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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-02-02 · Heft 5 (2.2.1885) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 5 (2.2.1885)
Date
1885-02-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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entschieden aBgcbt und dass es nnr Ariern, oder echten Germanen ermöglicht sei, auf der Leiter der Musik eine Hobe Stuse zu ersteigen. Jawohl, im Mittelalter, in jenen Zeiten der tiefen geistigen Finsternis, wo die im Staate herrschende Religion zugleich als Maßstab für die Leistungen auf dem Gebiete der Knust und Wissenschaft angesehen wurde, wo man -den Bürger nicht nur nach der gewissenhaften Erfüllung seiner Pflichten dem Staate gegenüber fragte, sondern auch. oder besser rornehmlich darnach, Welcher Religion derselbe angevöre, ob der im Staate herrschenden, oder der vom Staate unlerdrückicu Eonfession — in solchen Zeiten, wo der Druck von Außen, wie ein Alp auf der Schulter des Israeliten lastete, wo er nie seines Lebens froh werden' konnte, da es eine Keile von herben Leiden, Qualen und Martern war, welche die Bekenner der Siaalsreligion ibm bereiteten, was Wunder, wenn seit! Geist sich nicht verstieg, das erhabene Terrirorium der Ton- oder Musikkunst zu erklimmen? Düster und ernst waren die zarten Saiten feines GemülbeS gestimmt, wie vermochte ibn der Gedanke zu beichlcichen, oder gar an ibn dreist heranznrreien. fingen zu wollen? Sein von der Qual der Ausnahms- und Äns׳,chließnngsgcfetze niedcrgebeugres Herz führte ihn meinte in־ nach der Synagoge, um gleich beim Tagesanbrüche, vor den» Beginne des Morgengoilcsdienstes dorr an beiliger Siairc Iercmiaden und Litaneien zu singen, ob des Verlustes der staatlichen Selbstlländigkeit und ob der Äuswandernng uou seiner heimatlichen Stätte Zijon und Jerusalem, welche in den Gebeteit שומרים?*□קרי enthalten sind. Sobald aber der Inden׳- heit das Morgenrotb der Freiheit berangcbrochen war. und die Hallen der bildenden Künste anw für den Israeliten geöffnet standen, siehe, da entrollt sich unseren Blicken die Verkörperung des ausgeprägten Kunstsinnes in Israel, der alles Ucbrige in den Staub zieh!, dem nur sein Mnsenrempel hochheilig ist, der mit lebt und webt in und für die Musik, in der Person Jacob Meir Lippmann Beer'S (Beer war seines Vaters Familiennamen). Als Sobn reicher Eltern in Berlin geboren — sein Vater gehörte. zu den hervorragendsten jüdischen Banqnicrö in Berlin — war ihm No:b, Entbehrung und die Begleiter derielben, Trübsinn und Unmutv, exotische Auswüchse, die er nie k.inuie. Sein Vater opferte viel für die geistige Entfaltung seines Sohnes und nahm für ihn nnr Fachmänner als Lehrer in den verschiedenen Disciplinen aus. Schon als Kind zeigte er besondere Lust zum Klavierspiele, daher scheuten auch seine Eltern keine Kosten, ihm einen recht vorzüglichen Maitre zum Klavierunterrichte zu nehmen. Im Hebräischen unterrichtete ihn der alS hervorragender Hebraist rühmlichst bekannte Salom Cohen s. A. Als Letzterer ihm eines Tages die Regeln der bebräischen Grammatik vorlrug, wendete der junge Meyerbeer diesem Gegenstände seine Aufmerksamkeit nicht zu, sondern klopfte mit den Fingern auf die Schultern feines Lehrers, in Gedanken dieselben als ein Klavier, auf welches man mit deil Fingern hin und her klopft, betrachtend. Von dieser Zeit ab merkte dieser hervorragende Hebräer, dass fein Schüler nur Lust und Liebe dem Musikfache, nicht aber den hebräischen Disciplinen znwenden werde. Und in der That bewährte sich an unserem Meyer-Beer des Dichters Spruch: »Lust und Liebe sind Fittige zu großen Thaten'. Sein Musiklchrer, obwohl von nichtjüdischer Herkunft, hatte die Mittagßkost im Hause der Eltern Meyer-Beer's; als Letztere die Absicht hegten, ihren Sohn, der so viel künftlerifches Talent für Musik entfaltete, nach der Heimat der Musen, Italien nämlich, zur weiteren Fortbildung zu schicken, ersuchten sie ihren Mnsiklehrer, ihren Sohn mit einem Empfehlungsschreiben zu versehen, was derselbe auch zu thun versprach und sein Versprechen auch erfüllte. Meyer-Beer reiste nach Italien, stellte sich den gewiegtesten Musikkennern vor, ohne ihnen aber irgend ein Empseblnngsschreiben, mit denen er so mannigfach ansgerüstet war, vorzulegen, seiner eigenen Ansicht Folge leistend, daß nur seine Fähigkeiten die mächtigsten Fürsprecher bei den Kunstkcnilern Italiens sein können und werden- Nach einigen Jahren, als Meyer-Beer längst an seine Empfehlungsbriefe vergessen batte, öffnete er eines Tages seinen Schreibepnlt, und indem er einige Noten suchte, kam ihm zufällig der noch fest versiegelte Empseblnngsbries von . seinem Klavierlehrer in die Hand, hoffend dem Inhalte desselben sein Lob zu entnehmen. Doch wie sehr täuschte ihn die rohe Wirklichkeit! Der Inhalt genannten Briefes bot ihm eine Fülle von Lästerungen und Jnvectiven gegen seine jüdischen Srammcsgenossen dar, und der Tenor desselben lautere also: nicht nur, dass die Inden die Geldmacht in Händen haben und die Reichsten des Landes sind, besitzen sie noch die Anmaßung, ihre Häupter mit der Krone der erhabenen Musikkunst zu schmücken. .Diesen curioscn Empfehlungs- Brief sandte Meyer-Beer den Eltern wohl wissend, dass sein ehemaliger Musiklehrer noch immer Mittags am Tische derselben speise. Als die Eltern die sonderbare Empfehlung lasen, warteten sie, bis der Lehrer zu Tische kam, und setzten ihm anstatt der Speisen diesen von ihm eigenhändig geschriebenen Brief vor. Dieser nahm ihir und kebrte niemals mehr in das Bcer'sche Haus zurück. Meyer-Beer wurde vom preußischen Könige durch den Titel , Generalmusikdirector* ausgezeichnet. Nnr ein einziges Lied jüdischen Juhdlls ,Jephtacb's Tochter* versah er mit den seinem Lchöpsergeistc entsprungenen Tonzeichen, doch der jüdischen Liturgie gedachte er wenig*). Durch seine großen׳ Leistungen auf dem Gebiete der Musik hat er sich unsterbliche Verdienste erworben und dem Volke, ans dessen Schoße er hervorgrgangen, Ehre gemacht, daher werden auch wir stets sein Andenken ehren. Giacomo Meyer-Beer verschied im 72. Lebensjahre in Paris und wurde in Berlin im Erbbegräbnisse seiner Ellern zur ewigen Ruhe bestattet. — *) Ale׳ im Jahre 1820 in Leipzig von Berliner und Hamburger Kaufteilten, welche an den Feiertagen in Leipzig zur Messe weilten, eine Tochterfynagoge daselbst errichtet wurde, coinponirie Meyer-Beer für deren Ervffnungsfeier die Gesänge. Die Seele ״Uen-Ilruel Der Wechsel der Zeiten bringt mitunter die wunderbarsten Erscheinungen hervor und unter diesen zählt nahe zu den merkwürdigsten, dass eine Judengemeinde verlangt, eine Synagoge zu Ehren Jesu Christi erbauen zu dürfen. Aus Warschau wird über diesen Fall berichtet, dass die russische Negierung dieser Secte die größte Unterstützung angedeihen lasse/ In der Gouvernementsstadt Kielce wurde auch bereits eine Propaganda-Filiale eingerichtet. In einer der letzten Nummern haben wir eins Odessaer Correspondenz veröffentlicht, in welcher die sensationelle Thatsache mitgcthcilt wurde, dass die vor etwa zwei Jahren in Südrußlad und hauptsächlich im Gouvernement Bessarabien, an unserer Bukowinaer Grenze anfgetauchte jüdische religiöse Secte ,Neu- Israel* sich an den russischen Minister des Innern/ Grasen D. A. Tvlstoj, um ihre Anerkennung als besondere Neligionsgenossenschaft und um Bewilligung der Erbauung einer besonderen Synagoge (in Kischineff. der Hauptstadt des genannten Gouvernements), zu Ehren Jesu Christi gewendet und bereits die Er-

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