Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1885)
- Date
- 1885-01-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453001--1218-3455334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
— ׳7 — mit Stöcken, verwüsteten die Häuser, plünderten die Gewölbe, beschimpften, entehrten und tödteten die Frauen. Ein Theil der jüdischeu Bevölkerung flüchtete sich aus dem Mellah und suchte Zuflucht in einem arabischen Heiligthum, ein für den Muselman unantastbares Asyl. Diese wollten die Flüchtlinge zwingen, das Asyl zu verlassen, indem sie die Hütten anzündeteu, die diese Unglücklichen um Las Haus des Chefs des Allerheiligsteu errichtet hatten. Diejenigen, bie kein Obdach gefunden haben, ergriffen die Flucht und irren auf dem Lande umher. Die fünf Synagogen von Demnat sind leer, man findet keine zehn Männer mehr, die den Dienst verrichten könnten. Die Häuser der Abwesenden wurden auf Befehl des Gouverneurs geplündert usd uiedergerisseu. Dieser ließ auch die arabischen Schulduer der Israeliten kommen und zwang sie, die Summe ihrer Schul« den in seine Hände zu liefern. Während des Festes Hosanna Rabba wollte er auch jüdische Notare nöthigen, eine Erklärung zu schreiben, ln welcher constatirt werden sollte, dass alle von Seiten der Juden gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen und Klagen aus dem Grunde erlogen wären. Die Notare weigerten sich, eine solche Erklärung abzugeben, sie wurden geprügelt und ihrer Zehn in eine Zelle ge- 1'perrt. Die andern Notare haben, erschreckt durch das Schicksal ihrer College», Alles geschrieben und unterzeichnet, was der Gouverneur ihnen befahl. Aber bevor sie sich zum Kadi begaben, erklärten sie vor den Vertretern der Gemeinde, ״dass Mißhandlungen, die ihrer im Weigerungsfälle harren, fülchtend, sie jetzt feierlichst erkläreu, die von ihnen geschriebenen Doeumente zur Neinwaschung des Gouverneurs hätten keine Giltigkeit." Die Juden von Tanger und die Vertreter mancher bedeutenden europäischen Gemeinde haben versucht, den unglücklichen Israeliten von Demnat zu Hilfe zu kommen. Doch bisher haben sie keine Resultate erzielt. Odessa. (Eine Synagoge zu Ehren Jesu Christi.) .Noworossijskij Telegraf thcilt" folgende interessante Thatsache mit: Die vor Knrzcm in Kischinew, der Hauptstadt'des Gouvernements Bess׳ arabieu, aufgetauchte, neue jüdische Seele ,Nowyj Jsrail" (,Neuer Israel") hat dieser Tage beschlossen, in Kischinew eine Synagoge Namens des h. Messias Jesus Christus (.Sinagoga wo Jmir Messij Jssussa Christa") zu erbauen und hat der russische Minister des .Innern Graf D- Tolstoj, an welchen sich die Vertreter der Secte ,Neuer Israel' um Bewilligung dieses Baues gewendet, nicht nur die Erbauung der bezeichneten Synagoge in Kischinew gestattet, sondern auch die Secte als besondere Religionsgeuossenschaft anerkannt. Eine ähnliche religiöse Secte hat sich vor Kurzem in der südrussischen Stadt Jellissawetgrad (Gouvernement Cherson) unter dcm Namen .,Duchowno-biblejskoje Braistwo" (Geistlich-biblische Brüderschaft) gebildet, und wird ebenfalls von den russischen Behörden protegirt. Diese beiden neuen religiösen jüdischen Secteu ln Rußland anerkennen die biblischen Dogmen des Judaismus-, den einzigen Gott, verwerfen aber die Tradition. Einer der Lehrsätze der ״neuen Israeliten" lautet: ״Ich anerkenne die Deutung der h. Schrift durch die gewesenen Babylonischen und Jerusalemer Rabbiner- Gesetzgeber und die von denselben ausgestellten Dogmen und Bräuche für mich nicht als bindend. Ebenso anerkenne ich keine geistliche Autorität über mir und keine Macht der zeitgenössischen Rabbiner/' Ein weiterer Lehrsatz lautet dahin, dass die ״neuen Israeliten" alle anderen bestehenden Religionen gleich wie den Judaismus achten, und dass sie Jesum Christum als den Verbreiter der Wahrheit und den Stifter des Guten verehren, und daher als den wahr e n Messias anerkennen. — Der greise Metropolit von Kiew, Platon, einer der drei höchsten Würdenträger der russischen Kirche, besuchte vor Kurzem die Stadt Odessa, und hatte auch eine Deputation der jüdischen Gemeinde die Ehre, von demselben zur Begrüßung empfangen zu Werden. Der Kirchenfürft empfing dieselbe auf das Liebenswürdigste und erwiderte, wie ״ha Meliz" mittheilt, ihre Begrüßung, wie folgt: ״Wir Menschen sind allesammt Brüder; dienen ja Christen und Juden einem" Gotte, denn Ein Gott hat uns erschaffen und Er ist unser Aller Vater. Wir unterscheiden uns nur in den Formen seiner Verehrung, wie wir sie von unseren Urahnen überliefert erhielten; wir haben kein Recht zu entscheiden, wer den richtigen Glauben hegt. Uns Allen,- Juden wie Christen, liegt die Pflicht ob, in Frieden und Eintracht wie Brüder zusammenzuwohnen, und des״ halb blutet mir das Herz über die vielen Anfeindungen und Gewaltthätigkeiten, welchen Ihr ohne Euer Verschulden von vielen Seiten ausgesetzt seid. Ich habe mit dem höchsten Staatsbeamten gesprochen und mein Wort nir Euch eingelegt, dass Ihr als treue Bürger dieses Landes nicht Hass, sondern Schutz verdient." Petersburg, lieber die unter dem Vorsitze des ehemaligen Juftizministers Grafen Pochlen tagende Jndeneommission liege» einige neue Daten vor. Nach der ,Petersb- Zeit." würden alle Memoirs und Gutachten der zur Zeit in den nördl. und südl. Gouvernements berathenden örtlichen Commissionen gesammelt und gesichert. Diese Gutachten sprechen sich u. a. gegen die Zulassung selbständiger jüdischer Gemeinden von Handwerkern und Kleingewerbetreibenden in Dörfern und Flecken und für die Aufhebung einzelner derzeit noch eingehobener Steuern, z. B. die Lichtsteuer, aus. Berichtigung- Auf die Anfrage mehrerer Abonnenten sehen wir uns zu der Erklärung veranlasst, dass der in unserer letzten Nummer veröffentlichte Artikel ,Thoravorlesung und einiges Andere von I. G. in H." nicht von R a b b i n er Grün in Hohenems herrührt, mit welchem wir schon seit längerer Zeit jeden Verkehr abgebrochen haben. Die Nedaction. Correspondenz der Nedaction. S. in I. B. Vorläufig können wir von Ihrer gesandten Composition keinen Gebrauch machen. Gruß. D. in Marz. Ihr Abonnement hat am 20 October 1884 begonnen. St. in Postlb. Ihren eingesandten Betrag für den Nest per 1884 gutgebucht. W. in B. St. W. Einverstanden. Ersuchen nur um die pünktliche Einlösung. Schw. in M. O. Dankend bestätigen wir den eingesandten Betrag. Nosenh. in N. Aufklärung in bewußter Angelegenheit folgt nächstens brieflich. Gruß. Mehrere Herren Abonnenten, welche gleichzeitig VereinSmitglieber sind, haben noch 25 kr. zur Begleichung des I. Quartalen für Abonnement nachznsenden. Die Redaction. An unsere geehrten Herren Abonnenten! Wir freuen uns constatiren zu können, dass der in dem Leitartikel der vorletzten Nummer an unsere geehrten Herren Lolisgen gerichtete Mahnruf nicht ohne Erfolg geblieben ist. Diejenigen Herren Abonnenten jedoch, welche bisher noch zurückgeblieben sind, werden dringendst ersucht, das Abonnement baldigst zu erneuern und die Rückstände einzusenden, da sonst die nächste Nummer nicht mehr an dieselben abgesendet wird. In diesem Falle wären wir auch zu unserem größten Bedauern gezwungen, die Eintreibung der Rückstände auf anderem Wege zu veranlassen, indem die Redaction nicht in der Lage ist, auf dieselben ohneweiters verzichten zu können. Die Redaction.