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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-01-09 · Heft 2 (9.1.1885) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 2 (9.1.1885)
Date
1885-01-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 — tauglicher untaugl. unbearb. Boden Boden Boden Dißj. Dißj- Dißj- Jsraelewka . . . . . 5.800 200 5265 Karnak .... . . . 11.700 300 3955 Jnguletz . . . . . . 8.800 200 1547 Groß-Nagert . . . . 5.372 118 9075 Klein-Nagert . . 11.400 600 2755 Effingar . . . . . . 5.094 200 7500 Bobrowi-Kut . . . . 8.200 1000 4000 Seidemenucha . . . . 5.600 400 1250 Es kommen in diesen Colonien 15 Dißj. bebauten Bodens auf die Familie. Dass cs noch ci> bedeutendes Quantum zu bebauen gibt, das hat wesentlich darin seine Ursache, dass das Land so ungemein schwer zn bewirtbschasten ist. Die Zahlen sind amtlichen Znsammeustellungcn entnommen und deshalb vielleicht nicht ganz zuverlässig. Es ist möglich, dass der untaugliche Boden einen größeren Umsang besitzt, als er hier angegeben ist. Immerhin zeigt sich in den Colonien ein nicht unbedeutender Bodcnüberschnß, der es aus den ersten Blick in hohem Maße befremdlich erscheinen lässt, dass er brach liegen bleibt, während die Colonistcn sich in Armnth bestnden und während er doch das beste Mine! ivixrp, die Lage der Colonien zn verbessern und den darin weilenden Familien zu einem gewisse.! Wohlstände zu -verhelfen. Das Näthsel findet eine sehr einfache Lösung. Die Colonisten waren durch mancherlei Umstände durchaus nicht in der Lage, die ganze Bodenfläche bebauen zu können. Das Land zunächst, das ihnen angewiesen worden war. bestand aus langen und schmalen Erdstreifen, welche 2 bis 3 Werst in der Breite und ungefähr 20 Werst in der Länge waren. Die Dörfer mit den Brunnen lagen meist am schmalen Ende der Ackerfläche, das Wasser für Vieh und Menschen musste bei der Arbeit mit auf's Feld gebracht werden. Das Wasser war zudem nicht selten schlecht, salzhaltig und ungenießbar, so dass es aus anderen Dörfern beschafft, oft sogar gekauft werden musste, um sodann unter schweren Opfern an Zeit und Arbeitskraft auf die Felder gebracht zu werden. Berücksichtigt man hierbei die Unvollkommenheit des Ackergeräthes und den Mangel an Wegen, daun wird man es begreiflich finden, wenn die indischen Colonisten Mühe hatten, nur das Unentbehrlichste zu bestellen. Dieser Mangel an Commnicatious-Mitteln, der sich auch beim Absatz der landwirthschaftlichen Products sehr fühlbar machte, führte dazu, dass die fruchtbarsten Gebiete bei den besten Ernten Mangel litten. Die deutschen Colonisten z. B., die unterhalb der Katarakte des Dniepr wohnen, waren noch in der Mitte unseres Jahrhunderts gezwungen, ihr Getreide bis zum Azow'schen Meere per Frachtwagen auf nicht chaussirter Straße zu transportiren, um einen einigermaßen günstigen Markt zu gewinnen. Hätte die Negierung Stromregulirungen geschaffen, dann wäre der Absatz des Getreides natürlich viel leichter gewesen. Trotz reicher Ernten befand sich z. B. die Bevölkerung von Zekatarinoslaw, von Puliawa und Tschernigow, der fruchtbaren Uferländer des Dniepr in beständigem Nothstande. Dieser Mangel an ordentlichen Commnnications-Mitteln ist für die russische Laudwirthschaft wahrhaft verhängnisvoll gewesen, indem er ihre Entwickelung schwer beeinträchtigte. Das neuere Rußland hat zwar, wie einer seiner wirthschaftlichen Kritiker mit Recht betont, seine Eisenbahnlinien, die Hauptcanäle des modernen Verkehres; die wichtige Entwickelungsperiode des Chausseverkehres hat es aber übersprungen, und in Folge dessen bat auch die Production des Landes nicht Zeit gefunden, sich den plötzlich veränderten Verkehrsverhältnißen anzupassen. Die westlichen Culturländer Europa'» verdankten die nachhaltige und stete Ent- Wickelung ihres Handels und ihrer Production vorzugsweise dem Einflüsse des sich mehr und mehr erweiternden Chanssenctzes, wie unsere Zeit dem Einflüsse dcr Eisenbahnen die Erleichterungen im gegenseitigen Handelsverkehr der Völker und die mehr specialisirte Richtung der Production dankt. Länder, welche, wie Rußland und zum Tbeil Ungarn, die Cnlturperiode des Chaussebaues übersprungen haben, müssen nothwendig in allen Erwerbszweigen, welche in Beziehung zum allgemeinen Verkehr stehen, zurückgeblieben sein, und dies gilt namentlich in Bezug auf die Landwirthschaft. Wie sehr der Mangel an Communicacious-Mitteln in der Mitte unseres Jahrhunderts die russische Landwirthschaft beeinflußte, das deute! de Hell an, indem er ausführt, dass zur Ernährung einer der deutschen Colouistenfamilien an den Katarakten des Dniepr 65 Dißj. erforderlich waren. Doch kehren wir zu den jüdischen Colonisten zurück, von denen wir gezeigt haben, dass sie außer Staude waren, die ihnen zu Gebote stehenden Felder vollständig zu bestellen. Es wäre dem schon Gesagten noch hinzuzusügeu, dass nirgends so sehr wie in Südrußland eine concentrirle rasche laudwirthschaftliche Arbeit nothwendig ist. Der plötzliche und meist unvermittelte Uebergang von der warmen zur kalten Jahreszeit macht das schnellste Eingreifen der landwirthschaftlichen Arbeitskräfte zur unabweisbaren Nolhwendigkeit. Ist das Gras zum Schneiden reif — es gibt nur eine -Heuernte im Jahre und zwar im Frühling — dann muß rasch zugegriffen werden. Wenige Tage Verzögerung reichen aus, den üppigen Gras׳ und Blnmenteppich der Steppe znm Verdorren zn bringen. Und ähnlich ist es bei der Getreideernte, die so eilig wie möglich eingebracht werden muß, da jedes Hinausschieben die Ernte endlosen Regengüssen oder gar Schneefällen preisgibt. — Nun hätten sich die jüdischen Colonisten Arbeiter annehmen können, wird man sagen. Aber das dursten sie nicht, das verbot ihnen das Gesetz, — soweit diese landwirthschaftlichen Arbeiter Christen waren. Zudem be— saßen sie aruy nicht die Mittel, um solche außerordentliche Ausgaben machen zu können. So konnten sie ihrem Kreise nicht entrinnen und waren dazu vernrtheilt, in ihrer elenden Lage auszuharren- Ihre einzige Thätigkeit war darauf gerichtet, gegen den Hungertod anzukämpfen. Dass dieser sie oft bedrohte, das zeigt die endlose Reihe der Mißernten, die über sie gekommen, die zahlreichen Unterstützungen, welche sie von der Negierung an Saatkorn und Lebensmitteln sowie Arzneien für Vieh und Menschen erhielten, und die ihnen niemals verabsolgt worden wären, wenn nicht unverschuldetes Elend sie getroffen hätte. Zn den Ursachen des fast permanenten Nothstandes gehören namentlich die Pest und die Viehseuchen, welche beide, ohne Rücksicht auf die Coufefsion, die Bauern und Colonisten auf das Furchtbarste heimsnchten. Wie schwer die Colonien unter den Viehseuchen litten, das lehren folgende Zahlen. Der Viehstand betrug 1862 die nicht unbedeutende Zahl von 8368 Stück Hornvieh; die niedrigste Ziffer bis 1869 war 6375 (1865); 1869 betrug sie 7158. Es sielen von diesem Vieh in den Jahren 1866 und 1869 bis auf 18 und 20 Percent. In den letzten zehn Jahren wurden die Colonien von drei heftigen Viehseuchen befallen, die fast die Hälfte des Viehstandes wegrafften. Furchtbar waren auch die Folgen der Rinderpest im Jahre 1859, wo in Rußland nach officiellen Mittheilungen circa zwei Millionen Ochsen und Kühe weggeraffi wurden. Nach competenteren Quellen betrug die Zahl des gefallenen Viehes jedoch drei Millionen, und daran participirt das süd-mssifche Steppengebiet in ganz hervorragender Weise.

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