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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-01-09 · Heft 2 (9.1.1885) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 2 (9.1.1885)
Date
1885-01-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 - Negensburg, oder die des berühmten N. Jehuda ben Jsak aus Paris, in jedem echt religiösen Hause waren die Erzählungen der-.berühmten jüdischen Autoritäten heimisch, jeder fromme Vater erzählte seinen Kindern non den heroischen Thateu auf dem Boden der Thora und Gottesfurcht unserer Neligionssübrer, und aus diese Weife pflanzten sich die Legenden und Geschickten unserer Capacitäten bis auf den heutigen Tag fort. Plan sammelte die Züge des Scharfsinnes des großen Aben-Esra, auch feine witzigen Repliken pflanzten sich durch mündliche Tradition von Geschlecht zu Geschlecht fort, aber ein Buck, das Aufschluss gibt über sein Staunen erregendes Leben verfasste man weder während seines Lebens noch unmittelbar nach seinem Heimgang. Wodurch wurde dennoch die besondere Verehrung, die Israel solchen Geisteeherocn naturgemäß schuldet, an den Tag gelegt? Aus welche Weise fand mau die beste Gelegenheit, diese großen Männer öffentlich zu ehren und vor jedem Laien auszuzeichnen? Hier gelangen wir zu dem Punkte, von dem wir am Eingange unserer Betrachtung ausgingen. Man zeichnete Israels große Männer dadurch aus, dass jeder zur Thora gerufene Israelit die gelehrte Autorität im Schoße seiner Gemeinde dadurch öffentlich ehrte und auszeichncte, indem er ihm den Synagogeusegen aMischeberack“ von dem Baa-l Kore ertheilen ließ. Es ist, war und bleibt der Act des Synagogsnsegens ein Modus, wodurch wir Israeliten uns gegenseitig öffentliche Ehrenbezeugungen bieten können, dem allen talmudischen Satze huldigend: "גדול כבוד הבריות׳ שדוחה לא תעשה שבתורה■. So wichtig erscheint die gegenseitige Ehrenerweisung der Menschen, dass diese Pflicht ein anderes Verbot in den Hintergrund drängt. Es erregt durchaus nicht die Lachmuskeln eines wahrhaft religiösen Glaubensbruders, wenn er den alten Segen hört in der Formel: ״der unsere Patriarchen gesegnet hat, segne auch den N. N." Wer sich den religiösen Verfall unserer Zeit vergegenwärtigt, wer sein Augenmerk daraus richtet, dass die Jugend der Kenntnis unserer religiös-nationalen Sprache keine Zeit verwenden will, und dass sie im Hause der Eltern zur Erlernung derselben keine Stütze findet, wird wohl einränw.en, dass der Misckeberach in der Synagoge unsere Jugend moralisch zwingt, über deren und ihrer Eltern hebräische Namen Auskunft zu erfragen. Durch den Mischeberach wird Jedem ein muemotechnisches Mittet an die Hanrgegeben, sich seinen und seiner . Ellern hebräischen Namen zu merken und im Gedächtniße zeitlebens cinzuprägeu. Durch den Synagogensegen wird andererseits an heiligster Stätte ein Feld zum wohlthätigen Opfern und Wirken eröffnet; so mancher Hartherzige, der während des ganzen Jahres sich nicht an die Pflichten der Humanität mahnt, wird, wenn er zur Thora gerufen, daran erinnert, der Pflicht gegen die Armuth nachzukommen, und diese Obliegenheit erfüllen nur an dieser Stätte sehr Viele. Wenn auch Eitelkeit oder Prunksucht oft die Triebfedern zum Acte dieser Wohlthaten aus ben verschiedenen Territorien der Munificenz sind, schadet dies nicht, das Gute geschieht, und die Veranlassung, es zu üben, geschah an heiligster Stätte bei dem hochheiligen Buche, in welchem das Gebot des Wohlthuns mit himmlischer Flammenschrift für ewige Zeiten verzeichnet ist. Wahrlich, die Spalten dieser geschätzten Blätter reichen nicht aus, um die Fülle des humanen Wirkens auseinander zu setzen, das wir dem uralten Usus des Misckeberach einzig und allein zu verdanken haben. Daher lassen wir diese schöne Gelegenheit, öffentlich wohlthätig zu wirken und in Bezug aus Wohlthnn einen öffentlichen Wetteifer eingehen zu können, in Israel nach uraltem Brauch bestehen, lasset uns nicht rütteln an der schönen Ceremonie des Mischeberach, lasset uns vielmehr bedenken^ welche schöne und herrliche Früchte durch denselben gezeitigt wurden, und unser Augenmerk richten aus den Kern, der in dev unbedeutend scheinenden Schale des מי שברד verborgen liegt. Aus der guten, ulten Zeit. Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen. Heute ist Vieles, ja beinahe Alles anders, als anno dazumal. Aber Mancher, der heute in Amt und Würden ist, würde noch ausrusen: .O selig, o selig, ein Mesehorer zn sein!' Vorüber sind die schönen Tage von Aranjuez, wo man allwöchentlich am bestimmten Tage sich beim Ckasen zum ,Anlernen' versammelte. Wie lebhaft es da besonders beim Probiren einer neuen ,Sache'׳ hergina, wie jeder den richtigen Baß- oder Tenorton zn treffen glaubte, keiner aber das Nichtige traf, welche heißen Controversen sich bei diesem Anlasse entwickelten, mit welchem unparlamentarischen Epitheta mau da tractirt wurde, wie ja nicht selten die schlagendsten Beweise der gegentheiligen Behauptung geliefert wurden; all' dies wirb den meisten von uns wohl erinnerlich sein. Außer den original-jüdischen .Sachen' griffen die ci-devant Chasonim und Baale T’filos gern zu volksthümlicheu Melodien, wie: ,Schöne Minka, ich muß scheiden', oder: »Ist denn gar kein Weg, ist denn gar kein Steg' u. s. w. Bei deutschen ,Sachen' waren die Opern ein beliebtes Thema, und zwar waren es seiner Zeit die Opern ״Linda" und ,Norma'; letztere ganz besonders wegen ihres Melodienreichthums. Ja, die »Norma- Ouvertüre' mit ihren halsbrecherischen Fiocituren und chromatischeu Passagen bildete ein wahres Paradestück der modernen Chasonim, und der selige Jokew Leb hat die Normasachen mit seinem ,Trompetl' auf's glücklichste verwerthet. In der Gemeinde A . . . bei Pest, wo der Schreiber Dieses als Kol-Singerl mitthat, wurde an einem dom tow die Kreuzer'sche ״Capelle' mit vollständig unterlegtem, deutschen Texte als Mussat-Keduschah gesungen, wobei der B a s s i st Wieselmann, der später als Heldentenor zur Oper ging, die führende Stimme sang. — Zum Schlüsse noch eine kleine Episode zur Charakteristik jener Zeit. Als College G., gegenwärtig in Wien, als Knaben-Chaseuäl seine Gastvortrazs-Tvurnee durch Ungarn machte und mit seiner Kunst, wie mau sagte, »die Welt eingenommen', hielt er auch in der Gemeinde T . . . s einen sabbathlichen Vortrag, von welchem die Zuhörer, wie überall, entzückt waren. Bei dieser Gelegenheit sang er einen damals sehr beliebten Csardas als Sckackaris-Keduschak und schloß bei der zündendsten Stelle mit den Textworten moschiach zidkecho. Aus diesem Anlasse, machte ein Witzbold die geistreiche Bemerkung, dass der genannte Csardas sehr wohl für diese Kednsehah passe; denn der Csardas sei der ungarische Moschiach. M. Nosenseld in Pisek. Semit und Antisemit eine zeitgemäße Studie von K. Koldsteirr, em. Lehrer zu Gleiwitz. (Nachdruck verboten.) III. Semiten meines Alters, ich will mich der neuen Benennung ,Semit' und nicht des so verrotteten Namens ,Jude' bedienen, die vor circa 53 Jahren in der jüdischen Schule mit unseren würdigen Lehrern s. A. das 5. Capitel der Genesis durch-

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