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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-02-02 · Heft 5 (2.2.1885) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 5 (2.2.1885)
Date
1885-02-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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w süllung dieser ihrer Bitten erreicht hat. Die wesentlichen Lehrsätze dieser Secte sind in den folgenden Artikeln znsanunenaesasst: .1. Die zeitgenössische moralische und materielle Lage unserer Briider-Hebräer in Rußland ist traurig, erdärmlick und hat den böchsten Grad der Demoralisation erreicht. 2. Das Leben in müssigcr llnthäligkeit znznbringen — bedeutet in der gegenwärtigen Zeit, nn'ere Stimme für die nnunterbrochene und völlige Ausrottung unserer Brüder, der nlssischcn Hebräer, abzugeben. 3. Behufs Verbesserung unserer Lage müssen wir die Hilfe und die Unterstützung nicht von unseren Krösnscn -— mit deren Geldern, nicht von unseren Rabbinern — mit deren Lehre und nicht von unseren Schriftstellern — mit deren Theorien erwarten, denn sie Alle sorgen nur für ihren eigenen Nutzen und ihr Endziel ist — nicht das Wobt Israels. 4. Den Schutz dürfen wir aber auch nicht in dem Verlassen unseres Vaterlandes Nußland und nicht i» der Auswanderung, eben so auch nicht in der völligen Verschmelzung mit der autochlhoncn, nicht-hebräischen Bevölkerung Rußlands suchen. 5. Hilfe und Unterstützung müssen wir hier, in Rußland, in unseren eigenen Kräften und dem Schutze des Herrschers, des allmächtigen Protecrors, suchen. 6. Die materielle Lage der Inden kann nie und auf keinen Fall verbessert werden, wenn früher ihr moralischer und geistiger Zustand nicht verbessert und gehoben tverden wird. 7. Zur moralischen Verbesserung ist eine tiefe innere Er- Neuerung, eine grillige Anfrrftednng nörbig. 8. Damit sich in uns eine so tiefe innere Erneuerung vollziehe und damit wir die Wahrheit liebgewinnen und das Schlechte hassen leriren, dazu ist uns ein Leiter, ein treuer und erfahrener Mensch nöthig. 9. Einen solchen Leiter müssen wir unter den Nachkommen Jakobs suchen und Jenen anSwählen, welcher Israel geliebt, I welcher sein Leben für die Heiligkeit des Namen Gottes, der Thora und der Propheten geopfert hat; Jenen, der allen Bewobnern de.׳ Erdballs durch die Makellosigkeit seiner reinen Seele und die tiefe Liebe zu feinem Volke — den Kindern Israels, bekannt ist; Jenen, welcher zu der Zeit gelebt hat, wo Israel bereits längst das Joch des traditionellen Gesetzes auf sich genommen batte, über die Oberfläche der Erde verstreut war und bereits lange unter verschiedenen Völkern gelebt hatte; Jenen, welcher den Hochmnib seiner jndäischen Brüder, die auf ihre Abstammung von Abraham, Jiaak und Jakob, von den^vom ewigen Gott gesegneten Patriarchen und auf ihxe ihnen vom Sinai herabgesandte Weisheit stolz waren, gebrochen hat; Jenen, welcher ihre große Grausamkeit und beständige Geneigtheit — I in der Periode des Glücks und der Wohlfahrt ibren lebenschaf- ן senden Gort und himmlischen Vater zu verlassen und sich vor j den neuen Göttern, der Liebe zum Gelde und der Gewalt mit 1 Hilfe der Wissenschaft und des Mammons über ihre Brüder zu! beugen, gebrochen bat. 10. Den Mann, welcher alles dieses in sich vereinigt, haben wir nach sorgfältigem Suchen in allen Büchern der Geschichte׳ nnscres Volkes, der Kinder Israels, nur in Jesu ans Nazareth, der in Jerusalem vor der Zerstörung unseres letzten Gotteshauses gekreuzigt wurde, gefunden. 11. Die Weisen Israels, seine Zeitgenossen, konnten die neue Lehre und das heilbringende Ziel, welche Jesus seinen jndäischen Brüdern wies, nicht begreifen und sich aneignen; sie begriffen eben das nicht, dass Jesu eine besondere Macht der Beachtung der Vorschriften des Gesetzes, welche sich aus die Vernunft und das Herz bezogen, und nicht der kleinlichen j äußeren Handlungen und Thaten, welche sich entsprechend dem - Orte, der Zeit und der politischen Lage der Hebräer beständig andern, znschrieb. Wir Hebräer, die wir im Jahre 5644 leben, können allein sagen, dass nur Jesus und nur Er allein seinen Rel! Iekewt. Erinnerung an den 15. Schewat. Von M. N o s e n se l d. Es war ein srostigkaltcr, aber heiterer Wintermorgcn. Der Schnee, seit Wochen festgesroren, ächzte unter den Tritten der, Fußgänger, ohne sich von der Scholle lösen zu können. In der ,Gasse' der Alt-Osner Iv'llile war heute unter der Schuljugend bewegtes Leben. Mit gefrorenen Nasen, aber leuchtenden Augen sah man eine Schaar jüdischer Kinder einem bestimmten Ziele zueilen. Ja, heute war ein wichtiger, hochbedentender Tag für dieselben, auf den sie sich lange schon freuten. Es war der 15. Schewat, der Nenjahrstag der Pflanzenwelt, ein Festtagder Kinder, die festlich gekleidet in das Haus Neb Jekewl's strömten. Wer war aber Neb Jekewl, und was hatte er mit dem 15. Schewat zu schassen? Der Genannte war Chasen in einer ,Nebenschul", wie es deren in großen Gemeinden stets mehrere gab. Er war allerdings nickt Cantor oder gar Obercantor, wie solche die Neuzeit reichlich geschaffen. Nein, er war ein schlichter Baal TefiloH, der auch mit den sonstigen Obliegenheiten des Bethauses betraut war und es mit seinem Berufe ernst meinte. Der 15. Schewat aber war das enfant gate von Reb Jekewl. Da war das Kindervolk zum festlichen Mahle bei ihm geladen und wer nennt die Namen Aller, die hier znsammenkamen? Die Tafel war mit den besten und feinsten Obstsorten bedeckt und außer den Landessrüchten sah man auch Feigen, Datteln, Oliven, Granatäpfel und andere exotische Producte. Nach dem Absingen der Psalmen und 8emir03, wobei seder das Beste zu leisten suchte, durfte man zngreifen und welche Luft war es zu sehen, wie die fröhliche Kinderschaar sich an dem Genüsse der seltenen Früchte erfreute! Neb Jekewl war zur Zeit, als der Erzähler ihn kannte, ein bereits hochbetagter Greis von kleiner gedrungener Gestalt mit immer lächelndem Munde und freundlichen Angen. Seine Tracht war die damals bei den Alten übliche: dreieckiger Hut, Kaftan, Schnallenschuhe. Trotz seines hohen Alters entwickelte er eine Beweglichkeit, die nur staunen machte. Er war in wahrem Sinne ein Zaddik tomim und Jung und Alt zollte dem ,Deede* wie er gern genannt wurde, unbegrenzte Berehrung. Seine. Lieblingsbeschäftigung war eigentlich das — Betteln. Aber freilich bettelte er nicht für sich; nein, für die Nothleidenden und Kranken sorgte er — wie ein treuer, liebender Vater. Da er mit Glücksgütern aber nicht gesegnet war, so lief er unermüdst bis in die höchsten Stockwerke, um für seine Schützlinge Lebensmittel und sonstiges Nöthige zu erbitten, und wo Neb Jekewl anklopfte, da wurde mit offenen Händen und Herzen gegeben; wussre man doch, dass die Gaben an Würdige gereicht wurden. Aber auch die entlegensten Gaffen und Gässchen ließ der Alte nicht aus, um in die Hütten der Dürftigen zu gelangen und Hilfe zu bringen. So lebte dieser schlichte, aber edle Mensch ein wahrhaft gottgefälliges Leben. Er erreichte ein nur wenigen Menschen beschiedenes, hohes Alter. Als man ihn, einhnndertzwölf Jahre alt, fragte, wie alt er sei, erwiederte er schmnnzsld: .In einem Jahre werbe ich Lar mizwoh."

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