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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-01-17 · Heft 3 (17.1.1885) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 3 (17.1.1885)
Date
1885-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische (T Pränumerstions-Preis - Kür Mer,ins«itgkied<r: ©anjiäbrig . - . fl- 5.— Halbjährig ... ft. 2.50 Vierteljährig . st. 1•3י Monatlich ■ . . st- —•45 Kür Aichlmitgkiedcr: Ganzjährig .. . st. 6-— Halbjährig ... st. 3.— Vierteljährig . - stl-äü Monatlich ... fl- —SO Kür das Ausland: Ganzjährig . . . st- 7.— 12 Mark oder 6 Rubel. O r g a 11 für die Gesummt-IlitmMN jüdischer Cantaren. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Iak.c»!5 ^auer. i?ctlaclto> Administration TO im, II., Novaragafse 27. Inserat« Werder» billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. Nr. 3 Wien, 17. Jänner 1885. 5. Jahrgang Die Neginah. Nachdem ich die Wichtigkeit des Vorlesens der Thora im Urtexte nachgewiesen und den Zweck des Synagogensegens nach Beendigung des Vorlesens eines jeden Abschnittes in's klare Licht gestellt, fühle,, ich mich, dem talmudischen Satze כל המתהיל במצוד, אומרים לו גמור entsprechend, verpflichtet, auch die Be-- deutuug des Thorarorlesens mit den Neginoth, welche bekanntlich Herr Oberlehrer Niesenfeld mit dem Epitheton ,Singsang' schmückte, zu illustriren. Der Hebräer betrachtet jeden Satz als ein Gebiet, welches von einem Imperator מלך oder Distinctivus beherrscht wird, und als mächtigster Satzherrscher wird die Neginah Silluk oder Sauf-Possuk angesehen, entsprechend dem Kolon im deutschen Satze; hingegen wird der Neginah Ethnachta, welche gewöhnlich jeden Satz in zwei Theile theilt, nicht dieselbe Macht, die dem Silluk ein ge räumt wird, zuerkanut. Diesem Imperator sind kleinere Führer zur Aushilfe beigegeben, diese sind: Jethiw, Tewir, Sckalscheles 11. s. w. Die Imperatoren und kleinen Heerführer werden von vielen Dienern unterstützt, welche denselben als eomites (Begleiter) dienen. Die alten Grammatiker nennen Letztere משרתי הטעמים, und diese besitzen die conjunctive Macht, um die zusammengehörenden Worte herauszuftnden. Der Satz ממתקוממי תשגכגי bietet eine Handhabe, NM sich die Neginoth, welche als send und comites der Imperatoren betrachtet werden, dem Gedächlniße einzuprägen. Die Anfangsbuchstaben von Nimiskom'wi geben folgende Neginoth: Mahpach>• Munach, Tlischu R’tanu, Kadmu, Dargo, Mercho, Mercho Kefuhla und Jerach b. Jomo. Merkt man sich nun mit Leichtigkeit an der Hand des Merkwortes ,Niwiskomemi^ die Namen der Neginoth, die als servi majorum dienen, so weiß man, dass den übrigen Neginoth die Suprematie, oder die Führerrolle in hohem oder niedrigem Maße beschieden ist und jedenfalls als duces im Satze flguriren. Es ist also evident, dass ohne Neginah kein hebräischer Satz verstanden werden kann, so wie in der deutschen Sprache ohne richtige Angabe der Jnterpunction die Sätze mißverstanden werden. Daber gilt auch im Talmud mit Fug und Recht folgender Satz als Norm: כל הקורא בלא נעימה׳ ושונה בלא זמרה׳ עליו הכתוב אומר:’ ואני נתתי להם הקים לא טובים. ,Wer die Thora ohne Tonzeichen liest, auf den bezieht sich der prophetische Satz: ,Ich gebe ihnen nicht gute Satzungen.* Dieser dunkle talmudifcbe Satz wird durch obige Auseinandersetzung genügend erhellt, denn wenn man Hebräisch ohne Neginoth liest, d. b. ohne sein Augenmerk auf die imperatores, comites, chice» und servi zu richten, entstellt den Satz selbst und vermag in die tiefsten Schachten seines Gedankens nicht einzudringen. Aber auch ein und dasselbe Wort verändert seine Bedeutung durch die Position der Neginah, wie folgende Exempel darthun. Stcbt die Neginah Jethiw auf ^“bami, so bedeutet dieses Wort: sie haben gebaut, ist also die tertia persona pluralia von dem Radix bunau, steht aber der dux Jethive auf der ersten Silbe ^“bänu, so bedeutet es ,unter uns'; ,קמר mit dem Tonzeichen auf der ersten Silbe bedeutet, sie ist aufgeftanden, קמה mit dem Tonzeichen auf ultimo bedeutet, das participium praesentis temin. aufstehend. Kurz und bündig, ich glaube durch obige kleine Fingerzeige dargethan zu haben, dass ohne die Neginah das hebräische Wort den eigentlichen Sinn desselben nicht wiedergibt, und ohne Neginoth die hebräischen Sätze nicht in ihrer autochthonischen und richtigen Bedeutung aufgefasst werden können. Wird Herr Niesenfeld also noch immer bei seinem Projecte beharren, dass man allsabbathlich eine Pericope aus der Thora nicht in hergebrachter Weise mit Neginoth, sondern in moderner Weise nur recitaudo vortragen möge? Butschowitz (Mähren), den 14. Jänner 1885. Dr. A. L ö w y, Rabbiner und Prediger.

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