Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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löbliche Einrichtung hat nachher noch lange fortgedaucrt, bis sie endlich aufhörte. Zu Esras Zeiten war das Volk weder mit der hebräischen Sprache noch mit dem Inhalt der Bibel bekannt. Ein großer Theil des heutigen Indentbums ist leider in derselben traurigen Lage und eine solche Dolmetschung der vorgelesencn Lcction wäre in der Landessprache höchst zeitgemäß. ,Zn jener Zeit ließ man Stücke, die nicht ganz für die Oessentlichkeit geeignet erschienen, unübersetzt. Nach Beendigung der Vorlesung wurde seit uralter Zeit ein entsprechendes Stück ans den Propheten vorgelesen, das man etwas zusammenhängender über setzte.' (Siehe Zost, Seile 178, Band I.) Indessen nahm die Art und Weise der Vorlesungen eine andere Gestalt an. Man trug blos den hebräischen Text vor und verdolmetschte ihn nicht mehr, und das Aufrufen wurde zur leeren Form herabgewürdigt. Der Ahos-Verkauf wurde zur gemeinen Auctiou, die mitunter zu Auseinandersetzungen führte, welche beim Friedensrichter ihren Abschluss fanden. Der Mißbrauch der endlosen Niseheheraeh mit dem unfehlbaren w'es.und der Profanirung des heiligen göttlichen Namens fand eine trauliche Stätte in der sogenannten Schul. Die wahre Kenntnis des Hebräischen nahm mit Riesenschritten ab, und jetzt verstehen Viele, die zum Anhören des Vorlesens herbeigerufen werden, nicht ein Wort von dem, was man ihnen vorträgt. Anderen in der Synagoge geht es nicht besser, die Langweile bemächtigt sich ihrer, sie t hu n ein Schläfchen, oder plaudern ׳mit dem Nachbar, oder lesen — die Zeitung! Dass viele Gemeinden, respective deren Rabbiner und Lehrer eine Abänderung trafen, um der Vorlesung eine würdige Feierlichkeit zu verleihen und dem Worte Gottes die Ehrfurcht zu verschaffen, die ihm gebührt, wer wollte über solche Einrichtungen unbarmherzig den Stab brechen? Auch in hiesiger Gemeinde hat sich folgender Brauch bei der Thoravorlesung mit Erfolg Bahn gebrochen. Der dreijährige Cyklus in Uebereinstimmung mit dem Kalender gilt als Norm bei den.Sabbathlichen Vorlesungen. Die vorzulesenden Abschnitte werden ohne melodische Betonung mit Verständnis einfach und schlicht vorgetragen. Die Gemeinde hört ehrerbietig schweigend zu und ebenso geräuschlos verlässt der Aufgerufene seinen Platz. Ich lasse nun einige §Z unserer Synagogen-Ordnung bezüglich der Vorlesung folgen. ,Wer zur Thora gerufen werden will, hat es vor der Andacht dem Tempel-Vorsteher zu melden. Die Karten der Aufgerufenen bleiben auf den Plätzen bis nach dem Gottesdienste liegen. Fürbitten, Einsegnungen rc. werden nach der Thoravorlesung abgehalten und muß dem Beamten die Anmeldung schriftlich am Nüsttage behändigt werden. Mizwos werden nicht verkauft, Mischeberach nicht gesprochen, noch die Nedowos öffentlich proclamirt. Jedes besondere Gebet wird wie oben angedeutet in deutscher Sprache vorgetragen. Die Vorlesungen für die Festtage werden nach dem ,Breslauer Gebetbuche' oretorisch dcclamirt. Zum Schluss wird der hebräische Text der Thora an Sabbath und Festtag erklärt und in Form einer kurzen Predigt behandelt, hingegen die Haftorah in deutscher Sprache im Auszuge vorgetragen. Für den dreijährigen Cyklus hängt die Tafel im Tempel aus, und bin ich gern bereit, den Inhalt auf Wunsch in dieser geschätzten Zeitung zu veröffentlichen. Thoravorlesung und einiges Andere. von I. G. in H. Rabbi Elieser Hagodol behauptet (Sota 49 a), daß mit dem Untergänge unseres heiligen Tempels auch die Wissenschaft in Israel stark gesunken sei und so, sagt er, wurde der Chacham wie der Sofer, ber Sofer wie ber Chasan und endlich berChasan wie der Am hoorez. Wohl ist nach Rasehi unter Sofer der Melamed Tinokoth und unter Chasan der Seheliach Besdin gemeint. Doch könnte dieser talmudische Spruch in ganz umgekehrtem Verhältniße auch auf die beutigen Träger dieser ganz wohl angewendet werden, indem der Am hoorez ein Chasan, der Chasan ein Sofer und der Sofer ein Chacham sein will. Dies soll in Folgendem dargethan werden. Dass der Am hoorez ein Chasan sein will, wurde in diesen ge.fch. Blättern schon zu wiederholten Malen von hervor» ragenden Autoren genugsam und glänzend demonstrirt. Die Idee ist darum nicht neu und darf Niemanden beleidigen. Nicht genug kann aber darauf hingewiesen werden, dass dieser traurige Umstand in vielen Fällen die eigentliche Ursache der ewigen Wanderung mancher Cantoren ist. Es ist ja selbstverständlich, daß derart ungenügende Kräfte sehr billig ausgeboten werden, und wieder folgerichtig, dass man auf ein Material, das alltäglich und noch dazu wohlfeil ist, nicht viel hält. Man ist höchstens nur bestrebt, immer nur das bald abgebrauchte gegen neues, ähnliches umzutauschen. Am Ende denkt sich Mancher in der Gemeinde: ״Ich bin ja auch kein kleinerer Am hoorez als unser Cantor, warum sollte ich auch nicht auch Cantor sein können? Ich werde das wohl auch noch treffen.' Dies hat gewiss auch mitgewirkt, um den beständigen Wechsel in vielen Gemeinden einzubürgern und daher auch die ständigen Concurse. So lobe ich mir denn den Cantor, der ein Sofer, nämlich ein Journalist sein will. Dass dem so ist, bedarf für die verehrten Leser unseres Vereinsorganes keines anderen Beweises, als eben dieses selbst, das von Cantoren gegründet und geleitet, auch den größten Theil seiner Berichte und Beiträge von Solchen empfängt. Ich glaube, dass seit dem Bestehen der Cantoren- Zeitung' sich fast jeder Cantor schon im Artikelmachen versucht haben wird, wie ich es eben thue. Ist ja so ein Cantor in den Landgemeinden ohnehin schon ein Universalgenie, so kann er ja auch zuweilen journalistisch thätig sein. Ueberaus hoch zu schätzen ist aber gar das Bestreben der Gründer und Leiter dieses Blattes, weil sie, die doch als Beamten der Großgemeinde Wien stolzen Hauptes aus ihre Gegenwart und frohen Muthes in ihre Zukunft blicken können, auch auf die Verbesserung des Loses ihrer minderbeglückten College« hinwirken. Auf die Betrachtung endlich, dass der Sot'er ein Chaeham oder zu deutsch, dass der Journalist ein Rabbiner sein will, muss man durch die Polemik geleitet werden, die in den letzten Wochen in den Spalten diesessBlattes geführt wird. Herr Oberlehrer Nieseufeld aus Ung. Brod hat vor einiger Zeit, unter Berufung auf jeden Freund der Wahrheit, die Unruhe und Unordnung, wie sie an Samstagen während des Thoravorlesens in den meisten jüdischen Gotteshäusern herrscht, einer strengen Kritik unterzogen, um schließlich über das Thoravorlesen selbst den Stab zu brechen. Jeder Freund der Wahrheit sieht wohl die Indolenz im Judenthume, wie sie in unserer Zeit der Aufklärung und des Fortschrittes nicht nur während des Thoravorlesens, sondern bei jeder Gelegenheit sich in betrübender Weise kundgibt. Allein jeder wahrhafte Jehudi muss auf die Heilung dieses tiefgreifenden Uebels bedacht sein. Herr Oberlehrer Riesenfeld will aber das probate Mittel gebrauchen, das Kind mit dem Bade auszuschütten; will das Vorlesen aus der Thora über- .Haupt abgeschafft wissen und an dessen Stelle einige Pericopen, vom Rabbiner in deutscher Sprache vorgetragen, einführen, will, dass das Judenthum einen Selbstmord begehe, aus Furcht vor dem Sterben. Man sollte doch meinen, dass ihm von allen Seiten der einstimmige Ruf entgegen tönen werde, daß man in LÄKUFKESM