Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 43 (24.12.1884)
- Date
- 1884-12-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 - Ganz anders verhält es sich jedoch mit der musikalischen Geschmacksrichtung, die in den Werken obwaltet, und welche den Einen zu überschwenglichen Lobesäußerungen, den Anderen wieder zu rückhaltelosem Verurtheileu Veranlassung bot. Um nun in das Gewoge dieser widerstreitenden Anschauungen und Ansichten die nöthige Klärung zu bringen und zu einem unparteiischen und ersprießlichen Resultate zu gelangen, verweisen wir auf einen Gedanken, welchem von uns in dem allerersten Aussatze dieser BesprechungMusdruck verliehen ward, u. zw. auf den Um. stand, dass bei fachmännisch er Beurtheilung irgend eines Synagogengesangswerkes^ die Orts- und Zeitverhältnisse, innerhalb derer das zu beurtheilende Werk entstanden, strengstens berücksichtigt werden müssen; fügen wir nun diesem Gesichtspunkle auch noch die gebührende Berechtigung der oben angedeuteten verschiedenen Parteimeinungen hinzu und forschen nun nach den Motiven dieser Anschauungen, so erblicken wir eigcnthümlicher- Weise für die gegensätzlichen Urtheile einen und denselben Grund, und zwar das , Uebcrmaß von Melodie* der Naumburg'schen Compositioneu. Kein anderes Motiv als die Ueberschwenglichkeit der Melodie ist es, welches die Beurtheiler des vorliegenden Werkes in zwei Lager theilte: dort der Enthusiasmus für den sprudelnden, sinnbestrickeuden Melodieuquell, hier die Abneigung gegen das Süßliche, Weichliche des ewigen Melodieuflusses. Und in der That, dürfte man ein Urtheil in zwei Hälften!heilen, man wäre in Verlegenheit, der einen oder der anderen Serie ein Mehr oder Minder zuzuerkennen, so gleichberechtigt stehen die beiden Anschauungen vor uns da. Allein diese^ Doppelaufgabe gegenüber müssen wir uns streng unparteiisch verhalten, indem wir auf den Ausspruch eines großen Mannes Hinweisen, der da lautet: ,Die Schönheit eines Objectes ist nicht immer in dem Schönheitswerthe bedingt, welcher dem Objecte anhaftet, sondern darin, wie dasselbe unserem Geschmacke entsprich!; denn wäre dieselbe in dem Schönheitswerthe bedingt, so müßte sie ja von Allen eine g leiche Beurtheilung erfahren, wo gegen die Erfahrung spricht.' Der Melodienzauber der Raumburg'schen Compositiouen erscheint dem Einen als Offenbarung, eines genialen und phantasiereicheu Geistes, dem Andern als Deckmantel für etwaige musikalische Härten, mit demselben Rechte, wie dem an herben Rhein- oder Ungarwein gewohnten Gaumen der vielgepriesene, prickelnde, süß schäumende Champagner geradezu ungenießbar dünkt; wer wollte hiebei ein anderes Ur-!heil fällen, als den in dem bekannten Satze enthaltenen Ausspruch : ״Das ist eben G e s ch m a ck s a ch e." Mit der alleinigen persönlichen Geschmacksrichtung hat es jedoch hiebei keineswegs sein Bewenden, weil ein Knnstproduct den Gesetzen künstlerischen Ebenmaßes und künstlerischer Formen .unterworfen ist und nur dann als wahrhaftes Kunstgebilde anerkannt werden darf, wenn es, trotz anderweitiger Eignungen den bezeichneten Anforderungen entspricht. Mit dieser nothwendigen Vorausschickung wenden wir uns nun zur thalsächlichen gewissenhaften Durchsicht der in dem Werke Semirotli Jisioel vorkommenden Naumburg'schen Compositiouen. Wir sehen uns auch hiebei wieder zu der bereits wiederholt gegebenen Erklärung veranlasst, dass es uns innigtlch freuen würde, ja, daiä es, so zu sagen, Zweck dieser Besprechung ist, einen Meinungsaustausch herbci'zuführen, der Licht und Klärung in die immer noch umnächteten Synagogengcfangs.Verhältniße zu bring en geeignet wäre. (Fortsetzung folgt.) Cantor-Frage. Vom Bezirksrabbiner A. Noth in Sziklos. III. Der zweite Gesang, den Israel gesungen, ist der Brunnengesang im vierten Buche Moses, C. 21, An einem des Wassers ermangelnden Orte in der Wüste, ließ Gott die Israeliten Wasser sinden, als man darnach grub. In diesem Gesänge sinden wir den vollendeten Parallelismus: ברוד. - הפרוהי נדיבי עמים־שרים wie auch den vollkommenen Reim: כרודדחפרוה. Das dritte Lied ist bas Siegestied, welches die wortgewaltige Deborah, das Weib mit dem Flammengeiste, mit Barek zur Siegesfeier und znm Lobpreis des rettenden Gottes sang. Höret es, ihr Fürsten! vernehmet es, ihr Könige! ich will dem Ewigen singen, dem Ewigen, Israels Gott, will ich ein Lied anstimmen! Während die Könige und Fürsten im Siegesräusche sich selbst vergöttern, will Deborah, die mit begeistertem Griffe die Saiten ihrer Herzensleier rührt, ihren Nuhmeskranz, gewunden aus entzückenden Dichterblumeu, nur Gott weihen und widmen. Wahrlich ein solch' herrlicher Gesang wirkt erwärmend und belebend, erfrischend und erquickend auf das menschliche Gemüth, solche begeisterte und begeisternde Hymnen sind theure Perlen, die die Empsindung aus des Herzenstiefen holt. Das ganze Preislied achmet Ursprünglichkeit, Einfachheit und kunstlose Folgen der Gedanken, selbst das öftere Wiederholen derselben Ausdrücke, um Nachdruck hervorzubringen, zeugt bei aller Kraft und Genialität, dass die Sprache noch nicht gewandt war. Alles im Liede zeugt für sein hohes Alterthum, die Leidenschäften, die in ihm zum Ausbruche kommen und sich ebenso in der Freude am Siege, in dem Lobe Gottes, wie in dem Hohn über den niedergeschmetterteu Feind, in der Ironie über die getäuschte Mutter Sisro's, wie endlich in dem bitteren Spotte über die Stämme Israels, die sich dem Kampfe entzogen haben, können nur in dem Herzen eines unmittelbar Betheiligten entquollen sein, nimmermehr sind sie die vorsetzliche Fiction eines späteren Dichters. Es verrälh sich aber dadurch das Weib als Verfasserin dieses Siegesliedes, weil sie ihre besonderen Verdienste hervorhebt, mithin die Eitelkeit und Selbstliebe hervorlenchtet; sie sagt: ,Still waren die Weiber in Israel, sie waren still, bis ich erstand, Deborah, ich erstand, eine Mutter in Israel.' Dieses erhabene und erhebende Lied schließt mit dem Wunsche, dass Alles, was in der Menschheit feindlich dem Güttlichen entgegentrilt, baldigst nntergehen möge, und wie die Sonne am Morgen aufgeht und alle Finsternis der Nacht׳ und alle Nebel der Dämmerung zerstreu: und ihr Licht über alle Höben und in alle Niederungen der Erde ausgießt, so gehe Gerechtigkeit, Gottesfurcht und Liebe über die Menschheit auf. Dieses Siegeslied wird noch heute am שבת שידה als Haitorah gelesen, und beide שידת בשה^und .TTD1 שירת bleiben in ihrer unwandelbaren Frische der Abdruck des jüdischen Gemüthes und seiner Herzensstimmung, und so wir diese Hymnen hören, wird unser Herz mächtig bewegt und wir fühlen uns getragen auf unsichtbaren Schwingen und stimmen ein in den Gesang; denn die Worte des Dichters: ,Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder", haben die Juden stets bewahrt, weil, wie der Pialmist sagt: קיל רנה וישועה באהלי צדיקים ,Die Stimme des Gesanges ist in den Hütten der Frommen'. (Fortsetzung folgt.)