicht die Schulen und nicht die Eltern dies verursacht baden. Vielleicht komme ich gelegentlich auf die vom beutigen Thema abseits liegende Frage eingehend zurück. Dass die Herren Vertreter des Schulchan arueh und des Talmud gegen mich Front machen müssen, ist ja selbstverständlich. Zch habe ja L0n vorneberein bemerkt, dass sich gründliche Neformen mit der Satzung nicht vereinen lassen, dass mau sich entschieden für das eine oder für das andere entscheiden müsse. Freilich müssen sich diese Herren gestehen, dass ich aus keinem hohlen Fasse geredet, dass ich aus dem vollen Leben geschöpft, dass ich nicht leichtsinnig alle Einrichtungen über Bord werfen will, das ich für die Ehre des Judenthums warm empflnde. Sie Helsen sich mit einigen frommen Augenzuckungen, mit einigen resiguirten Seufzern und jene Fragen, die sie nicht beantworten können, lasten sie einfach unbeantwortet. Es ist wahr, heißt es, die Ordnung im Gotteshause während Thoravorlesens ist nicht Mustergiltiz, es könnte und sollte mehr Anstand sein, wenn sich nur jeder vergegenwärtigen würde, wo er ist; der Cultusvorsteher könnte auch mehr thun, man sollte, wenn man wollte, möchte, müßte u. s. f. Aber was soll man thun, man hat es mit einer höchst wichtigen, uralten Einrichtung zu thun, daran darf man nicht rütteln und, wenn die Nisebeberaob gar nichts leisten, so bringen sie das Geld ein, dessen bedürfen unsere Gemeinden. Also, verehrte Herren, kurz gesagt heißt das: Die herkömmliche Thoravorlesung sammt Mischeberach soll bleiben, das Volk mag