Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 — an führt, leicht widerlegt. Andere wieder glauben, dass die metrische Schreibeart profan und lediglich zum Dichten von Er- Zahlungen oder zum Ausdrucke der Gefühle des Zornes und der Liebe geeignet sei. Sie können auch nicht überzeugt werden, dass irgend welche heilige Bücher jemals in Poesie abgefasst worden seien. Aus diesem Grunde wurde auch das Buch Hiob von Einigen nicht als eine wahre Historie, sondern als eine erdichtete Tragicomedie der Hebräer angesehen. Dem gegenüber wird es unsere Aufgabe sein, diese unrichtige und unbillige Meinung vollends zuwiderlegen und darzuthun, dass David die Psalmen nur im metrischen Style geschrieben habe. Erstens fehlt es nicht an unwiderleglichen Beweisen der heiligen Schrift, welche dies offenkundig bestätigen. Es beißt an einer Stelle: ,Die Priester standen bei ihrem Dienste und die Leviten bei den Musik-Instrumenten, indem sie die Hymnen und Gedichte, welche König David selbst zu Gottes Lob geschrieben batte, sangenV Dasselbe wird 1. Esdras 3. gesagt. Eine hervorragendc Beweisstelle ist auch in 2. König. 23 enthalten: ,Dies sind die neuesten Worte, welche David, der Sohn Jsai, der ausgezeichnete Sänger in Israel, gesprochen'. Do6168ia8tio. 47 wird über David Folgendes gesagt: ,Er stellte die Sänger gegenüber dem Altäre auf und schuf für ihren Gesang liebliche Weisen.'. Manche sind der Ansicht, dass, so oft in den heiligen Schriften von Gedichten oder Liedern die Rede ist, die Psalmen Davids darunter zu verstehen feie«, wie z. B- Ecclisiast. 44: ״Lasset uns loben die berühmten Männer, welche von ihrer Jugend auf die Lieder der heiligen Schriften schrieben'.- An dieser Stelle muß das griechische Wort »paideia״, das ״Jugend" aber auch ״Unterricht, Kenntnis" bezeichnet, in der ersten Bedeutung genommen werden; denn David liebte von der frühesten Kindheit an und von Jugend auf die heilige Musik, und Niemand hak. uns in ihrem Studium mehr begeistert und angeeifert als er. Für die von uns verfochtene Ansicht liefern auch die Kirchenschriften vielfache Belege. Unter vielen Anderen spricht auch Ambrosius in seiner Vorrede zu den Psalmen über David als den Sänger der heiligen Lieder. An derselben Stelle erwähnt er des. Moses, welcher ebenfalls zwei Lieder verfasste. Josephus üb. 7, Cap. 10 schreibt, dass David in den Gefahren des Krieges, im tiefsten Frieden Oden und Hymnen zum Lobe Gottes in allen Arten der Poesie, in verschiedenen Versmaßen, im Trimeter und Pentameter geschrieben habe und die Leviten lehrte, dieselben unter Begleitung von Instrumenten im Tempel zu singen. Cassiodorus behauptet in seinem Vorworte zu den Psalmen, dass jede Art der poetischen Schreibeweise erst von den heiligen Schriften, hauptsächlich von David ihren Ursprung genommen habe, wie auch Andere überliefern, dass überhaupt die gesammte Literatur von den Hebräern zu den Griechen und Römern überkommen sei. Sicher ist, dass schon vor Gründung Troja's, vor der Argonautenfahrt, vor Beginn der Olympiaden Moses, Deborah, die Mutter Samuels und David die Gesetze der Dichtkunst gekannt haben, indem sie ihre Lieder nach denselben schrieben, und nach den Zeugnißen des Josephus, Justinus, Origenes und Eusebius ist es eine feststehende Thatsache, dass die profanen Autoren von hier Vieles entlehnt haben. (Fortsetzung folgt.) Ein Wort M Liturgie. Von M. Tint n er, Cantor und Lehrer in Vunzlau, Preußen. Neuerdings geht der Ruf durch alle Lande, eine bessere Organisation (die uralte Ordnung) des Gottesdienstes anzustreben. Ganz objectiv, fern von allen Parteiansichten, will ich ein Wort dieser heiligen Sache reden. Wer mit Aufmerksamkeit die Geschichte unserer Liturgie von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart verfolgt, der staunt ob all' den Umwälzungen, die sich im Laufe der Zeiten vollzogen. Die .Leuchten' Israels geißelten die Mißbräuche unseres Gottesdienstes, das Hersagen Unverstandlich-kabbalistischer Reime — den trivialen Piut-Singsang, der dem ungebildeten Volke nur zum Amüsement dient, der allgemeinen Erbauung jedoch schadet und nur als Lückenbüßer an den Festtagen figurirt, um die Zeit auszufüllen. Onmia ad majorem dei gloriam.! Wo bleibt aber die Aufrechterhaltung des wahrhaften Ausspruches: ״T’filo b’lo chewonoh, k’guf b'10 n’schomoh? Wahrlich, die Siddur-Lamdonim würden lieber die halbe Thora hingeben, als ein Jota von den Keroboth streichen. Das hohe Ideal unseres Gottesdienstes und der heil! ge Nimbus, der in der Andachtsübung im Tempel schweben soll, ist für solche Laien eine terra iueognita. Mit Entrüstung über den herrschenden Lärm in den Synagogen spricht sich der berühmte Prager Rabbiner, Efraim Lenschütz, aus. »Zum Gespötte und Gelächter Anr-ersgläubiger werden wir ob der Unordnung und Ruhestörung während unserer Andachten'. Einst besuchte Friedrich der Große die Berliner Synagoge. Nach Beendigung des Gottesdienstes fragte der Vorsteher, wie es der »Majestät' gefallen. »O, Euer Vor׳ länger ist ein gar kluger Manu, denn, wenn er schreit, hält er sich die Ohren zu.' Anerzogen muss es daher dem Israeliten werden, in schwer׳ gender Ehrfurcht den heiligen Gebräuchen beizuwohnen und nur im Chore die üblichen liturgischen Gesänge mitzusingen. Die eigentliche Verrichtung des Gottesdienstes ist Sache des wohlgeschultert Cantorc, dem das priesterliche Amt übertragen ist, die Sehnsucht der Gesammtheit nach ihrer Verbindung mit Gott würdig in Wort und Haltung auszudrücken; daher er auch 8ebe1iaob Zibbur (der Gesandte der Gemeinde) heißt. In der hiesigen Synagogen - Ordnung §. 11 heißt cs: »Außer dem im Amte fungirenden Cantor und Neligionslehrer darf Niemand und bei keiner Veranlassung in der Synagoge vorbeten. Jede Oeffnung der heiligen Lade erfolgt durch den Beamten. Das Ivaddi86b-Gebet der Leidtragenden und Jahrzeithabenden wird vom Cantor laut gesprochen. Die Anderen sprechen leise aus ihren Plätzen mit. Fremden Israeliten weist der Vorsteher einen vacanten Platz an. Das Stehenbleiben in den Gängen des Gotteshauses ist nicht gestattet. Die Einführung der Awelim am Freitag Abend geschieht in feierlich-erhebender Weise durch den amtirenden Cantor und Neligionslehrer. Das Tragen des Kittels und des Barets ist durchaus nicht gestattet; ebenso darf der Talli8 nur zusammengelegt, und zwar nach dem Vorbilde des dienstthuenden Beamten umgelegt werden. Das Klopfen mit dem 808obanatb-Bündel ist bei Strafe untersagt. Während der Todteufeier darf sich Niemand entfernen, auch solche nicht, deren Eltern noch am Leben sind, damit Niemand gestört werde. Das Mitsingen mit dem Chor ist, wenn es tactmäßig geschieht, erwünscht und erforderlich und soll sich der Gemeindegesaug der Orgel accomodiren. Sämmtliche Schüler und Schülerinnen, die nach Ermessen des Cantors mit Stimmmitteln begabt sind, haben die Verpflichtung den Gottesdienst durch Gesang verherrlichen zu helfen u. s. w.' Es ist eine heilige Anordnung Mosis aus dem Gesetz׳ buche öffentlich vorzulesen. (Am Sabbath, Festtagen und Montag und Donnerstag.) In Esra's Zeiten stand neben dem Vorleser ein Dolmetscher, welcher das Vorgelesene dem Volke in einer demselben verständlichen Sprache übersetzte und erklärte. Diese