Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1885)
- Date
- 1885-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisoh-ungarische für Wien und Umgebung und Provinz: Ganzjährig . : fl. 6.— Halbjährig . . fl. 3.— Vierteljährig . fl- 1-50 -\J\J- Für das Ausland: Ganzjährig. . fl>7.— Halbjährig . . fl. 3.50 Vierteljährig . fl. 1.75 iact. Lastrltllng in'» Ha»1. l O r g a 11 £Rctl itciio »1 für die fenmtnt-Jntercsspn jiiiiisdjcr Cnntorra. und Administration 1 Wien. Erscheint jeden achten Hag. j IL, Novaragasse 27. j Inserate werden billigst berechnet. Begründer: Obercautor Icrkoö Wcrrrev. Manuscripte werden nicht / retournirt. 1 Nr. 2 Wien, 9. Jänner 1885. 5. Jahrgang ■.JHrbrr ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. XXVIII. Die Naumburg'schen Synagogengesänge tragen das Gepräge des Leichten, Einfachen, hie und da sogar des Allzuleichten, ohne jedoch jemals jene Grenze der Einfachheit zu streifen, die im Allgemeinen als Deckmantel etwaiger künstlerischer Gebrechen aufgefasst wird. Für den leichten Ton der Naumbnrg'schen Gesänge lässt sich, den gegenwärtigen Anschauungen gemäß, durchaus keine Lanze brechen, indem der Marsch- und Tauz-Nbythmns der einstigen Synagogengesänge sich ebenso gut überlebt hat, wie die absonderliche Menuettarie der vormozart'schen Oper der modernen Geschmacksrichtung vollständig entrückt ist. Dennoch bieten auch diese, geradezu kleinlich angelegten Anfangscompositionen des vorliegenden Werkes einen bemerkenswerlhen Beitrag für die Entwickelung des Synagogengesauges. Wir bezeichneten Lovy, den Vorgänger Naumburg's, als den genialsten Vertreter der damaligen Synagogengesangsrichtung, sein Lebensende war auch der letzte Markstein dieses Systemes; allein der ethisch-künstlerische Nachhall seiner Leistungen war ein zu mächtiger, als dass Naumburg bei seinem Amtsantritte in Paris cs wagen durfte, der Tradition des in unserem Sinne unsterblichen Lovy ganz aus dem Wege zu. gehen. Wir fühlen uns zu dieser Annahme um so mehr berechtigt und verpflichtet, als wir im Verlaufe dieser Besprechung überhaupt noch mauuigfache Veranlassung haben werden, auf die conservativ musikalische Gesinnung Naumburg's hinzuweisen. Keiner, dem die schwere Aufgabe zu Theil wird, die Vermittelung zweier Kuustepochen jeglichen Gebietes herzuftellen, darf ja, wenn er mit seinen Bestrebungen nicht Schiffbruch leiden soll, den didactischen Anknüpfungsgrundsatz ,vom Nahen zum Entfernten", außer Acht lassen, und demgemäß erscheint es keineswegs auffallend, wenn wir die Tauzweisen des Lovy'schen F-diu• L’cho docli in dem Naumburg'schen Lecho dodi Nr. 1 und 2 wieder finden und gleich nebenan im Lecho dodi Nr. 3 den Flügel schlag eines modernen Zeitalters verspüren. Das ist eben der strenge, zielbewusste Fortschritt Naumburg's, indem er zwei Lecho dodi in der alten landläufigen Weise und einen mit zeitgemäßer Färbung hinstellt also ganz vorsichtig zwei Schritte nach rückwärts und drei Schritte nach vorwärts thut, um einen Schritt für seine Bestrebungen zu erlangen. Von diesem Gesichtspunkte aus, erscheint uns das Harmlose und Kindliche in den beiden ersten Composuionen minder Harmlos und kindlich, indem das Festhalten der abgethanen Form als etwas Beabsichtigtes erscheint und einen trefflichen Commentar für das Wagnis bietet, mi einer geradezu nichtssagenden Nummer ein Werk zu beginnen, welches nach jeder Richtung als schätzenswerthe Erweiterung eines Knnstgebieles angesehen werden muß. Sowohl im Lecho dodi I, als 2 tritt uns ein alterschwaches, kurzes Musikmoriv (3/4 Tact) entgegen, welches unabgelöSt durch die textlich paraltcllen Gebetstücke dahintrippelt und sogar bei dem Frieden arbmenden Vers hoi w68cholom nicht zu Ruhe gelangt. Sie ist uns nicht neu, diele grundlose Eiuzwängung verschieden-inhaltlicher Gebetstellen in den unpassenden Nahmen einer gleichen Melodie. und wir stünden nicht an, dieselbe als ungebührlich zu bezeichnen, wenn nicht augenscheinlich die bereits oben erwähnte Absicht Naumburg's unter diesbezügliches Urtheil milderte. Zudem ist auch in den beiden ersten Nummern nichts von jener vielgerühmten und vielgeschmähten Opulenz der Melodie zu bemerken, welche das Merkmal der Naumburg'schen Compositioneu bildet, sondern ein hingeworfencr fragmentartiger Musikgedanke ist es, dem wir hier begegnen. Auch die uns bekannte, durch das Beispiel eines hochverdienten und hochverehrten Nestors farrctionir.te Textverzerrung, wie z. B. 1iw'8chi bigde, sifartech ami—ki wo orcch kiuni ori oder tehilloh lechol—chasidof ist es, der wir leider auch hier begegnen, so dass diese beiden Nummern geradezu als unglücklicher Anfang hingestellt werden müssten, wenn wir die didactische Absicht des Autors nur einen Augenblick außer Acht ließen. Diese unsere Auffassung gewinnt noch mehr an Berechtigung bei der Durchsicht der nächstfolgenden Nummer 3 Lecho dodi in G-dur 4/4 Tact; trotz mancher Mängel auch nach der von uns besprochenen Richtung, zeigt diese Arbeit schon einen