Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1885)
- Date
- 1885-01-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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bedeutenden Fortschritt in Form und Aufbau und bietet uns den offenbaren Beweis für die künstlerische Auffassung und Befähigung Naumburg's. Der Lecbo dodi Nr. 4 für die drei Wochen must bis zur ersten Hälfte als stylgerecht bezeichnet werden, auch mit der Auffassung des Hisoreri iit Dur könnten wir uns, namentlich in Berücksichtigung des Textes, versöhnen; allein die zwar saubere, aber allzureiche contrapunktische Bearbeitung des Do sewoschi und boi wescholom erscheint uns ungerechtfertigt, es müsste denn fein, dass die angeführten Abschnitte bei minder ernster Gelegenheit als in den drei Wochen zu?'Anwendung gelangten, allwo ihnen ein gewister Erfolg nicht vorenthalten werden dürfte. Die beiden letzterwähnten Nummern 3 und 4 bilden die Uebergaugsstufe Naumburg's zur unabhängigen ureigenen Thätigkeit, welche erst in den nächstfolgenden Nummern 5 bis 8 Tow l’hodos und adonoj moloch zur fesseltosen Entfaltung gelangt. Wir wählen mit Vorbedacht den Ausdruck ,fessellosen Entfalkung", weil uns die Beobachtung wahrhafte Befriedigung gewährt, dass Naumburg's schöpferisches Walten weder von den Vorzügen ähnlicher bis dahin veröffentlichter Compositionen an- -getastet, noch von den Mängeln derselben angekränkelt erscheint. Es ist eine ganz bcmerkenswerthe Thatsache, dass die meisten Synagogengesangs-Componisten^ der letzten drei Decennien sich von den Fesseln der im Scbir Zion befindlichen Formen leider nicht befreien können. Componirt man beispielsweise einen tow l’hodos, so bemerken wir allüberall die ängstliche,, peinliche Nachtretung der im 8chir Zion vorgezcichneten Fustspureu; Takt, Modulation, Nuhepunkte, Ausbreitung des Tongedankens und Anordnung des Textes mit allen Vorzügen und Mängeln sind hier leider wieder anzutreffen; deshalb erscheinen diese Compositionen zumeist als abgeblasste Copien jener im Scbir Zion als Ausfluss wahrhaft künstlerischen Schaffens niedergelegter Originale und können keineswegs als Bereicherung des Synagogengesangs-Materiales angesehen und werlhgeschätzt werden. — Hier jedoch, bei der uns vorliegenden Nummer 5 und 6 Naumburg's ist nichts von jener peinlichen Nachzeichnung sögeuannter Halbtalente zu bemerken, die, unfähig eines idealen künstlerischen Aufschwunges, cs nicht wagen? eine eigene Anschauung kundzugeben, eine eigene Bahn zu verzeichnen. Die Gestaltung eines echten Mnsikproduktes, namentlich die musikalisch rationelle Bearbeitung eines Textes, setzt eine derart sorgfältige Analyse so vieler Gruppen, ein Zergliedern der Details und Zusammenfügen derselben voraus, dass die Behauptung nicht zurückgewiesen werden kann, die Composition müsse früher im Kopfe fertig gestellt sein, noch bevor man sich mit Stift und Radirgummi bewaffnet an das Arbebspnlt hinsetzt, um Note gegen Note zu setzen, oder gar am Instrumente zu versuchen.— Die Beachtung all' dieser Momente tritt bet der bezeichneten Nummer so drastisch entgegen, dass wir uns der Mühe enthoben fühlten, auf Einzelheiten hiuzuwcisen, wenn es nicht unsere Psticht wäre, dies zu thnn. Man beachte zuvörderst die Anordnung des Textes und Betonung der Worte und Silben. Nicht eine einzige Stelle ist zu erforschen, wo der Text unter der Botmäßigkeit des Gesanges stünde, dort hinausgeschoben, hier verkürzt werden müßte; ruhig und fachgemäß reiht sich Satz un Satz und gewährt den Zuhörern einen klaren Einblick in die Gedankenwelt des Dichters —; die Worte, und Silben erscheinen allüberal streng prosodisch behandelt und bieten dem Ausführenden ein zuverlässiges Verhütungsmittel, etwa von einem Sprachkenner, der Unkenntnis geziehen zu werden, wie es leider bei anderen, selbst anerkannten Werken der Fall ist. — Da stehen sie all' die kurzen und langen Silben genau von einander geschieden, da wird jedem chataf und sch’wa sein Recht — wir hören ganz deutlich 1ab"ä08—ulesamer—weemunosecho—bemaase rc., so dass selbst der in der hebräischen Sprache minder Eingeweihte unmöglich fehlen kann. Die Worte erscheinen aber auch sinngemäß hervorgehoben und gesondert; während beispielsweise Andere bei low l'hodos ladonoj den Nachdruck auf tow als im *L Takte 1. und 2. Takttheil legen, finden wir bei Naumburg das Wort low nur nebensächlich durch 78 Noten, dafür jedoch das Wort lehodos, was doch der eigentliche Inhalt dieses Psalmtheiles als Preislied ist, durch Viertelnoten bezeichnet rc. Der musikalische Theil des low l'bodos ist so allerliebst, dass wir, ohne erst auf bestimmte Schönheiten Hinweisen zu müssen, es herzlichst wünschten, diese Nummer als stehenden Gesang in jedem jüdischen Gotteshause zu finden. Freilich liegt der musikalische Schwerpunkt, jedoch unbeschadet aller anderen musikalischen Schönheiten, zumeist in der Melodie; doch nicht in jener Alltagsanwendung, wo dieselbe als Domäne der Oberstimme angesehen und die begleitenden Stimmen nur als klägliche Handlanger derselben betrachtet werden. Diese Naumburg'sche Melodieverwendung müssen wir"geradezu als Kunstwerk begrüßen; cs ist eine endlose Melodie aber in allen Stimmen. Der Sopran bleibt nur bis zu den Worten als 080r Träger der Melodie, allwo er seine Herrschaft an den Alt abtreten muß, welcher gleichfalls nach kurzer Dauer und zwar bei higojon beehinor das Scepter dem Tenor überlassen muß. So klingt und singt es in allen Stimmen, allerdings eine endlose Melodie aber auchIein endloser Wohlklang für den Zuhörer. Hiebei sind keineswegs interessante und berechtigte Accordverbindungen außer Acht gelassen, und so frappant auch die Modulation nach D-dur bei den Worten adonoj bstbolssbo erscheint, ebenso.leicht ward sie in unablässigem.Melodieenfiusse bewerkstelligt und ebenso ungezwungen erscheint die Nnckleitung zur Originaltonart bei den Worten godsebo awannsn. (Fortsetzung folgt.) Der Iynagogenlegm. Von Dr. A. Löwy, Rabbiner und Prediger in Butschowitz. Bereits zweimal wurde in diesen geschätzten Blättern die Geißel der Satyre über den usuellen Synagogensegen nach dem Vorlesen eines jeden Abschnittes ans der Thora geschwungen, daber fühle ich mich moralisch veranlasst, meine unmaßgebende Ansicht über die Ceremonie des מי שברך vor das Forum der Oeffentlichkeit zu bringen Bevor ich aber dem vorgesteckten Ziele entgegen steuere, will ich die geehrten Leser auf eine historische Wahrheit aufmerksam machen, wodurch der Act des Miscbeberach in einem ganz anderen Lichte erscheinen wird, als dieser bis jetzt hervorgetreten ist. Vor circa vierhundert fahren hat ein berühmter Historiker, Namens Aliman, dem israelitischen Volke folgenden Vorwurf gemacht: ,Alle Völker verehren ihre, großen Männer, schreiben compendiöse Werke über das Leben nur eines großen Mannes, welche an Umfang alle Bücher der jüdischen Chronik übertreffen, nur Israel verfasst keine Bücher über das Leben ihrer Großen*. Aber unsere Alten vernachlässigten das Feld der Biographie ihrer Großen nicht aus Geringschätzung gegen dieselben, sondern sie betrachteten solche Beschreibungen als zeitraubend und sie beschäftigten sich desto eifriger mit den geistigen Reproductionen ihrer Autoritäten, wodurch sie dieselben mehr zu ehren glaubten, als mit der Bekanntmachung ihrer Biographie. Man erzählte sich mündlich die Wunder des R. Zehnda ben Samuel Hachosid von