Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 43 (24.12.1884)
- Date
- 1884-12-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Zeitung in der vordersten Reibe und hoffentlich wird sie auch fernerbin ihren Platz behaupten. Die Nedaction ist keineswegs so unbescheiden, die vielfache Anerkennung, das steigende Ansehen des Blattes, die zahlreichen Erfolge als nur ihr eigenes Verdienst anzusehen, es ist vielmehr ein großer Tbeil den eifrigen Mitarbeitern zuzuerkennen, und gerade der Umstand, dass sie von Seile des Vereinspräses, von Seile vieler Collegen und auch aus entfernter stehenden Kreisen so zahlreiche ^und energische Unterstützung fand, -sollte sie mit größerer Genngthuung und sreudigerer Hoffnung erfüllen. Und trotzdem, wenn wir unseren Blick in die allernächite Zukunft werfen, so thnn wir dies mit schmerzlichen Gefühlen; denn wir dürfen es uns nicht verhehlen, dass die Existenz der C a n t o r e n - Z e i t u n g er n st l i ch bedroht ist. Zu wiederholten Malen haben wir es betont, dass die Herausgabe eines Blattes mit großen Kosten verbunden ist, welche nur durch pünktliche Einsendung des gewiss geringen Abonnementsbetrages gedeckt werden können. Doch alles Mahnen und alles Bitten — dort wo berechtigtes Fordern am Platze wäre — hat nichts gefruchtet, die Lässigkeit in der Bezahlung des Abonnementsbetrages nimmt immer größere Dimensionen an, so dass wir endlich auf dem Punkte angelangt sind, wo wir sagen müssen: ,Bis hieher und nicht weiter". — Kein rechtlich denkender Mensch wird es verlangen, dass der Herausgebcr dieses Blattes, der kein Krösus, sondern ein Cantor ist, außer der Mühe und Plage, der cr sich gerne im Interesse des Cantorenstandes unterzieht, auch noch ein immer steigendes Deficit auf sich nehmen muß. Wir müssen nun in Zukunft darauf bestehen, dass der Prännmerationsbetrag unter den an der Spitze des Blattes angegebenen Modalitäten im Vorhinein pünkltlich eingesendet werde. Auf Wunsch einiger Collcgen haben wir auch, damit minder Bemittelten die Bezahlung erleichtert werde, ein Monats-Abonnement per 50 Kreuzer eingesührt, doch muß der Pränumerationsbetrag bis l ä n g st e n s d e n 6. e i n e s jeden Monates eingesendet werden, widrigenfalls die Zusendung des Blattes sofort sistirt wird. Jedem Abonnenten bleibt es aber frei gestellt, den Pränumerationsbetrag wie bisher vierteljährig, halbjährig oder ganzjährig zu entrichten. Es sei dies noch der letzte Versuch, den wir in dieser Richtung machen. Sollte es sich jedoch Herausstellen, dass die Cantoren zur Erhaltung eines Blattes, dem sie Vieles zu verdanken haben und das jederzeit ihre Interessen warm verfochten hat, nicht einige Kreuzer monatlich entbehren wollen, dann müßten wir, wenn auch mit schwerem Herzen, die Herausgabe der Cantoren-Zeitung einstellen. Wir würden die Beruhigung mitnehmen, dass wir nichts unversucht ließen und bis zum letzten Momente getreu auf unserem Posten ausharrten, dass wir nicht die Waffen gestreckt, weil wir den Ansturm der Gegner gefürchtet, sondern weil wir von unseren eigenen Freunden, von unseren Collegen im Stiche gelassen wurderü Im Interesse unseres Standes hoffen wir jedoch, dass diese Eventualität nicht-eintreten. und dass dieser Mahnruf jeden Cantor an seine Pflicht erinnern werde. Die Redaction der österreichisch-ungarischen Cantoren-Zeitung. Ueber ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. XXVII. Es ist eine äußerst beachtenswerthe Erscheinung, dass Naumburg bei.Herausgabe seines Synagogengesangswerkes keine einzige der bis dahin veröffentlichten Synagogengesangscomposilionen in dasselbe anfnahm, sich trotzdem veranlasst fand, mehreren von seinem berühmten Vorgänger Lovy componirten und in den Pariser Synagogen mannigfach verwendeten Gesängen die Aufnahme zu gestatten. Wir finden für dieses Vorkommnis keinen anderen Grund, als einerseits in der Gediegenheit der Compo-׳ sitionen selbst und andererseits in der sich allenthalben kundgebenden Geneigtheit Naumbnrg's für die Tradition und seiner conservativen Gesinnung für die Weitergestaltnng des Synagogengesanges. Die Veröffentlichung einer Kunstschöpfung bildet jedoch nicht allein eine mehr oder minder werthvolle Erweiterung des betreffenden Kunstgebietes, ein mehr oder minder werthvolles Vermächtnis für künftige Generationen, sondern hauptsächlich einen bedeutungsvollen Beitrag zum Studiren der Eigenart des producirenden Künstlers, indem das Kunstwerk größ'.entheils das getreue individuelle Spiegelbild seines Schöpfers ist, und dem geübten Auge daher einen klaren Einblick in das Geistesleben der betreffenden Person gestattet; deshalb gelingen dem schaffenden Künstler jene Vorwände zumeist am Besten, deren Hauptgedanke im Selbsterlebten und Selbsterfahrenen gipfelt. Die meisten Gedichte, Dramen re. unserer unsterblichen Schriftsteller, die meisten Knnstgebilde unserer berühmten Maler, Bildhauer rc. sind nichts anders als die möglichst getreue Wiedergabe irgend eines ihrer Lebensvorkommniße und Lebensepisoden. Auch das vorliegende Werk Naumburg's darf nicht lediglich vom künstlerischen Standpunkte ans. beurtheilt, sondern als der getreue Reflex seiner sonstigen Gedankenwelt, gleichsam als Gelammtverzeichnis auch seines persönlichen Wollens und Schaffens angesehen werden. Der vielseitig gebildete und ideale Naumburg, der eine beliebte Persönlichkeit der Pariser Salons war, fühlte die volle Bedeutung eines der Oeffentlichkeit anheimzestellien Knnstproductes; er wußte, dass die durch Notentypen dauernd festgehaltenen Mnfikgedanken allerdings von der großen Menge lediglich als solche betrachtet und werthgeschätzt werden dürften; er fühlte jedoch gleichzeitig die ganze Schwere der cnlturhistorischen Mission, welche sein Gesangwerk in der damaligen Gegenwart, wie auch für spätere Tage zu erfüllen haben dürfte, und seinem weitblickenden Auge mußten selbstverständlich all' die Gesichtspunkte vorschweben, die eine Eventualität eines fachkundigen Forschers und Beurtheilers bilden könnten. Es liegt uns daher ob, dem Naumburg'scheu Synagogengefangswerke nach zwei Seiten hin unsere volle und ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden, und zwar nach der künstlerischen und didactischen Bedeutung desselben. Was den künstlerischen, will sagen, streng musikalischen Werth des Naumburg'schenWerkes Semiroth Jisroel betrifft, dürfen wir wohl behaupten, dass dasselbe tadellos selbst den zielbewußten Gegnern derselben erscheinen dürfte, wofür auch schon die Mitarbeiterschaft der drei hochhedeutendsten damaligen Tonsetzer Mayerbeer, Halevi und Alkan bürgt, welche sicherlich einem minderschätzenswerthen Musiker keine derartigen; Zugeständniße der Gemeinschaft gemacht haben würden, als es in Wirklichkeit der Fall war. ־־ -,ז