Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1885)
- Date
- 1885-02-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 - Familie, die noch größer und weitläufiger ist als die weiland unserer Patriarchen Abraham, Jiak und Jakob und deren ehrsämen Gematinnen — nach טי willen ואת ־־־ ואת auch seiner in einem besonderen ^seüonodovgedenkt. Eine solche wohlerworbene und im strcngstin Sinne des Wortes weblwerdiente Gabe ist unseres Wissenö bisher, noch nie znrnckgewiesen worden. Und wenn dann die .furchtbaren- und die anderen Festtage* worüber sind, und der Funciionär mit seiner Familie daheim im trauten Stübchen sitzt, die Bilanz über das Schnwdergeld zieht, und dieselbe eine erkleckliche ist, so möchte ich tausend gegen eines wetten, dass viele der Herren Cnltusbeamt'en keine Gegner der vielverleumdeten. Nisoliodeiaeü wären, selbst jene nicht, die gegen dieselben eisern. . Darum die goldene Miuelstraße. Nur dorr kürzen, wo es wirklich nöldig ist, aber nicht das Kind mit dem Bade ansschütten. Unser Mnßafgottesdienst ans dem Lande. ist, möchte ich sagen, die Krone des sabbathlichen Gottesdienstes, weil an demselben, der passenden Stunde wegen, sich in der Regel Alles berheiligt; dieser Gottesdienst, weil genenut vom Schachariih- Gebete, dauert mit wenigen Ausnahmen nur etwas mehr als eine Stunde, kürzen wir nun auch die Thoravorlesung, den integrirenden Bestandtbei! desselben, was bleibt übrig? 'Nun meint der geichätzte Herr College Riesenfeld, es möge der Oiabbiner die Function des Thorawotlesens werseben. Dagegen möastin sich die ehrwürdigen Herren wohl selber verwahren. Und auch mit vollem Rechte, nach dem Spruche: ,Jedem das Seine׳. Der Cantor lese in jener Weise, wie wir sie im Vor׳ hergehenden augedenret und der Herr Rabbiner erkläre in der Exhorte den wesentlichen Inhalt des Wochenabschnittes, dadrirch gewinnt der Gottesdienst an Weihe und Würde, zu welcher beide Factoren, Rabbiner und Cantor, beitragen. Und welch' ein weites, unabsehbares Feld bietet sich hier dem Volkölehrcr dar! Cr braucht nur, um mit dem deutschen Dichterfürsten zu sprechen, in's volle, frische Leben hinein zu greifen und er findet überall die herrlichsten Perlen, unschätzbare Juwelen exegetischer Moral und heilsamer Belehrung. In vielen Gemeinden heiischl die Gepflogenheit, dass Kanzelvoriräge nur an jenen Sabbaten gehalten tverdeu, an welchen der Neumond eingejegnet wird. Dies ist meines Erachtens nicht von Nutzen. Allsabbathlich soll der Inhalt unserer göttlichen Thora den An. dächtigen zum erhebenden Bewusstsein gebracht werden, damit das göttliche Wort, vorgeiragen in der Urschrist des flammenden Sinai und erläutert durch gok.begeisternden Mund, erbauend und fruchtbringend werde. Ueber die Euuncialionen des Herrn Niesenfeld den ,Sing- Sang" betreffend, wollen wir den Mantel jüdischer Liebe breiten, am Ende Hai er es ja nicht gar so arg gemeint, jedenfalls gebührt ihm das Verdienst, eine Frage so wichtigen Ealibers augeregt zu haben, bei deren Behandlung wir immer, wie in jeder religiösen Angelegenheit die goldene Mittelstraße wandeln wollen. ״בדרך המלך נלך. Der hebräische Unterricht und -ie moderne Volksschule von S. Niesenfeld, Volksschullehrer in Schaffa. Motto: Unterweise den Knaben nach seiner dermaligen Fähigkeit und er geht von dieser Lehre auch spätesten Atter nicht ad. (Sprüche L!al. Cap. 22, Vers 6.) D er erste Eindruck ist der bleibendste. Von Haus aus gibt es nach Diesterweg weder geistig verkrüppelte noch sittlich verkommcue Individuen׳, das Herz f elb st ist nicht böse von Jugend ans, die Natur participirt trotz ihres passiven Verhaltens au der ersten Menschenbildunz, oder sorgt zum Mindesten dafür, dass in ihrem Rayon nichts Schlechtes Verdorbenes aufkomme. So Hilst sie den Boden präpariren, der Geist entfaltet sich, die ins kindliche Gemüth gestreute Saat keimt und gedeiht. Aber wie die Saat, so die Ernte. Die vermittelten Kenntniße tragen Früchte der Art entsprechend, die in den tiessten Schachten der Seele ruhenden Äpperceplionen brechen bcrvor und siehe da! Epigonen der diesbezüglichen Abstammung. Deshalb sind civilisirte Völker und Stämme seit undenklichen Zeiten an den Modus gewöhnt, ihre Gesinnungen und Handlungen, ihr ganzes Thun und Lassen den Gesetzen der Ordnung, der Sitte zu unterwerfen, ein leuchtendes Vorbild den Unerfahrenen; man begnügt sich nicht, vollbrachte Schritte in Rücksicht auf weiteres Hantiren zu beurtheilen und erwägt im Vorhinein, berechnet und vergleicht, a priori Mißgriffe zu vermeiden. .Was vorbei ist, ist vorbei" heifft ein landläusiges, im gewissen -Ltunc zutreffendes Wort. Im Zusammenhalte mit diesem klingt so anmulhend, was Alkabiz im ״L’cho dodi“ singt: .Das Ende der That muss schon anfänglich im Gedanken sestgestellt sein." An der Hand dieser Annahme wird Sckuluug pcactizin, Festigkeit und Conffquenz angebahnt und der Characterbildnng Vorschub geleistet. Der alle Satz ״clocendo discimus, im Lehren lernen wir", hat noch heute seine Berechtigung und man braucht ihn nur in umgekehrter Ordnung bei Lichte zu besehen, erscheint in der Thal jedes Lernen als Lehrprozednr, steht alles Sichten und Klären der Vorstellungsreihen also jeder Denkprocess im Dienste der Schule. Auch der Selbstunterricht kann sich diesem Banne nicht entwinden, insonderheit, wenn die mannigfachen Seelenkräsle. wie: Verstand, Urtheilsvermögen, Gedächtnis 11. dgl. als separater Theil unseres Ich angesehen werden', als Mächte. die sich in eigenen Bahnen bewegen, Krenzungspunkle answeisen und schließlich in der gemeinsamen Eentrale, sagen wir im Gesammr-Bewußlsein Einkehr Hallen und da!elbst vereinigt weiden. Sich selbst unterrichten ist an sich ein unschuldiges, fürs große Ganze gefahrloses Agireu. Anders verhält es sich mir dem Massennmerrichie. Ans diesen Posten muss ein ganzer Mann gestellt werden, von dem hängt das Wohl und Wehe und Wehe ganzer Generationen ab. er hat bedeutende Verantworlung und muß mir dem Auge eines Sehers umherblicken, nach vorne und rückwärts, nach oben und unten. Was die allgemeine Schule anlangt. ist unter der weisen und fürsorglichen Negierung unseres erhabenen Monarchen und seiner glorreichen Ahnen viel zum Bessern geschehen; jedoch der Privatunterricht, besser gesagt, der private Massenunterricht, der unter dem Gesichtspunkte der Nützlichkeit Nationalitäten und Consessionen des Oestern Herzenssache ist, läßt noch viel zu wünschen übrig, und weil nach dieser Richtung hin das Gros, die Corporation solidarisch auflritr und wie ein Mann zusammenstehl, gilt von ihr, was auf das Zudividium Anwendung sindet. Zum Einzelnen sprechen wir: Willst Du Anspruch machen aus Achtung und Werthschätzung, schau in Dich und um Dich, Mensch, erkenne Dich selbst und beherzige den goldenen Ausspruch unseres Altmeisters Goethe: ,Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur das Leben lehret Jedem, was er sei." Diese Andeutungen genügen, dem Gedanken nachzugehen, ob unser Zudenthum makellos dasteht, ob die von uns selbst geschaffenen Institutionen nicht hie und da Gebrechen zeigen, die mit dem Zeitgeiste, mit der Zeitströmung im Widerspruche sind.