Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 43 (24.12.1884)
- Date
- 1884-12-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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dies doch nicht der Fall. Denn wir lesen weiter in dieser antidi lnvianischen Stammrolle der Menschheit, d. h. wenn uns nicht die Forschung Darvin's mehr znsagt, was ich meinerseits entschieden ablehne. Cap. 10, 21: ״Und dem Sem wurde auch geboren . . d. h. Sem ist der Stammvater aller Kinder Eber, Bruder.des Japhet Hagadol. Der bei uns mustergiltige Commentatvr Naschi, erläutert: Es ist unklar, ob Iephet oder Sem der Erstgeborene war; da es aber Cap. 11, 10 ausdrücklich heißt: ,Sem war 100 Jahre alt, als er zeugte den Arpachschad, zwei Jahre nach der Sündslnt, so ist mathematisch begründet, dass Iephet und nicht Sem der Erstgeborene Noa's ist. Beweis: 500 Jahre war Noa, als er überhaupt Kinder zeugte — die Sündflut war im 600. Jahre seines Lebens — sonach war sein Erstgeborener beim Beginn der Flut netto 100 Jahre alt, da nun Sem aber aber 2 Jahre nach der Sündsiut erst sein 100. Lebensjahr — bei der Geburt Arpachschad — erreichte, so ist klar erwiesen, dass Japhet und nicht Sem der Erstgeborene war. Uns, die wir die h. Schrist nicht als profanes Buch betrachten, vielmehr wissen, daß alle ihre Worte, Angaben, bedeutungs- und absichtsvoll sind, muß es als Merkwürdigkeit ausfallen, warum die h. Schrist bei Ausführung der Nachkommen Noa's, des 2. Vaters der Menschheit, immer Sem und nicht Japhet, der doch thatsächlich der Erstgeborene war, als Ersten ansührt und bezeichnet? Das ist wahrlich kein Lapsus, sondern wohlweisliche Absicht, die dem ehrlichen Bibelforscher nicht entgehen kann, d. h. wenn er reinen Herzens, die Wahrheit sucht und anstrebt, da doch die Erstgeburt in der Bibel bekanntlich eine große Rolle spielt. (Fortsetzung folgt.) Die jüdische!! Ackerlmucolmnen in Süd- ,Rußland. (Aus der ,Neuen Züricher Ztg.*) Es macht einen fast rührenden Eindruck, wenn man unter den jüdischen Dorf- und Colonienamen im Gouvernement Cher׳ son die Bezeichnung Seide Menucha, Feld der Ruhe, des Glückes, der Seligkeit oder Nahartow, guter Fluss oder gar Jsraelewka sindet, der Welt bedeutend, dass die Juden hier bei schwerer Arbeit ihr Lebensideal gesunden hatten. Blühende jüdische Dörfer, ein fleißiges, arbeitsames, jüdisches Völklein, das im Schweiße seines Angesichts thätig ist und die Physiognomie des russischen Bauers angenommen hat — das ist für Westeuropa sicher etwas Unerhörtes, kaum Glaubliches, und diese Colonien und Dörfer exisliren in Wirklichkeit. — Ein rastlos gehetztes Wild, hatten die Juden einst die Stätten ihrer Colonien mit Jubel begrüßt, nicht nur als ein rettendes Asyl, sondern auch als eine Vorstufe ihrer vollen Emancipation. Dankbar hatten sie den Dörfern, welche unter ihrer Hand entstanden und ihnen ein gesichertes Heim verhießen, Namen gegeben, welche ihrem innersten Empsinden und Hoffen entsprachen. Man ist nicht ganz darüber einig, wdnn die ersten Colonien in Südrußland entstanden sind. Die Einen führen sie auf Katharina II. zurück, die bekanntlich mit Angehörigen aller Nutionalitäten das südrussische Steppengebiet bevölkerte, Andere lassen die ersten Colonien unter Alerander 1. entstehen, der den Juden viele Sympathien entgegentrug, sie in ihren Rechten schützte und den von jüdischer Seite ausgehenden Gedanken förderte, auf dem Wege der Colonisationen der Emancipation näher zu kommen. Suchen wir in älteren Reisebüchern nach Mittheilungen über diese Colonien, so finden wir in den Aufzeichnungen der bekannten deutschen ,Reisenden (Kohl, Haxthausen u. a.) der jüdischen Colonien entweder gar nicht oder doch nur sebr siüchtig gedacht. Dagegen verweilt der berübmke französische Reisende Lavier Hommaire de Hell etwas länger bei ihnen, indem er schreibt: ,,Im Gouvernement Cherson ist zum ersten Male der Gedanke der Organisation jüdiicher Ackerban-Colonieu anfgetaucht. Mehrere derselben wurden in den Bezirken von Cberson und Bobinetz errichtet und im Jahre 1827 zählte man nenn jüdische Dörfer mit einer Bevölkerung von 8000 Seelen, verlheilt auf 55.333 Hectaren Land. Alle neuen Colonisten genießen dort während zehn Jahren volle Abgabenfreiheit; darauf fallen sie in dic Calegorie der anderen Kronbanern. Außerdem bleiben sie 50 Jahre hindurch frei vom Militärdienst." ״Die Colonisation dieser Juden ist keine Kleinigkeit gewesen, und vor allen Dingen war es nöthig, sie. der strengsten Ueberwachuug zu unterwerfen, besonders um sie zu Verbindern, ihre Dörfer zu verlassen.. Alle diese Colonisten sind heute dem General-Gouverneur des neurussischen Gebietes und jedes ihrer Dörfer ist der Verwaltung durch einen Unteroffreier der Armee übergeben." ״Ich weiß nicht, zu welchem Zwecke die Negierung diese Colonien gegründet hat, welche nach dem landwirlhschaftlichen Berichte keinen Dienst dem Lande zu leisten.vermögen. Sollte der Zweck ein philantropischec sein? Ich denke nicht. Ich glaube vielmehr, dass man au die militärischen Hilfsquellen gedacht hat,, welche diese Colonie an dem Tage verheißen, wo sie den Ge״ setzen der Necrutirung unterworfen sein werden. Diese Meinung, welche sich auf die Norhwendigkeit stützt, in welcher sich während mehrerer Jahre die russische Negierung befindet, Jeden gewaltsam in die Schiffsmannschaft der Marine einzureihen. Diese unglücklichen Juden sind vorzüglich brauchbar als Arbeiter, und ich habe sie in großer Anzahl in den Arsenalen von Sebastopol und Nicolajew angetroffen." Das bemerkenswerthe Urtheil des gelehrten und scharfblickenden Verfassers über die Brauchbarkeit der Juden zu schwerer Arbeit sei in vollem Umfange als richtig anerkannt, dagegen darf die philantropische Absicht der Negierung bei der Gründung dieser Colonie, ebenso der weitere Hinblick auf die Verwendung der Juden zum Kriegsdienst in Zweifel gezogen werden.' Die Gründung der Colonien führte die kräftigsten jüdischen Volkselemente nach dem Süden, und da sie in den Colonien, ans Gründen, die wir später kennen lernen werden, keinen dauernden Platz fanden, zogen sehr viele dieser kräftigen Juden in die Seestädte, wo sie der Negierung zur Ergänzung der Marine u. s. w. ein sehr willkommenes Material boten. Wir werden im Laufe unserer Darstellung noch einmal auf die Mittheilungen Dr. Hell's zurückkommen. Bezüglich der Gründung der Colonien zur Zeit Alerander I. darf wohl als unzweifelhaft festgehalten werden, daß die Anregung dazu von den Juden selbst ausging. Es ist eine interessante Episode der russisch-jüdischen Geschichte, welche sie füllt. — In jüdischen Kreisen hatte sich das heiße Verlangen Bahn gebrochen, der christlichen Gesellschaft in der Beziehung gleich zu werden. Man wollte dem ungewohntesten und schwersten Berufe sich zuwenden, der Landwirthschaft, und einen großen jüdischen Bauernstand bilden. Am Himmel der russisch-jüdischen Literatur stammte damals manch' glänzendes Gestirn auf, das prophetisch den jüdischen Parias eins glückliche Zukunft verhieß. Mit glühender Begeisterung trat mau für die Gründung jüdischer Ackerbaucolonien ein und bewies aus der jüdischen Schrift und dem Talmud, dass die hervorragendsten