Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1885)
- Date
- 1885-01-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 - Die Meinung der Comentatoren, dass Josuab, als der Wnnscb, dass'die Sonne und der Mond stehen bleibe, in Erfüllung ging; ein Preislied gesungen hättet, ist nicht plausibel. Ob bei der Musik und dem Tanze, welchem die Töchter Israels ף in der grauen Vorzeit schon mit Leidenschaft sröbnten, auch gesungen wurde, ist aus der Bibel nicht zu entnehmen; die Musik, diese Himmelsschwester des Gesanges, wurde schon in alten Zeiten bei den Juden als das sicherste Mittel zur freudigen Begeisterung angewendet. ,Bringt mir einen Spielmann her, rief der Prophet, als er sich zur Weissagung erheben wollte* 3). Sie sahen ein, dass die Menschen, ermattet vom Kampfe mit der irdischen Natur, eine Musik uöthig haben, die sie wie ein fernes Alphorn an ihre heilige Heimat mahnt und sie wieder zu sich bringt. Die Musik und der Gesang, die sie benützten, war die wahre, echte Kunst, die ihren Pinsel in die Tiefe des Herzens taucht und die Welt aus ihrem materialistischen Starrkrampf rüttelt, aber nicht jene Musik und jener Gesang, die unser» Verirrungen schmeichelten und die daö Herz zerfressenden Leidenschaften mit einem Heiligenschein umgeben. Die begeisternde Musik und der gottgeweihte Gesang sind für uns große Kinder umgekehrte Wiegen, die uns im beständigen Wachen erhalten. Auch ist es nicht bewiesen, dass Salomon Lieder gesungen hat, weil es heißt; ויהי שירו חמשה ואלף; denn das Wnrzelworr שור hat mehrere Bedeutungen, im Arabischen heißt es: im Kreise gehen, umgeben, soviel als das verwandte הור "NH davon שיר Mau-.r, ferner arabisch aufsahren, erregt sein, auch ausspringen, auswühlen, pflügen״ davon שור Rind, ferner bedeutet es schauen, sich umsehen, und zwar öfter ein geistiges Schauen, eine Vision, und daher שיר ein Gedicht und משורר ein Dichter, endlich heißt es auch singen. ')Siehe Naschi und Binr zu Josua Cap. 10; nach dem Biur soll im Buche ספר הישר bas Lied stehen, welches Josua gesungen hatte. 2) Wie die Tochter Jiftoch's und die Tochter Schilo's im Buche Richter 19. 2) 2. B. K., Cap. 3. dass bei ihm, dem Genialen, philosophisch Geschulten, gesellschastlich Freigestellten, die seinem Stamme nachgesagte dünkelhafte Ueberhebung auf der einen, die nervöse Verletzbarkeit auf der anderen Seite genau so ausgeprägt waren, wie bei dem geringsten, beschränktesten, ungebildetsten Juden und diese Eigenschäften ihm ein klares Urtheil und normales Empsinden in der ,Judenfrage' ebenso unmöglich machten wie dem letzteren. Aber kann ein Jude — und wäre es ein Auerbach in seinen besten, gesundesten Stunden — an die Frage mir der kühlen Objectivität herantreteu, wie etwa ein deutscher Gelehrter? Bei Kannstadt hinter dem Kurhause hatte man, ohne dass er davon wusste, zu seinen Ehren eine Linde gepflanzt, in einem Wäldchen, wo er vordem oft und gern war. Bei einem späteren gelegentlichen Aufenthalt (1877) besuchte er den Platz in Begleitung zweier Verwandten, die — es war gerade der jüdische Versöhnungstag — von Stuttgart zu ihm gekommen waren. Er schreibt: - ,Wir gingen den Berg hinan und fanden bald die wunderbar prächtig, symmetrisch gebaute Linde, von Ruhebänken umgeben (der Stamm mit Draht umhegt, und auf einer Tafel daran steht: ,Auerbachs Linde"). Ja, sagen lässt sich's nicht, wie das Herz bewegt ist, wenn das Auge solches sieht. Wir saßen eine Weile dort oben, dann ging ich mit unseren Geschwistern zur Synagoge und heim. Wenn ich zurückdenke und wenn ichvorwärts denke, das Dasein wird mir zu einem Wunder. An diesem Abend war ich von Kindheit an so mächtig ergriffen vom Aus der Lautgleichbeit שיר und שור lässt sich vermuthen, dass diese Wörter ursprünglich den kreisförmigen Singetanz ׳מהול dann erst das Singen allein bezeichneten; das 1יהי שירו המשה ואלף braucht nicht übersetzt zu werden: Seine Lieder waren tausend und fünf, sondern seine voelischen Slücke waren tausend und fünf. Der nachfolgende Vers: Ec redete über die Bäume von der Zeder ans dem Libanon bis zum Aesop. und er redete über das Vieh und über die Vögel und über das Gewürm und über die Fische, bestätigt, dass seine poetischen Arbeiten in Dichtungen, Parabeln, Gleichnißen und Fabeln bestanden 4). Das שיר השירים von Salomo ist eine erotische, bildreiche Dichtung, die herrlichste und vorzüglichste unter allen seinen Dichtungen und es darf nicht übersetzt werden: Das Lied der Lieder, sondern das ,Gedicht der Gedichte' 5), es ist eine erhabene Jeylle. König Salomo will uns in diesem Gedichte das vollkommenste Ideal eines tugendhaften Weibes geben, das er durch Sulamit darstellt; die mächtigsten Mittel der Verführung wurden aufgeboien, um die standhafte Tugend der Israeliten verherrlichen zu können. Wie nichtssagend ist die Verherrlichung der Frauenlugenden, welche Dichter in anderen Sprachen geben, oder auch darstcllen, gegen die Darstellung Salomo's! Wie verschwindend gering die Worte des Dichters Schiller: ,Und etwas lebt noch in des Weibes ״Seele, das über allen Schein erhaben ist und über alle Lästerung, es heißt weibliche Tugend — gegen die Lob- Preisungen der Fürstinnen über Sulamit's Tugend, die sie imponirend wie Bannerträger אומה בנדגלות bezeichnen! Das שיר השירים erhielt das Epitheton ,Allerheiligstes', ר,רש ר,רשים, weil es die Frauentugend als eine Nationaltugend darstellt durch eine Israelitin, die gerade berufen ist, den israelitischen Volkscharakter auf die höchste Stufe der Veredlung zu bringen. (Fortsetzung folgt.) 4) Auch der Midrasch deutet das שיךן nicht als Gesang, sondern er sagt: על כל משל אלף וחמשה מעמים. 5) Auch der syrische Tarzum, herausgegeben vom seligen Dr. Adolf Hübsch, gibt das שיר השירים mit den Worten: הכמה הכ2!םא. Gedanken über Leben und Tod, Sünde und Reinheit, ich stand neben meinem Vater, der sein Todtenhemd über den Kleidern trug, in der Synagoge, alle verheirateten Männer trugen das Leichcngewand und mir war immer so tief bang. Und wenn ich vorwärts denke; ich werde todt sein, und der Baum da oben wird in der heimischen Erde grünen und dem stillen Wanderer meinen Namen künden". Warum ich diese Stelle ausgeschrieben? Nur, um den vorurtheilsfreien Leser zu bitten, sich die Gedanken des Mannes noch weiter auszuspinnen, zu lesen, was unsichtbar zwischen den Zeilen steht: die Geschichte seines Lebens, wie sie in dieser Stunde an seinem geistigen Auge vorübergehen mochte: seine — des bäuerischen Judenkindes — armselige Jugend inmitten der braven, strenggläubigen Verwandten; und wie er sich aus der Beschränktheit des socialen und geistigen Kreises, in welchen er durch die Geburt, durch die zäheste Tradition, durch das ehrwürdigste Beispiel, durch die Starrheit der von außen her gezogenen Schranken ein für allemal gebannt schien, mit heißem Bemühen heraus- und emporgcrungen zur Religion des reinen Menschenthums, deren praktische Bethätigung er doch wieder nur in der heißen Liebe zu dem Volke fand. Zu seinem Volke, dem deutschen Volke, desien Wesen in seinen Höhen und Tiefen er zu begreifen und im verklärenden Spiegel der Dichtung ihm zurückzugeben suchte: zur Freude und Erbauung, aber auch zu ernster Mahnung des Strebens nach immer höheren Zielen. Und der das Höchste nun erreicht zu haben und, wie er sein Volk geliebt,