Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1885)
- Date
- 1885-01-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Cantorenschuie. Von M. Tin tn er, Cantor nnd Lehrer in Bunzlan, Preußen. Eine, wenn auch schon öfter besprochene, aber dadurch nicht minder dringlich gewordene Angelegenheit ist es, auf-welche ich die Aufmerksamkeit der geehrten Leser dieses geschätzten Blattes neuerdings lenken möchte, nnd nach meiner individuellen Ansicht müssten nicht nur wir Cantoren, sondern das ganze Zndenthum für dieselbe eintreten. Zeder Stand, jedes Gewerbe, jedes Handwerk, und sei es noch so klein, hat seine Bildungsstätte, die Diener Gottes aber entbehren immer noch einer anerkannten Behörde, eines Institutes, in dem Thora und Awoda gelehrt werden soll. Ad m08831? Verwaist steht diese hohe Berufsgenossenschast in der Welt trotz des Wissens und Könnens, das in derselben wohnt. Und bedenkt man, dass der jüdische Cantor in größeren nnd kleineren Gemeinden Alles, was früher getheilt war, in sich vereinigen muß, dann kann man nicht umhin, das größte Bedauern auszndrücken ob des Zndifferentismus, der diesem Staude, respective seiner Ausbildung, von den Gemeinden entgegengebracbl wird.- Soll das Zndenthum nicht stark darunter leiden, so muß sür diese Beamtenkategorie ein Institut zu deren Ausbildung geschaffen werden. Wie lange soll denn noch das Antodidactenwesen vorherrschen nnd das Cantorat als letzter Rettungsanker nach-mißlungeneu Specnlationen ergriffen werden? Eine Hkuchelei ist cs, ein Amt zn übernehmen, ohne demselben das ganze Herz und strenge Glaubenstrene entgegen zu bringen, welche es nothwendig fordert. Wer sich m i t der Gemeinde nnd i n derselben wohlfühlen will, der muß auch Begeisterung für sein Amt — klare, Verständnisvolle Auffassung für seine Thätigkeit zeigen und in derselben sein Heiligthum suchen nnd finden. Nicht ibunlich ist es daher, wenn oft Unbefähigte, die! sich als die ,Großen und Erleuchteten* in Zsracl wähnen, lehren, fingen und predigen. Durch solch' unbescheidenes Gebahren wird oft genug unser ganzer Stand getadelt, die Autorität erleidet durch solche Schmarotzer auch fest in der Liebe seines Vödes zu stehen schien, um am Abend seines fleißigen,' thatenfrohen und tbatenreicben Lebens hören zu müssen: Es hat dir Alles nicht gebolfen. du glaubst, ein deutscher Dichter zu sein, und bist und bleibst in unseren Augen doch nur der geistreich-anempfindende, die Mängel seiner Abstammung klüglich verdeckende, im tiefsten Grunde des Fühlens und Denkens von uns durch eine unausfüllbare Kluft getrennte — Jude. Das klingt sehr hart und — was schlimmer: sehr ungereut; aber — Hand auf's Herz! — musste er .nicht so ein־ pfinden? Wer es leugnen will, der lese die Referate gewisser Blätter über die ״Briese", ob aus denselben nicht immer wieder herausklingt nnd als Caeterum 663860 übrigbleibt: er war ja doch nur ein Zude! Vorurthcil! — ans jenen dunklen mittelalterlichen Zeiten, in welchen Zude nnd Wucherer synonym war, und das sich nur so auf die moderne Zeit übertragen und eine andere Form angenommen hat : die Form, dass man auch bei'denjenigen Juden, die mit Eifer und Erfolg liberale Wissenschaften und Künste treiben, den Verdacht nicht loswerden kann: sie stecken denn doch, genau besehen, in dem alten schmutzigen Banansenthnm nnd treiben Kunst und Wissenschaft im letzten Grunde nur um des Geldgewinnstes willen. (Schluß folgt.) Einbuße, wodurch das Nomadenleben kein Ende nimmt. Die Theologen und Lehrer besuchen Staatsaustalten, promovireu und kraft ihres Decretes wird ihnen die gebührende Achtung׳ in den seltensten Fälleit vorenthalten. To lange aber der׳ Cantor einen ähnlichen Studiengang nicht zu erbringen vermag, wird er von den Staatsbehörden als ein privater, subalterner Beamter׳ und von der Gemeinde als ein nothwendigcs liebe( angesehen werden. Es wäre an der Zeit die nöthigen Schritte zu thnn, um Einheit nnd Gleichheit in der Ausbildung von Jünglingen zu ermöglichen. Weder ein Couservatorium. noch ein Schullehrer- Seminar vermag einen zeitgemäßen 0113833 auszubilden. Zu diesem Unterrichtszweige gehören praktische, ideale und durchgebildete Collegen, die ein pädagogisches und classisches Wissen besitzen, die Liebe nnd Hingebung für ihren Beruf zeigen und das Herz des Jünglings empfänglich machen für seinen späteren Beruf. In dem Lehrpläne der Anstalt muß zuvörderst ein besonderes Augenmerk auf ein gründliches hebräisches Wissen gelegt werden. Zn der Liturgie und Musik sollen eingehende Kenntniße gefordert und die Befähigung zum Neligionslehrer als unbedingter ״ Abschluss des Stndienganges festgesetzt werden. Dann erst wird der Cnltusbean'.te Zufriedenheit und Anerkennung für die Dauer, vermöge seines Bildungsgrades und seines geläuterten Charakters^ in seiner Gemeinde und bei der Regierung genießen. Die Berussgeuossen und Gemeinden müssen Hand in Hand gehen, diese Organisation zn fördern. Auch die Herren Nabbinen und Prediger mögen durch ihr beredtes Wort Freunde für diese heilige Angelegenheit zu gewinnen suchen, Mittel nnd Wege zu schaffen und zu bahnen, um dem Werke näher zu treten, dessen Segnungen nicht ausbleiben werden. Jede Verzögerung ist ein neuer Riss an dem Hanse Israel. Die Pädagogik und das Indenthnm. Ueber dieses höchst interessante Thema hielt der Prediger vom neuen iSrael. Tempel in.Hamburg, Dr. Leimdörfer, am vorigen Sonnabend im Theatersaale des Convent-Garten׳ vor einem zahlreichen nnd gewählten Publikum einen Vortrag, der mitallgemeinem Beifall ausgenommen wurde. Die Pädagogik — so führte Redner beiläufig ans — sei die Wissenschaft der Erziehung des ganzen Menschen seiner physischen, psychischen nnd ethischen Seite nach, eine Erläuterung, mit der die wissenschaftliche Didactik eines Herbart, Palmer, Gräfe übereinstimmt. Als pädagogische Elemente gelten Pflege, Unterricht und Zucht, die, wie die kindliche Psyche in ihrem Grundvermögen, ungetrennt ihr übermittelt werden müsse im Elternhause, als der ursprünglichen Realschule des Menschengeistcs, und in der Schule, dieser Vollenderin der häuslichen Erziehung. Es sind nun die Fragen zu lösen: Hat das Jud.uthnm, dessen ganze Geschichte eine Pädagogik im großen Style ist, und das den Fundamentalsatz derselben aufstellt: Im Ebenbilde Gottes schuf er den Menschen, die genannten Erziehnngselemente gekannt und gewürdigt? Dann welchen Einfluss übte diese auf die Pädagogik anderer Völker, und vice versa, welchen Einfluss übte die Pädagogik anderer Völker auf Israel? Es wurde nun an der Hand der canonischen, historisä)en und religionsphilosophischen Bücher nachgewiefen, dass das Moment der Pflege in Bezug auf Ernährung, Kleidung nnd Reinigung die größte Berücksichtigung fand; ihr Dienten die strengen- Satzungen der Enthaltsamkeit, wie sie das mosaische Gesetz vorschreibt; nachdem das Kind schon lange die Schule besuchte, hatte es noch den Namen eines Tinok, das ist eines