Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1885)
- Date
- 1885-01-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — Die goldene Mittelstraße. בדרך המלך 2לך. Von Simon Diamant, Oberlehrer in Austerlitz. I. Mein sehr geschätzter College, Herr Oberlehrer Riesenfeld, hat mit seinem über Thoravorlesung veröffentlichten Artikel in ein wahres Wespennest gestochen. Allenthalben fliegen Meinungen auf, schwirren Ansichten hin und her, mannigfache Stimmen erheben sich pro und contra. Die Einen wollen diesen unbedingt wesentlichen und höchst integrirenden Bestandtheil unseres Gottesdienstes, diese ehrwürdige Institution in ihrer ursprünglichen, patriarchalischen Gestalt aufrecht erhalten wissen; Andere wieder das moderne Secirmesser, das oft mit den klaffenden Wunden zugleich manches gesunde Glied vom Körper trennt, auch an diese uralte, gottesdienstliche Einrichtung setzen und dieselbe derart zustutzen, dass nür wenig oder gar nichts übrig bliebe. Jedenfalls gebührt Herrn Riesenfeld das Verdienst, diese wichtige liturgische Frage angercgl und vor das Forum der Oeffentlichkeit gebracht zu haben, wodurch eine wohlthucnde Polemik hervorgerufen wurde אלו ואלו דברי חיים הם. Wahr ist es, das Vorlesen aus der Thora, wie es heutzutage in den meisten Gemeinden unseres Vaterlandes geschieht, entbehr! jeglicher Weihe, die geeignet ist, das Herz des Andächtigen höher zu stimmen und eine ethische Wirkung hervorzurufen. Aber bei jedem Uebel muss man der Ursache, der Wurzel desselben nachforschen, dann lässt sich auch leichter und objectiver darüber urtheilen. Man muß beherzt und unentwegt die, wenn auch schmerzende Sonde an die wunde Stelle bringen, und dann, nur dann kann das Uebel beseitigt werden, nachdem der Urgrund desselben erforscht wurde. Nach meiner bescheidenen Ansicht liegt die eigentliche Ursache dieser Calamität in der gegenwärtig herrschenden, krassen, wahr- Haft erschreckenden Verständnislosigkeit des Urtextes der Bibel. Forschen wir hier parteilos nach der Ursache. Sind die Rabbiner!, Cantoreu, Lehrer oder die Eltern daran schuld? Vielleicht manche mehr oder minder. Aber die eigentliche Schuld liegt in der modernen Zeitströmnng, die ein ausgesprochenes, intensives Studium der Thora von Seite der Jugend negirt. Es ist das Haschen und Zagen nach Erwerb, nach materiellen Gütern, das Streben und Ringen nach Geld und Gut, das seit einigen Jahrzehnten die Menschheit beherrscht; es ist dem Judenthume seine ideale Richtung abhanden gekommen, es prosperirt das Materielle. Das rein Geistige, die höheren Lebenszwecke, denen unsere Alten mit aller Aufopferung, mit aller Glut ihrer Herzen, mit allem Aufgebot ihrer Kräfte nachgestrebt — sie schweben uns nicht mehr vor! Die heutige Jugend wird nicht mehr für das Studium der heiligen Schrift herangebildet, sie wird vielmehr erzogen zu so und so viel im Staube des irdischen Lebens kriechenden Individuen, die nur dazu dressirt werden, sich im Schweiße ihres Angesichtes ibr Brod zu verdienen בזעת אפיך ׳תאכל לחם unbekümmert um das spätere קוץ ודרדר ת2מיה לך; unser Jahrhundert ist das Zeitalter des Dampfes, der Leichtlebigkeit und des Sybaritenthums. Nach den modernen Principien darf kein jüdisches Kind die Volksschule bis zur irar mizwah besuchen, denn es muß doch zeitlich studiren, natürlich per Dampf, um bei dem zu erreichenden, militärfähigen Alter als Einjährig- Freiwilliger u. s. w. nur so schnell als möglich sich der vaterländischen Pflicht zu entledigen. Und die sporadischen Fälle, in denen man sich hie und da noch dem geistlichen Berufe widmet? Auch da sinkt das Studium zum Brotstudium herab, und die Meisten trachten nur, eine fette Pfründe zu erhaschen — .תורה שלא לשמה Wie sollen wir da unter solchen Umständen ein Contingent hernehmen, das die aus der Thora verlesenen, heiligen Worte verstehen und daher auch beherzigen soll? Wie ganz anders in früherer, noch nicht gar so lange verflossener Zeit! Welch' eine Fülle von Zuhörern, die in aufrechter Stellung — andachtsvoll, weil verständnisinnig — der Thora- Vorlesung lauschten! Da wurde von den Zuhörern jedes Wort jedes Iota der zu verlesenden?arsclia mit den Fingern gedeutet, und wehe dem Vorlesendcn, wenn er ein Wort verfehlt, oder auch nur aus leicht zu entschuldigendem Versehen eine Negina verwechselt hätte! Welch' ein Zetergeschrei, das sich nicht eher legte, bis der Lapsus gut gemacht wurde. Heutzutage finden wir diese andächtige Schaar bedeutend gelichtet אחד בעיר ושרם במשפחה. Es kann auch nicht anders sein, es ist dies eine natürliche Folge der Thatsachen. die consequenter Weise hiezu führen, und wenn es noch weiter auf dieser abschüssigen Bahn geht, so dürfte es leider noch ärger kommen.. Eine weitere Ursache der Indolenz und Apathie des Publikums während dieses gottesdienstlichen Actes liegt manchmal auch in dem Koreh selber. Dieses Vorlesen darf nicht, mindestens gesagt, schablonenhaft behandelt werden, so dass dasselbe wirklich als ein ,Herableiern״, wenn auch da nicht am rechten Orte, gedeutet werden könnte. Dieselbe Pstege, die der Cantor dem gesanglichen Theile der Liturgie widmet und dadurch die Herzen seiner Zuhörer zur erhebenden Andacht stimmt, dieselbe umsichtige Sorgfalt wende er auch diesem oratorischen Vortrage zu. Es ist wahr, ungemein schwierig ist es, und cs gehört eine gewisse Vollkommenheit dazu, jeden Sabbath etliche Tausend Worte, ohne jegliche Zeichen und Punkte oder sonstige orientirende Merkmale ,aus freier Hand' verständnisvoll, grammatikalisch vorzutragen, aber wie bei jedem höheren geistigen Streben muß der Functionär vor Allem Liebe zu seinem Fache haben und dann — fleißige, beharrliche Uebnng; — denn bekanntlich macht Uebung den Meister. Die Cultusverhältniße in Mahren. Von frohen und berechtigten Hoffnungen beseelt und von hohem Vertrauen getragen, so gingen wir dem heurigen Jahre entgegen. Mit Beginn des Jahres 1885 sollte eine neue Aera den mährischen Jsraelitengemeinden entstehen. Eine Aera des Friedens und der Eintracht, der Ruhe und der Ordnung. Durch den auch in diesen Blättern reprodueirt gewesenen Erlass der hohen k. k. mährischen Statthalterei, Z. 4256/1884, war den mährischen Jsraelitengemeinden die Ausscheidung der Cultusangelegenheiten aus dem Wirkungskreise der politischen Gemeinden aufgetragen und die Neconstituirung selbstständiger Cnltusgemeinden auf Grund auszuarbeitcnder Localstatnten angeordnet worden. Am 1. Jänner!. I. sollte in allen mährischen Gemeinden der von sämmtlichen Cultussteuerträgern gewählte und daher gesetzlich berufene Cultusvorstand seine Amtsthätigkeit beginnen. Schwinden sollte jeder Zwist wegen Vorenthaltung des Wahlrechtes in die Cultusverwaltung, und nicht mehr hören sollte man eine Klage wegen Ueberbürdung an Cultussteuer. Aber je froher die Hoffnung, desto trüber, die Enttäuschung, je höher däs Vertrauen, desto tiefer die Verzweiflung. Unsere Verhältniße sind heute noch zerrütteter, unsere Zustände noch zerfahrener, als sie es je waren. Der Statutenentwurf, wohl zur anberaumten Zeit der hohen Behörde unterbreitet, harrt daselbst noch immer der Genehmigung,