Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1885)
- Date
- 1885-01-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Naumburg'schen adonoj moloch. im logischen Zusammenhänge stehen, müssen wir bier zur Sprache bringen. Ein Cardinalfehler des ausstrebenden südischen Cantorenthums der nacksulzer'schen Periode war die unbegreifliche und unverantwortliche Außerachtlassung der charakteristischen Steiger; wir meinen keineswegs die virtuose Kehlenfertigkeit, die von den gottbegnadeten altenChai'anim als Ausschmückung der Steiger angewendet wurdet sondern die strenge und genaue Beachtung der jedem Steiger als wesentliches Merkmal innewohnenden Intervalle. Allerdings sind diese Versündigungen, die in bedauerlicher Weise nock bis in die Gegenwart hincinragen/weniger dem betreffenden Interpreten als dem Umstande znzuschreiben, dass sich in jener Zeit von all' den maßgebenden Persönlichkeiten nicht eine einzige der Ausgabe unterzog, die Steiger wissen« schastlich zu behandeln und ein leichtsassliches System derselben aufzustellcn; so mancher Mißgriff, namentlich bezüglich der Mischung der Steiger, wäre unmöglich, so manche beklagenswerthe Erscheinung, das gänzliche Anßerachtlassen gewiffer Steiger betreffend, wäre sraglich geworden. Erscheint uns nun eine gewaltsame Vermischung . verschiedener Steiger an und sür sich verwerflich, um so verwerflicher dünkt uns das plötzliche Auftreten einer Steiger-Phrase im Nahmen einer modernen Composition. Mau mißverstehe uns nicht; wir begrüßen jedwede in Steiger-Manier gearbeitete, mehrstimmige Composition, fühlen uns sogar berechtigt, solche, wenn sonst gesetzmäßig gefügte Arbeiten als Ideale echter Synagogen״ Musik hiuzustcllen, und haben selbstverständlich nichts dagegen, wenn innerhalb einer solchen Composition auch eine typisch- Polnische Cantilene für den Cantor eingefügt erscheint, allein in der Umgebung eines spezifisch deutschen Chorgesanges ganz unvorbereitet das Fragment einer polnischen Singweise hinzuwersen, kann ebensowenig gerechtfertigt erscheinen, als die Einverleibunz einer blühenden Cypresse innerhalb einer sonst trefflich gemalten nordischen Winterlandschast wahrhaft künstlerische Befriediguug gewähren kann. Die natürliche Zusammengehörigkeit darf unter keinen Umständen durch unnatürliche Zwangsmaß regeln gestört werden, soll das Ergebnis nicht den Eindruck des Dilettantenhaften machen und — um eine Bemerkung pro domo nicht zu unterdrücken — wir benrtheilen die fachmännische und sonstige Reife eines jeden Berufsgenossen lediglich nach der Reinheit des Styles, der feinem Gesangsvortrage innewohttt, und haben uns nach dieser Richtung noch niemals getäuscht. Deshalb erscheint uns diese hingeworfene polnische Phrase bei einer Naumburg'schen Composition geradezu unerklärlich und standen wir nicht an, dieselbe als ungerechtfertigt zu bezeichnen. Ungerechtfertigt, wenn die Absicht des Autors dahin ging, für sich, oder sür den Cantor überhaupt, ein exotisches Reizmittel zu schaffen, welches den Zuhörer überraschen und frappicen muss; ungerechtfertigt jedoch insbesondere, weil durch ein derartiges Vorgehen eines Meisters diese verpönte Zwittermanier sanctionirt und unreife Talente zu ähnlich-componistische Versündizungen verleiten muß. Wir beachten und würdigen die Thatsache, dass der moderne Synagogen-Componist Naumburg in diesem Abrisse der Steiger-Phrase einerseits eine genaue Kenntnis der Steiger, andererseits eine gewisse Anknüpfungsnolhwendigkeit an das Alle bekundet, können jedoch die Nutzanwendungen in dieser Form unmöglich acceptireu. (Fortsetzung folgt.) Cantor-Fmge. Vom Bezirksrabbiner A. Roth in Sziklos. IV. Von Deborah bis David, welcher bei der Rettung aus den Händen seines gewaltigen Feindes Saul ein Loblied sang, indem seine freudetrunkene Seele ihm Schwingen entfaltete, weil er das Ziel erreicht, die Höhe glücklich erklommen ist, finden wir Niemanden, welcher ein Freudenlied angestimmt hätte. Spirlhagen über Auerbach. Vor einiger Zeit erschienen aus dem reichen Nachlasse Berthold Ä u e r b a ch's dessen Briefe an seinen Freund Jakob Auerbach, die als eine fast zweiundfünfzig Jahre umfassende Autobiographie des dahingeschiedenen Dichters abseits großes Interesse erregten und in den verschiedensten Zeitschriften eine lauge Reihe von Besprechungen hervorriefen. Die bedeutsamste dieser Kundgebungen ist jedoch die diesbezügliche Abhandlung Friedrich Spielhagens in den ,Westermann'schen Monatsheften*. Es ist ein congenialer Genosse, der einerseits schöpfend aus dem reichen Material der ,Briefe*, andererseits die Erfahrungen, die er selbst im langjährigen, intimen Verkehre mit Auerbach gemacht hat, benützend, ein treues und lebensvolles Bild des da- Hingeschiedenen Freundes als Politiker, als Dichter und Mensch entwirft und den Ausspruch thut, dass derselbe als Feind jeder externen Richtung eine Vermitt'uugsrolle auf den verschiedenen Gebieten seines Wirkens gespielt habe, und darum so vielfach angefeindet wurde. Von besonderem Interesse dürsten für unsere Leser jene Stellen dieses gediegenen Aufsatzes sein, in welchen Spielhagen darthut, wie sich Auerbach zu der an seinem Lebensübende auftauchenden antisemitischen Frage verhielt, weshalb wir einen Auszug derselben im Nachfolgenden zum Abdruck bringen: ,Auf keinem Gebiete aber hat Auerbach die Erfüllung seiner Vermittelungsmission so viel Kummer und Herzleid bereitet, find seine liebsten Wünsche so wenig erfüllt worden, ist sein heißes Mühen und Ringen so scheinbar resultatlos geblieben, als auf dem der sogenannten ,Zudenfrage*. Nachdem sämmtlicheZeitungen und Journale, welche über die ,Briefe* berichtet, diesen Punkt mehr oder weniger ausführlich besprochen, einige sogar in das Centrum ihrer Betrachtungen gerückt haben, würden die Leser der ,Monatshefte* sich wundern, wollte ich Denselben mit Stillschweigen übergehen. Ich könnte das aber auch schon deshalb nicht, weil ich mich mit keiner der mir vorgekommenen Auffassungen der Sache in völliger Uebereinitimmung finde. Ich meine, man macht es sich hüben und drüben zu leicht, wenn man Auerbach in der Stellung, welche er in der Frage einnahm׳ entweder durchaus recht oder ebenso unrecht gibt und ihn in Folge dessen als Märtyrer glorificiren oder als Düpe seiner eigenen grundlosen Schwarzsichtigkeit hinstellen möchte. Zuerst, man vergisst nur zu oft: die Hitze des Kampfes fand Auerbach als alternden und bald darauf als positiv kranken Mann, und — wie er gelegentlich des Todes von Gervinus sagt —: ,das erträgt man bei gesundem Leibe, aber nicht, wenn man krank ist und daniederliegt.' So äst denn meiner Ansicht nach so manche bis zur Verzweiflung bittere Aeußerung über die betreffenden Zustände, so mancher bis zur Gehässigkeit scharfe Ausfall gegen die Gegner von dem kranken, nicht von dem gesunden Auerbach geschrieben worden und deshalb einfach von der Rechnung zu streichen.. Aber, sagen die Gegner, auch so bleibt ja noch genug übrig, aus dem klärlich hervorgeht, dass der Mann krank war, freilich in einem ganz anderen als dem obigen Sinne, das heißt,