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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-01-17 · Heft 3 (17.1.1885) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 3 (17.1.1885)
Date
1885-01-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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und jedes ihrer Dörfer ist der Verwaltung durch einen Unter״ ofsicier der Armee übergeben." Diese Aufseher waren alte ausgediente Soldaten, die in einer brutalen Dressur herangewachsen waren und als gejchulte oder raffinirte Wächter dieser Dressur gelten konnten, von den Erfvrdernißen der Landwirthschaft aber ebenso wenig etwas verstanden wie die jüdischen Colonisten, die das Unglück halten, ihrer Willkür unterstellt zu werden. Es lieh sich von vorneherein vorauSseheu, dais diese Unterofficiere den Colonien nicht znm Legen, sondern nur zum Fluche gereichen würden. Landwirthschastlich vermochten sie nichts zu nützen; ihre ganze Wirksamkeit konnte daher nur darin bestehen, in den Colonien die militäriscbe Zucht und Ordnung zu schassen, welche ihnen selbst zur zweiten Natur geworden war. Bei Berufung dieser Aufseher hat die russische Negierung allerdings nicht an die Einbürgerung der Militärdespotie gedacht; das Reglement für die Aufseher bestimmte vielmehr, dass die Colonisten mit milder Strenge zu behandeln seien. Die mit der Knute auftretende Despotie griff aber trotzdem Platz, und die Knute wurde in den Colonien schließlich ebenso beimisch wie beim Militär oder bei den adeligen Bauern. Wenn Dr. Hell sagt, es sei nöthig gewesen, die jüdischen Colonisten der strengsten Wachsamkeit zu unterwerfen, besonders um sie zu verhindern, ihre Dörfer zu verlassen, so irrt er insofern, als das Verlassen der Dörfer, die Flucht aus denselben, erst mit dem Augenblick begann, wo das Knutenregiment errichtet und der nach Freiheit und Selbstständigkeit ringende Jude wie ein Leibeigener mißhandelt wurde. Panischer Schrecken bemächtigte sich der Juden; die Anschauung verbreitete sich, die Colonisation der Juden sei nur eine Zwischenstalion zur Leibeigenschaft derselben. Damit war das Schicksal der Colonien besiegelt. Der Eifer und der Andrang zur Colonisation hörten auf, die Reihen der Colonisten, die ja wirthschaftlich durchaus nicht auf Rosen gebettet waren, lichteten sich, und das --Resultat der Unterosficierswirthschaft in den Colonien war der Verfall der Colonien und die Discreditirung der Colonisation unter der jüdischen Bevölkerung. Das Vertrauen kebrte auch dann nicht wieder zurück, als die Regierung die kleinen Tyrannen abberief und sie durch Civilbeamte ersetzte. Prügelten die Unterosficiere, so führten die Civilbeamten ein unerhörtes System der Erpressung ein. Wer nicht zahlte, wurde verfolgt, und. wer wiederum zahlte, erwarb das Recht der Arbeitslosigkeit, womit den Colonien erst recht nicht gedient war. Die Opponenten, wurden mit Arbeit wahrhaft erdrückt oder auch wegen fortgesetzter Trägheit — einfach nach Sibirien geschickt. Man kann nun selbst ermessen, ob unter so schrecklichen Verhältnißen, deren Rabmen noch erheblich erweitert werden könnte, an eine gedeihliche Entwicklung der Colonien überhaupt ׳zu denken war. Ans der einen Seite eine Fülle technischer Hinderniße, ein Leben voller Mühseligkeiten und Entbehrungen, auf der anderen die schrecklichste Brutalität und die schamloseste Erpressung. Da musste in den Colonisten von selbst alle Liebe zur Landwirthschaft ersticken und einer tiefen Abneigung weichen. Jetzt kam es dahin, dass die jüdischen Colonisten die landwirthschaftlichen Colonien zu fliehen begannen, dass aus den Landwirthen, welche das System der russischen Staatsaufsicht aus den Niederlassungen vertrieben hatte. Taglöhner in der Landwirthschaft oder solche in den Städten wurden, und dass in der ganzen jüdischen Bevölkerung ein förmlicher Abscheu gegen das Colonisationsproject erwachte, das einst so große Hoffnungen erweckt hatte und so begeistert begrüßt worden war. Die Staatsaufsicht versetzte den Colonien den Todesstoß. Die Regierung gab die Colonien schließlich auf, und das gereichte ihnen zur Wohlthat. Wäre die Aufhebung des brutalen Regiments schon früher eingetreten, dann stände cs sicher besser um die jüdische Colonisation überhaupt. In der Freiheit erholten sich die Colonien sichtlich, und sie wären sicher einer blühenden Entwicklung entgegengegangen, wenn nicht die Judenbetzen ge״ kommen wären, die gerade in dem jüdischen Colonialgebiete am heftigsten lobten. Sie haben in den steißigen Juden das Vertrauen in die Zukunft erschüttert und das endliche Gelingen des ColonisationSwerkes wieder ernstlich in Frage gestellt. — Jetzt macht sich in Südrußland eine bemerkenswerthe Erscheinung geltend; unter den großen Grundbesitzern befanden sich bereits zahlreiche Inden. Vom Staatsboden, der alljährlich verpachtet wird, befanden sich vor zwei Jahren nicht weniger als 115,142 Dißj. im Pachtbesitze von jüdischen und nur 61,317 Dißj. im Pachtbesitze von christlichen Bauern. Die christlichen Bauern freilich sind vornehmlich Pächter des Adels, dem sie als Pacht den dritten Theil deS Fetdertrages zahlen müssen. Die Freigebung der Bauern hat dem Adel in diesen Gegenden gerade keinen Nachtheil gebracht. Statt des ,Zehnten* bezieht er nun ein Drittel der bäuerlichen Arbeitskraft. Die obigen Zahlen zeigen, wie bedeutend trotz aller Hinderniße die Betheiligung der Juden am schwersten aller Berufe ist. Wie großartig würde die landwirthschaftliche Bethätigung der Juden erst werden, wenn sie Freiheit und Emaneipation erhielten. Nicht nur die Colonien Chersons, sondern überhaupt alle jüdischen, trugen bezüglich der Verwaltung das gleiche Schicksal, nicht alle aber hatten wirthschaftlich mit solchen Hindernisten wie jene zu kämpfen, und so kommt es, dass viele dieser Colonien sich heute einer blühenden Lage zu erfreuen haben. Auf alle Fälle darf festgehalten werden, dass die bisherigen Colonisationsversuche der Juden ihre Befähigung zum landwirthschaftlichen Beruf durchaus dargethan haben. Kleine Chronik. Hger. Vor einigen Tagen ließ sich der hiesige jüdische Advokat Dr. Eduard Lederer in der hiesigen Dekanalkirche taufen. Nicht etwa, dass er als Jude wenige Clienten gehabt, oder dass solche ihn vor der Taufe gefragt hätten, welcher Confessio» er angehöre. Wahrscheinlich götzte er auch nach einem zweiten Vornamen, den er auch mit mit dem Namen ,Vincen;' erhielt. Hroßrvardein. Unser Glaubensgenosse, Herr Leopold Steiner, wurde in Anbetracht seines hervorragenden und ersprießlichen Wirkens von Sr. Majestät in den Ritterstand erhoben. Aus diesem freudigen Anlasse wurde vergangenen Samstag im Tempel eine Feierlichkeit ver, anstaltet, zu welcher Oberrabbiner Dr. Alexander Kohut einen Nischeberaeh für den ausgezeichneten Mann verfaßte. Obercantor Hertmann Lewin setzte den Nisobsbsraeb in Musik und erzielte bei Aufführung desselben mit seinem trefflichen Chore zahireichen Beifall und vielfache Anerkennung. 'Mest, 15. Januar. (Ein Hirtenbrief deS Cardinals Haynald.) Großes Aufsehen erregt ein umfangreicher Hirtenbrief, den Cardinal Erzbischof Haynald anläßlich des Jahreswechsels und der Fastenzeit an die Geistlichkeit der Kalocsaer Diöcese gerichtet hat. Im Eingangs des Pastoralschreibens ermahnt der Cardinal feinen Diöeefan-Clerus zur Verbreitung des Glaubens im Volke und vertheidigt sodann die Geistlichkeit gegen die Angriffe, wonach elftere den Hass zwischen den Confestionen und Nationalitäten angefacht und dadurch genährt, dass sie an den politischen und socialen Bewegungen in ihr nicht ziemlicher Weise theilgenommen hätte- Dann heißt es wörtlich in dem Hirtenbriefe:

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