Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1885)
- Date
- 1885-02-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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¬ס¬ Einführung eines dreijährigen Cyklns kein Boden zu gewinnen ן wäre. Auch eine recitative Vortragsweise der Wochenabschnitte, ן wie selbe Herr Tintner ans Bunzlau empfiehlt, würde unserer ן Geschmacksrichtung nicht Zusagen. In solch' schablonenhafter j Weise lässt sich ein gewöhnliches, profanes Buch, auch etwa eine dramaturgische Arbeit, oder eine pikante Canserie in theatralischen Kreisen vonragen, aber —airs, dem. Buche der Bücher, beileibe nicht. — Worte, die das unsterbliche Gepräge der göttlichen, vor Jahrtausenden geoffenbarten -Religion tragen, wo jeder Buchstabe, jedes Iota eine höhere Bedeutung hat, und die durch unzählige Generationen mit der Betonung der allehrwürdigen Negina, erbauend und belebend, Herz und Geist erhebend vorgelragen wurden, wollen auch nur in solcher Weise vorgclefen werden. Sr. Ehrwürden, Herr Dr. Löwh hat die Bedeutung der Negina als Juterpnnktalionszeichen ganz richtig bervorgehobeu. Ich utöchic diesen so sehr angegriffenen Tonzeichen noch eine andere Seite abgewinnen; ich meine die Ausdrucksweise, das markante Hervorheben des Inhaltes der Farscha, sowohl der einzelnen Wörter als auch der ganzen Sätze. Nehmen wir beispielsweise das Weiche und Elegische der Tonart im ״Neretro tewir“, wie אמר אויב. להמית אותו^ s. w. oder das Nachdrucks, volle des Oersolrazim, das Eigenthümliche des Sarko Segol, der Kra stausdruck des Sokef godol, vom Schalscheleth gar nickt zu sprechen, das den Inhalt wie in 2 וימאן ־־־ ויתמה,מהC. so treffend kennzeichnet. Freilich ist es hier Sache des Vorlesers selbst, wie Eingangs dieser Zeilen erwähnt wurde, der dem Vor-! trage eben und gerade durch die Negina vielgestaltiges Leben verleihen muß. Es ergeht ihm hier, wie dem gewandten, gewiegten Redner, der der trockensten, abstracktesten Stelle eine geistreiche Seite abzugewinnen weiß. Ich erinnere hier an den verewigten, unsterblichen Nestor der Kanzelredner, an weiland Jsak Noe Mannheimer, der einst über den Vers sprach: ותבט אשתו מאחריו תר. — Verwundert blickten die Zuhörer einander an, als wollten sie fragen, welches geistige Kapital kann ans diesem spröden Satze herausgeschlagen werden? Aber, siehe da, der Redner sprach von alten, verwitterten, verrotteten Zuständen, die in Israels Mitte Platz gegriffen; von der starren Orthodoxie, die stets nach rückwärts blickend dem - fortschrittlichen Geiste der So bliebe denn, nach Abzug derselben, schlechterdings nichts übrig als die Rasse. Und so ist es in der That: die ehrlichen Leute haben dessen auch gar kein Hehl. Und damit sind wir denn freilich an dem Punkte angelangt, wo jedes Argumentiren und jede Möglichkeit der Verständigung mit dem Gegner aushört. Blut ist eben ein besonderer und Nassenblut ein ganz besonderer Saft. Man kann zwar Hammelblut in Menschenadern transfundiren; aber — es lässt sich das nicht mehr in Worte fassen, man muß es fühlen. Fühlen, dass ein jüdischer Justizminister (trotzdem die Religion von der Frage ein für allemal durchaus auszuscheiden) eine Absurdität, ein jüdischer General eine Lächerlichkeit ist, und so mit Grazie in inünitnrn. Und in dieser Lage der Dinge, während die Denker der Nation eine sich in hochgradiger Frivolität und krassem MaterialismuS äußernde Vergiftung deS Volksgenrüthes constatirteu, dabei lauter oder leiser von den unausrottbaren Rücken und Tücken ' des Judenthums murmelnd, und der Pöbel in seinem doch wohlbekannten Mangel an schulgerechier Logik sich daraus die uuver- ׳ meidlichen, von dem Verstand jedes Verständigen voraussehbaren Schlüsse zog und das Hep-Hep Geschrei der dreißiger Jahre für die Bedürfniße unserer Tage variirte, saß der Dichter der ״Dorfgeschickten' unter der Linde zu Kaunstadt, bewegten Herzens sein reiches Leben recapitulirend, vorwärts, rückwärts . denkend- Aufklärung keine Concession macken will. ,Ich bin, so sprich der begeisterte Redner, ein Denkmal und ein Warnungszeichen für alle jene, die am Verfallenen und Verfehlten festhalten, die sich nickt lossagen wollen von dem, was dem Untergänge geweiht ist. sich nickt trennen wollen von den Gräbern der Geschichte. Ach, wer meinem Beispiele folgt, das Auge unverwandt auf das Verfallende richtet, sehnsüchtigen Herzens auf öde und wüste Stätten zurücksckaut, dem Strome eines neuen Lebens sich nicht anvertrauen will, in neue und jugendfrische Verbältniße nicht einziehen mag, wie gebannt feststebt auf dem Schauplatze seiner früheren Thätigkeit; der lähmt die eigene Thatkraft, erstarrt und mitten in vollem Leben ist er todt!" Ich habe dies nur angefübrt, um zu zeigen, welch' einen mannigfaltigen, unerschöpflichen Stoff unsere Thora dem Redner bietet, aber auch nicht minder dem Koreh, natürlich dem Ver. ständnisinnigen, als Interpret des göttlichen Wortes vermöge seines Berufes. Es gibt keinen Wochenabschnitt, in welchen er nicht durch seine Vortragsweise das Gemüth und das religiöse Gefühl seine«. Zuhörer ergreifen und zur Andacht stimmen könnte. (Schluß folgt.) Skizzen aus -em Leben Jacob Meyer-Beer's von Dr. A- Löwy, Rabbiner und Prediger in Butschowitz. Das antisemitische Axiom, dass jedem Semiten Kunftsinrr und vornehmlich Musikverständnis abgeht, weil derselbe die Spannkraft seines Geistes nur auf Golderwerb durch Industrie, ,׳der durch den gemeinen Schacher richtet, findet den offenbarsten Widerspruch und die klarste Widerlegung, wenn wir unsere geistigen Blicke dem Lebensgange und der Entwickelung des jüdischen Künstlers Meyer-Beer zu wenden. Dieser große, von echten Künstlern bewunderte Componist straft eine ganze Serie von Schriftstellern und Poeten Lügen, welche in ihren geistigen Productionen der giftschwangeren Sentenz immer mehr Nabrung zu geben bestrebt waren, dass dem Israeliten jedes Talent für Musik Denkendi dass der Baum seines Lebens, wie hoch er auch gewachsen, wie weit er seine Zweige gestreckt und wie viel Tausende und Abertausende in dem Schalten derselben gesessen und geruht und sich erlabt — die tiefsten Wurzeln der Liebe, aus denen er seine beste, erquicklichste Kraft sog, doch in dem warmen Nährboden der Familie habe — seiner jüdischen Familie, da oben in dem stillen, weltverschollencn Schwarzwalddorf. Wohl mochte da dem Sinnenden sein Dasein als ein Wunder erscheinen! Und es׳ wäre ja eines, wenn seine Gegner recht hätten: ein Dichter, der aus dem Herzen eines Volkes sich in das Herz eines Volkes gesungen, das — nicht sein Volk ist, das von seinem Volke durch eine unübersteigbare Schranke geschieden ist! Aber es gibt keine Wunder. Die Schranke ist nicht unübersteigbar. Berthold Auerbach hat sie überstiegen; bat durch sein Dasein und Wirken bewiesen, dass man als Jude geboren werden kann und doch keinen Blutstropfen in den Adern zu haben braucht, der nicht durchglüht wäre von heiliger Liebe zu seinem deutschen Volke und seines Volkes Macht und Herrlichkeit; hat bewiesen, dass man ein Jude und ein deutscher Dichter sein kann, dessen Namen man neunen wird, so man die besten Namen nennt. Was aber einer kann, das können — jeder nach Maßgabe seiner Kraft und in seiner Weise — auch andere, das können viele, das werden schließlich alle können.