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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-01-17 · Heft 3 (17.1.1885) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 3 (17.1.1885)
Date
1885-01-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— e — ,Der Antisemitismus — denn von diesem ist die Rede — ״wie derselbe an vielen Orten grassirt nnd sich in einer bis znr Gewaltthatigkeit gesteigerten Feindseligkeit gegen das jüdische Volk äußert, wird von jedem wahrhaften und gewissenhaften Priester des ungarischen Vaterlandes verurtheilt, wissend, dass wir alle im Dienste jener Religion stehen, welche das Symbol der Liebe auf ihrer Fahne tragt, und dass wir jelbft dann und dort, wo es gelte, gewisse Answüchse zu entfernen und zu bestrafen, nicht berufen sind, die strafende Geißel Gottes zu handhaben, sondern vielmehr den Geist der bessernden göttlichen Barmherzigkeit zu vertreten haben. Ja, .wohl jeder vernünftige Priester des Landes ist in der Tiefe seiner Seele überzeugt, dass derartige gewalttätige Angriffe gegen Einzelne des jüdischen Volkes sorglich vermieden werden müssen; noch mehr, er ist auch davon überzeugt, dass er dasselbe von jenen mannigfachen, nicht in der rohen Form der Gewalttätigkeit erscheinenden, antisemitischen Bestrebungeu zu halten habe, zumal man von diejen im voraus nur weiß, woher sie ausgeheu und welcher Art ihr Anfang ist, doch wo dieselben still stehen, und bis zu welchem Grade sie entartet werden, wenn das angefachte Feuer der unbezähmbaren menschlichen Leidenschaften sich zu ihnen gesellt, das vermag sicherlich Niemand vorauszusagen.* Mit inniger Befriedigung constatirt sodann der Cardinal, dass er diese Worte eigentlich überstüssigerweise an die Priester seiner Diöcese richte, denn diese seien nicht angegriffen worden, und wenn auch "gegen Einzelne der Verdacht auftauchte, so genügte eine Untersuchung, uut sofort die Haltlosigkeit der Anklage klarznlegen. Der gute Ruf der Geistlichkeit seiner Diöcese stehe rein und mackellos da, keinem einzigen Mitglieds konnte das Schandmal der antisemitischen Agitation aufgedrückt werden. Wenn Einzelne eine ernstere Rüge verdienten, so zweifelt der Cardinal nicht, daß dieselben jenen Auswüchsen gleich zu achten sind, die in jedem weiieren Kreise vorzukommen pflegen; insbesondere habe die Untersuchung ergeben, dass nur solche Inden angegriffen worden seien, die über die katholische Religion schmähende Aeußerungen gethan habem Der Hirtenbrief erörtert hierauf die gegen den Clerus erhobenen Anklagen wegen der Betheiligung au den Politik scheu Agitationen. Zunächst constatirt der Cardinal, Lass er die politische Freiheit, welche durch die Verfassung und die Gesetze allen Staatsbürgern, daher auch Leu Geistlichen,' gewährleistet ist, selbst dann zu resp.ectiren verstanden habe, wenn der Gebrauch derselben von jenen politischen Maximen abwich, die er durch fein ganzes Leben vor den Augen aller Welt befolgte, ,und wenn sich Einzelne fänden* — so . heißt es wieder wörtlich im Pastoralschreiben — ,die im Gebrauche dieses constitutionellen Rechtes nicht immer die einem Priester ziemende Mäßigung an den Tag legten und dagegen durch Wort und That sündigten: so vermag ich auch diese sehr vereinzelten Fälle nur unter jene Ausnahmen zu zählen, die in jeder Körperschaft, in jedem Lande und in jeder öffentlichen Thätigkeit Vorkommen, die aber deßhalb noch nicht im Stande sind, den Charakter und die Wirksamkeit der ganzen Corporation zu verunzieren, zu stigmatisireu oder als verurtheilenswerth erscheinen zu lassen. Es würde zu weit führen, durch Anführung und Kritik einzelner Thatsachen und Beispiele noch mehr über diesen Gegenstand zu sagen, ich glaube, dass das hier vor Gott und euch gewissenhaft Aufgezählte ausreichen werde, damit alle Jene unter euch, die durch die Angriffe der Presse verletzt wurden, sich wieder beruhigen werden in der Ueberzeuguug, dass Liese Anklagen in ihr Nichts zerfallen müssen, und ihr daher ruhig die Erfüllung eurer priesterlichen Pflichten forsetzen könnt. Ihr werdet immer dafür belobt, dass ihr, eurer Kraft uud Begabung entsprechend, Gott und seiner Kirche mit vollster Hingabe dienet, dass ihr bestrebt seid, im Volke den ererbten Glauben zu nähren und zu erhalten, desgleichen die christlichen Tugenden in unverbrüchlicher Treue und Anhänglichkeit unserem Könige, unserem höchsten Schutzherrn zu steigern, dass ihr bestrebt seid, bei euren Gläubigen die Liebe zum Vaterlande, zu allen Bewohnern und Völkern des Landes zu bewahren, mögen dieselben welcher Religion oder Nationalität immer angeboren.' Wildapest. Das ,Budapester Tagblatt* schreibt: .Wie wir erfahren, hat vor einigen Tagen der Präses der Vudapefter orthodoxen Cultusgemeinde. Herr Reich, einen der hervorragendsten oppositionellen Politiker ausgesucht und vor dieser Persönlichkeit seinem Mißmuthe darüber Ausdruck gegeben, dass durch die ge-, plante Oberhausreform die kirchliche Verfassung des Judentums bedroht erscheine. Die südliche Kirchenverfassung kenne keine Hierachie, wesbalb die Vertretung derselben durch irgend ein Oberhaupt im Oberhause unzulässig sei. Die Einberufung des Budapi-ster Rabbiners würde und könnte die Judenschafl nicht befriedigen, da die Stellung des Bndapeiter Rabbiners noch keine Gewähr dafür Bieter, dass er unter den Nabbinen der hervorragendste sei. Und weil die Vertretung der Judenschaft als solcher aus Mangel eines hierarchischen Oberhauptes im Oberhause undurchführbar ist, werde das ernannte israelitische Mitglied nur sich selbst vertreten. Noch ähnliche Gründe führte der Vertreter des orthodoxen Judenthums gegen die geplante Maßregel an, um im eigenen sowohl als auch im Namen seiner orthodoxen Gemeinde gegen die Vertretung der Inden im Oberhanse zu protestiren.* Hierauf erfolgte nachstehende Erwiderung: .Geehrte Redaction! Jemand, der ein besonderes Interesse zu haben scheint, so oft von jüdischen Angelegenheiten die Rede ist, die Thatsachen zu verquicken, hat sowohl in ihrem geschätzten Blatte als auch in mehreren anderen vaterländischen Journalen die Mitlheilung veröffentlicht, als hätte der Präses der Budapester autonomen, orthodoxen jüdischen Gemeinde in der Oberhaus- Vertretungssrage irgend welche Schritte und Aeußerungen gethan. Ich halte es daher für meine Pflicht zu erklären, dass von all' dem meinerseits (cs war auch gar nicht von Herrn Freudiger, sondern von Herrn Reich die Rede. D. Red.) nichts geschehen umsoweniger, da meiner Ansicht nach zu einer Stellungnahme nur eine legale Landesversammlung der autonomen, orthodoxen jüdischen Eonfession berechtigt wäre. In hochachtungsvoller Ergebenheit: Budapest (Pest), 30. November 1834. M. Freudiger Präses der autonomen, orthodoxen jüdischen Gemeinde." ,Wir holten unsere Nachricht aus so guter Quelle', bemerkt dann das ״Budapester Tagblalt", ״dass wir dieselbe aufrechterhalten können; eine einzige Unrichtigkeit ist es, die wir zu rectiflciren haben, und das ist die, dass Herr Reich nicht Präses der hiesigen orthodoxen Gemeinde, sondern des Landesverbandes der Orthodoxen ist/' Wnllarest, 18. December. Von dem Elende, unter welchem eine friedliche, arbeitsame und genügsame Bevölkerung in einem zu den Culturftaaten sich zahlenden Königreiche Europas seufzt, macht man sich im Auslande noch immer keine annähernde Vorstellung. Die harten vexatorischen Maßregeln im Verein mit einer willkürlichen Handhabung der obrigkeitlichen Gewalt verkümmern die Existenz des größeren Theiles der rumänischen Juden. Hievon einige auS dem Leben gegriffene Beispiele, die keines Commentars bedürfen, um die allgemeinste Entrüstung wachzurufen, wo nicht ein gehäffiges Vorurtheil die Stimme des Rechts und der Billigkeit erstickt hat. Die ״Zraternitate" erzählt folgendes, . kaum glaubliches Verfahren. In Darabani, einem kleinen Orte, starben vor zwei Monaten einem Bauern und dem Schächter je eine Kuh. Dieses Krepieren zweier Kühe wurde zu einer Viehseuche! gestempelt, und es gelangte ein Befehl des Präsecten an den Commissär Filipescn in Dorohoi, dagegen geeignete Maßregeln zu ergreifen.! Dieser ordnete sofort an, dass die Juden einen Graben um den Ock ziehen sollten, um der angeblichen t 1

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