Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1885)
- Date
- 1885-01-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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© — Man bat berechnet, dass jährlich etwa 1,200.000 Stück Hornvieh jm europäischen Rußland verschiedenartigen Seuchen erliegen. Diese Seuchen besitzen gwar einen allgemeinen Charakter, doch hat darunter der kleine Bauer und mit ihm der jüdische Colonist am meisten zu leiden, da es ihm am schwersten fällt, die Lücken des Viehstandes wieder auszufüllen, welche durch die Seuchen herbeigeführt wurden. Die Pest selbst hielt in den Colonien oft ihren verbcerenden Einzug, und sie raffte namentlich die alte Garde der Colonisten dahin, die an der Gründung der Colonien mitgewirkt hatte und mit Feuereifer für die jüdische Colonisation eingetreten war. Nur wenige von den Alten, man sagt ein Einziger, find heute noch am Leben, und man kann ihnen Glück wünschen, -dass der Tod sie davor bewahrte, die Verkümmerung der Colonien und den totalen Schiffbruch ihrer heiligen Idee zu erleben. Und zu einem solchen kam es. (Schluss folgt.) Kleine Chronik. Wien. Mittwoch den 7. d. M. fand im Tempel der iunern Stadt die Trauung des Herrn Eduard Ritter v. Borkenau, Sohnes des Präses der Wiener Cultusgemeinde, mit Fräul- Clara Bermann statt. Der mit Blumen und Teppiche festlich geschmückte Tempel war schon lange vor Beginn der Feierlichkeit erfüllt von einem höchst Listiuguirten Publikum aus den besten Kreisen der Wiener Gesellfchaft. W׳r bemerkten u. A. den Bürgermeister U h l, viele Gemeinderäthe, Ritter von G o l d s ch m i d t, Negierungsrath von H a h n, Baron Springer, Ritter von G n t t m a n n, den gesammten Cultus- und Tempelvorftand rc. — Unter den feierlichen Klängen eines von dem Zöglinge des Wiener isr. Blindeninslitutes Storch, der unter der Anleitung des Obercantors Singer seine musikaliichen Studien machte, mit vollendeter Technik gespielten Präludiums, bewegte sich der imposante Brautzug in den Tempel. Die Feierlichkeit der Trauungsceremonie wurde durch zwei neue, höchst gelungene Composttionen Mi addir und M’hero von Obercantor Singer, die von dem verstärkten Chorpersonale exact ausgesührt wurden, besonders gehoben. Prediger Dr. Zellinek hielt mit bekannter Beredsamkeit die Tranungsrede. Wien. Dienstag den 6. d. M. fand das Leichenbegängnis des Herrn Rabbiner Klein, der durch mehrere Jahre in der Cultusgemeinde Hernals—Ottakring wirkte, statt. Die Bürger- Meister von Hernals, Ottakring und Neulerchenfeld, sowie der Landtazsabgeordnete Hofrath Zimmermann, betheiligten sich an demselben. Außerdem gab eine große Zahl von Gemeinde»!!!- gliedern dem Verblichenen das letzte Geleite. Prediger Dr. Schmidt von Fünfhaus hielt eine ergreifende Grabrede. Der gesangliche Theil der Trauerfnnction wurde von dem Cantor M. Schlesinger in würdiger Weise ausgeführt. Wiskitz. Am 1. Jänner l. I. wurde im hiesigen isr. Tempel ein solenner Trauergottesdienst für unseren verewigten unve:geßliwen Landesrabbiner M. Placzek abgehalten. Ein zahlreickes Publikum füllte denselben und mit großem Beifalle folgte dasselbe den Ausführungen unseres geistreichen, scharfsinnigen Rabbiners Herrn Dr. Wolf, der sich auch heute, so wie immer, als glänzender Redner bewährte und welcher es sich angelegen sein ließ, das Leben und Wirken des Menschen und Gelehrten M. Placzek in einer wirklich Herz- und Gemüth bewegenden Weise zu beleuchten. Den gesanglichen Theil besorgte Herr Obercantor. Schäfer, der mit seiner prachtvollen Baritonstimme und seinem gediegenen Vortrage vielen Beifall fand. Arohoöycz, 26. Dceember 1884. Samstag ־ erhielt Herr David Brings einen Drohbrief per Post, dass er an diesem Tage Abends neben der Kirche erscheinen und dort einer Person 500 Gulden einhändigen soll, widrigens er mit seinem Leben und Eigenthum unsicher sei. Der Brief trug an sich Anzeichen von Socialismus, da darin ausgedrückt wurde, dass 47 Personen zu einem Bunde znsammengetreten und bewaffnet sind, daher der Behörde Trotz bieten können. Herr Brings übergab diesen Brief der Behörde. — In der darauffolgenden Nacht kam diese Drohung theilweise dadurch zur Ausführung, dass ein Nebengebäude seiner Realität in Brand gesteckt wurde, welcher aber, da die Löschmannschaft in der Nähe ist,- localisirt und bald gelöscht wurde. Sonntag empfing er einen zweiten Brief desselben In- Haltes. — Demzufolge schritt die Behörde ein. Es wurde zur anberaumten Zeit ein Packet auf dem bestimmten Orte niedergelegt und Polizisten, als Bauern verkleidet, hielten Wache daneben. Es gelang nun den Polizisten drei Studenten anzuhalten, die sich dort einfanden und das Packet geholt haben sollen. ,Dieselben sind in das hiesige Strafgericht abgeführt worden, wo es sich Herausstellen wird, ob sie schuldig sind. Solche Drohbriefe sind noch an andere Personen ergangen. Allris. Das Monatsheft der Alliance Israelite Universeile berichtet über die Inden in Marocco: Das Bulletin des Monats Ociober hat detaillirte Berichte über die Mißhandlungen veröffentlich!, denen die Juden von Deumat von Seite des Kadi dieser Stadt ausgesetzt sind, über die Schritte, die zu Gunsten dieser Gemeindevereinigung in Tanger gemacht wurden. Die Lage dieser armen Leute ist immer dieselbe. Hier folgen neue Bestätigungen: Die Delegirten von Demnat, welche seit mehreren Monaten in Tanger weilen, nur dem Sultan die Klagen ihrer Glaubenszenoffen vorzntrage», konnten, noch keine Audienz erlangen. Auf alle ihre Bitten antwortete der GrostVezier, dass sie in vollster Sicherheit zurnckk hren sollten, dass sie . von Kadi Elbachir Elbabassi begleitet würden, welcher dem Kadi von Demnat die Befehle de» Sultans überbringeu und den zu Gunsten der Juden dieser Stadt verlängerten Firman zurückstellen wird (welcher Firma» im Octobervulletiu reprodueirt war). Die Delegirten wissen, dass diese Maßregeln absolut ungenügend sind, um die Verfolgungen, deren Object die Juden hier seit mehreren Jahren׳ sind, einzndämmen. Die Vorstände der Gemeinde haben dem Kadi vor Kurzem den Firman, der 1864 durch Moutesiore zu Gunsten der Juden von Marocco erwirkt wurde, vorgelegt; der Kadi ließ sie iu's Gesäuguiß werfen, wo sie drei Monate laug ein gesperrt blieben und aus welchem sie entlassen wurden, nachdem sie ein Lösegeld von mehr als 20.000 Frcs. entrichtet hatten. Die Delegirten der Gemeinde sind überzeugt, daß sie bei der Rückkehr nach Demnat ihrem sichern Tode entgegengehen, so lange der jetzige Kadi aus seinem Posten ist. Seit der Sultan mik seinen Ministern nach Fez gegangen ist, haben sich die Delegirten auch dahin begeben. Jedesmal, wenn sie sich beim Groß-Vezier melden ließen, ließ dieser sie sortjagen. Seine Soldaten vollführen seine Befehle und begleiten sie mit Schimpsworten und mit Stockstreichen. Währenddem behandelt der Kadi ihre Familien und alle Israeliten mit wachsender Grausamkeit. Nach den Briefen, die aus dieser Stadt gesandt und im ״Reveil du Maroco״ vom 22. und 29. October publicirt wurden, ließ er unlängst die Vorsteher der Gemeinde rufen uud erklärte ihnen, dass auf Befehl des Sultans keine Nachtwache für das Mellah (Judenvierte!) mehr bestehen werde. Diese Wache auflasseu, das hieß die jüdische Bevölkerung wehrlos der Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Muselmänner Preisgegeben. Die Juden haben die traurigen Consequenzen dieser Maßregel erduldet. Die Moslems drangeu in das Mellah ein, ״schlugen die Juden.