Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 42 (16.12.1884)
- Date
- 1884-12-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Kleine Chronik. Wien. Sonntag den 14. d. M. fand in den Loealitäten der türkischen Talmud-Thora-Schule ein solennes Chanukafest statt. Demselben ging eine kurze Prüfung voran, bei welcher außer dem Vorstände, an der Spitze der verdienstvolle Vorsteher, Herr Markus Russo, und der allgemein wohlthätige Herr Menachem H. EliaS, sehr viele Gemeindemitglieder und Damen anwesend waren. Nach der Prüfung würde die Chanukafeier mit einem Choral eingcleitet. Hierauf hielt der tüchtige Leiter der Schule, Herr Director (5. Groak, eine gelungene Rede, in welcher er seinen besondern Dank den Freunden und Gönnern dieser Anstalt aussprach und in einem warmen Nachfrufe den verstorbenen Mitgliedern, welche mit hochherzigen Stiftungen diese Anstalt bereicherten, gedachte. Nach dieser Rede zündete Obereantor I. Bauer die Chauukalichter an, worauf.der Tempelchor die üblichen Psalmen exact vortrug. Zum Schlüsse wurden sowohl die Schulkinder als auch sämmtliche Chorknaben mit sehr schonen Winterkleidern betheilt. Um den erst süngft in der türkischen Gemeinde creirten Verein ,Halbascha* haben sich die Herren Abr. Finci, Israel und Jaqnes Menach. Nnsso besonders verdient gemacht. — Samstag den 13. d. M. hielt Herr Dr. Nosenzweig ans Teplitz im neuen Tempel eine Probepredigt. Wien. Bei einem׳ hiesigen Kirchensürsten ließ sich dieser Tage ein Professor, israelitischer Confession, melden und thcilte demselben die Absicht mit, zum katholischen Glauben überzntreten, zugleich stellte er die Bitte, der Kircheufürst möge die Function eines Taufpathen bei ihm übernehmen. Ans die Frage des Kirchenfürsten, was ihn zu diesem U ebertritt bewege 2 entgegnete der Professor, er sei seit vier Zähren Professor und könne keine Anstellung erhalten. Man habe ihm gesa,.t, dass er auf-eine Staatsanstellnng nur in dem Falle hoffen dürfte, wenn er zum Christenthume übertrete. .Das ist kein Grund, seine Religion zu wechseln^, entgegnete der Kirchensnrst, selbst"wenn es sich so verhielte, muß einem seine Ueberzeuznng höher stehen als irgend welcher Vortheil, und dann, mu anfrichlig zu sprechen, die katholische Religion braucht heutzutage Gläubige, die für sie opferwillig sind, nicht aber solche, die irdi'chen Vcnheil von ihr erwarten. Der junge Alaun ging betrübt fort; ob 11: seither einen anderen Tausparhen gesunden hat, ist noch unbekannt. Wie». Der Correspondeut eines hiesigen Blattes hat vor Kurzem das durch die Gewinnung von Berget und Erdwachs berühmt gewordene Städtchen Borislaw in Galizien besucht und berichtet darüber Folgendes: Als ich zur Bahnstation Drohobitsch gegen 6 Nhr morgens gelangte, hat mich das rege rhätige Arbeitsleben unter nnseren Glaubensgenossen angenehm überrascht. Einige hundert jüdische Schachiarbeiter, jeden Alters und Geschlechtes, mit zufriedenen Gesichtsausdrückcn, bestiegen denselben Eifenbahnzug der Zweigbahn Drohobitsch-Bcrislaw, mit dem ich fuhr, um sich der alltäglichen Ai beit hinzugebeu. Borislaw besteht zumeist aus cbenerdigen morschen Holzbänschen, welche eine lange Straße bilden. Zu beiden Seiten sind aus def.cteu, zerspaltenen Brettern Gehstege gelegt. Zwischen diesen gegenüberliegenden Holztrottoireu bildet sich bei nassem Wetter tiefer Schlamm. Es ist keine U bcrtreibnng, dass bei Unachtsamkeit der Eltern inauches Kind dem Ertrinken in diesem tiefen Moraste ansgefetzt sein könnte. Die Unreinlichkeit der Wohngebäude spottet jeder Beschreibung. Zn diesem Städtchen leben 15.000 Arbeiter. Um die zu beobachten, begab ich mich zum sogenannteu Schachteuplatze. Welches Gefühl ergriff mich, als ich sah, wie unsere Glaubensbrüder (man sagte mir S000 an der Zahl) mit Aufopferung׳ ihres Lebens sich dem schwierigsten, gefahrvollsten Arbcitszwange ^der Welt widmen, um sich und ihre Angehörigen erhalten zu können. Die von der ruffischcn Negierung wegen begangener schweren Verbrechen nach Sibirien zu Bergwerksarbeiten Verurtheilten leiden nicht so viel, wie die Borcslawer Schachtarbeiter, die das Gesetz nicht verletzt haben- Die Arbeit geht folgendermäßen von statten: Der Arbeiter wird mittelst Drahtseilen in einen 200 Meter tiefen Schacht hinuntergelassen und ihm ein brennendes Oettämpchen am Kopfe befestigt- Wenn er 2 bis 3 Meter tief in den Schacht gestiegen ist, muß er׳ sich mit derjenigen Luft begnügen, die vermittelst einer Ventilatious- Maschine hineingeblasen wird. Es ereignen sich täglich Fälle, wo Arbeiter durch Mangel an Luft den Erstickungstod erleiden. In dieser tiefen, kellerartige Höhlengrotte verweilen die Aermsten stundenlang, im Schweiße des Angesichts, um die?Nachgrabung und Hiiiaufschaffnng des Wachses bemüht. Diese Arbeit verrichten die kräftigeren Männer. Alte Leute, Frauen und Kinder sind mit Heraufziehen, Wegschaffen und sonstigen Arbeiten beschäftigt. Der höchste Lohn sott 1 fl. per Tag für die schwierigste Thätigkeit sein, leichtere Arbeit wird mit 40 bis 50 fr. per Tag bezahlt. Borislaw ist die Zufluchtsstätte aller Existenzlosen in Galizien; wie mau mir schilderte, sotten auch daselbst intelligente Leute zu dieser Arbeit gegriffen haben. Wie». Der Unterstützniigsverein ,Montesiore* veranstaltete- Sonntag den 7. d. M. im Hotel Union einen Vergnügnugsabend, dessen Erträgnis für Bekleidung armer Kinder bestinunt war. Das reichhallige Programm brachte das Publikum in die beste Stimmung.. Einige Lieder, vorgetragen von Herrn Merson, C.rntor in FloridSdorf, wurden beisättiz ausgenommen. — Die Bekleidung der Kinder sind et Sonntag den 21. d.?Jt. um 3 Nhr Nachmittags in der Restauration des Herrn Sohr, II., C'.rcnsgasse Nr. 3, statt. Lemöerg. Dem ,Wr. Israelit' wird Folgendes berichtet: Am 21. Mär; d. I. wurde ein jüdischer Gutsbesitzer vom Landesgerichte in Lemberg wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit zu zwei Jahren schweren Kerkers vernrtheilt. Ans die vom Verurtheilten ergriffene Nichtigkeitsbeschwerde veranlaßte der oberste Gerichtshof eine neue Schlnssverhandluug vor anderen Richtern beim Lembergcr Landes׳ gericht. Vor einigen Tagen fand diese Schlnskveihandlung statt, bet weicher sich der Gutsbesitzer im schönsten Polnisch folgendermaßen selbst vertheidigte. .?eicht Wahrheitsliebe, nicht streben nach Recht und Gerechtigkeit hat meine?lichter dahingesührt, eine Schuld so hoch zn schätzen und mich so hart zu bestrafen wegen einer That, welche ich nicht begangen habe, sondern Judenhass, der wie Feuer in ihrem Herzen glüht. — Der Znde ist ein Dorn in ihren Augen. Hätten sie es vermocht, sie hätten mich zum Tode vernrtheilt. Nur der Blicb aus das Obergericht und einige Rücksicht auf die öffentliche Meinung hat sie ein wenig in den Schranken gehalten. Wenn Recht und G.- rechtigEeit walten möchte, würde nicht eine Kleinigkeit so anfgebanscht worden sein. Sehen sie sich, meine Herren Geschworenen, unter den. Gutsbesitzern um, wie Viele ungestraft in Unsutlichkeit . leben, - und zwar deshalb, weil׳ viele Richter Freunde dieser Gutsbesitzer sind, mit ihnen jagen und trinken! Ich bin zwar auch ein Gutsbesitzer, aber doch ein Jude. Und daraus kann ich einen heiligen Eid leisten, dass ich in meinem ganzen Leben keine fremde Frau unkensch berührt habe,, am wenigsten eine?11&111^1ן, was mir ein religiöses Verbrechen ist.. Die Anklage war auf Anstisten eines ruthenischen Geistlichen von einem gemeincn Frauenzi.:mer erhoben worden. Mein Hoffen anft Gerechtigkeit der Richter hat sich als falsch erwiesen. Der Jude gilt ihnen nicht als Mensch. Ich bin ein Hebräer, denn eine jüdische Mutter hat mich geboren, im Gesetze des Judenthnms bin ich ausgewachsen und nie werde ich meines Gottes, vergessen, nie anshörew mich dessen zn rühmen, dass ich ein Jude bin. Genug der Schande, dass der Cassationshof immer wieder ihre Urtheile nmstößt und damit beweist, dass sie das Recht nicht kennen. Deshalb richten sie diesmal, gerecht und erkemien sie ans .unschuldig', denn wenn sie mich wieder verurtheilen, werde ich bis zu den Stufen des Thrones meine Klage bringend Der Erfolg dieser Klage war, dass der Angeklagte sreigesprechen wurde.