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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-12-16 · Heft 42 (16.12.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 42 (16.12.1884)
Date
1884-12-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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lichen Geschicke Hereinbrechen und sie nicht mehr hat als ihren Schmerz, auch das nicht habe, was dann allein trösten kann, den Blick zum Himmel! — Wird dein Weib in ihrer, in deiner Todesstunde dem glauben, womit du jetzt mitleidig sie trösten möchtest, oder dem, was du früher sie gelehrt hast?'(Fr.Ehrenberg.) Wir sehen also, dass solchen extremen Lebensbegriffen nicht die geringste poetische Gefühlsregung innewohnt. Man braucht durchaus kein poetischer Schwärmer zu sein, um mit der praktischen Poesie durch'» Leben zu gehen. »Der Mensch, welcher das Leben blos mit dem Verstände, ohne Poesie genießt, wird ewig ein nolhdürftiges, mageres Dasein fristen, wie glänzend auch das Geschick dasselbe von Außen ausstattete.' (Jean Paul.) Auch in den bescheidensten Verhältnißen, in heiteren und trüben Tagen vermögen wir mit der Begleiterin unseres Lebens, unserer Pilgerung, die uns von der Wiege bis zum Grabe treulich zur Seile steht, Hand in Hand zu gehen. Sie ist in unser Herz -eingepflanzt, sie erhebt, verleiht Schwungkraft, erhält aufrecht auch in den Tagen, von denen es heißt: Sie gefallen uns nicht. — Blicken wir in den Kreis einer Familie, in der unsere göttliche Freundin waltet. Friedlich und liebend wirken Gatte und Gattin, dankende, zärtliche Blicke beglücken sie. .Was der Mann redlich erwarb, das erhält die Sparsamkeit der treuen Lebensgefährtin. Sie ist die Pflegerin des häuslichen Glückes, sie schmückt das Dasein ihres Mannes mit allen Freuden aus, die ein reines, sinniges Frauengemüth dem Alaune gewähren kann. Die wechselseitige Liebe verbreitet einen wunderbaren Reiz über die alltäglichsten Dinge und das Glück der einzelnen Familienglieder ist die große Angelegenheit Aller. Und wie leuchten die Augen, wie schlägt das Herz der treuen Mutter, wenn sie ihr Kind an die Brust drückt. Die Empfindung des Schönen und Guten, die Tugend und die Poesie wird frühzeitig in das Herz der Sprößlinge gesenkt. Der Vater überwacht mit Sorgfalt die Geistesentfaltung des Sohnes und die Fortbildung der Tochter, kein despotisches Auftreten wird im Hause wahrgenommen. Der Jüngling und die Jungfrau werden mit nützlichen Kenntnißen und Verrichtungen für das Leben auszsftanst, die sie leiten sollen zur Wahrheit und Ausdauer, die sie begeistern sollen für das Edle und Erhabene in ihrem späteren Berufe, als Mann, als Weib. Wo die praktische Poesie waltet, da ist Friede und Lebensglück im Hause wie im gesellschaftlichen Leben zu finden. Bedauernöwerth Derjenige, der in seiner Häuslichkeit nicht das wahre Glück findet und es erst aus der Hand von Fremden empfangen soll, mit denen er nur einen kleinen Theil des Lebens zu!heilen hat, wenn auch die edle Freundschaft und Bruderliebe einen Ehrenplatz in unserem Herzen einnehmen soll. Sei Menschen, denen die Prosa praktischer erscheint, und?die der Arven hhne jegliche Poesie die Hand reichen, finden wir - am Ende nur Mißbehagen. Sie haben eine höhere Bedeutung :des Lebens nicht erkannt und wurden an sich selbst irre, indem isü 'den Schlüssel zum Näthsel ihres Daseins außer sich und nicht in sich selbst suchten. Kalt ist das Herz solcher Menschen, selbst für die Liebe und Freundschaft. Weder das Wort noch das Lied berühren sie; ihr Lächeln ist nur erkünstelt, um ihre Leere der Welt zu verbergen. Ihre Gegenwart ist eine unfreundliche Einöde und ihre Zukunft eine sternlose Nacht, das Leben ist ihnen eine eitle Phrase. Wo die Prosa sich so eingenistet und die Köpfe beherrscht, da geht der feste Halt für das Gemüth verloren, die Ruhe des Lebens, der Friede des Hauses entflieht, die süße Wonne in der Menschenbrust wird zerstört, bis das Lebensschifflein in dem Strudel des niedrigen Alltagslebens scheitert. WerZmit sich Nicht zufrieden ist, der versteht das Leben nicht zu erfassen, es ist ihm nüchterne Prosa, welche zu vielen Unebenheilen führt, an denen die sociale Gesellschaft ewig zu feilen hat. Mer hat zuletzt das Leben am besten genossen? Derjenige, .welcher in der Prosa des Lebens, in einer parfümirten Papierblume sein Glück zu finden hoffte, oder Derjenige, welcher froh und heiter Lurch die Poesie des Lebens seine innere Befriedigung in seinem Berufe fand? ,Habe ich'» ordentlich gemacht, so war es, was ich gewollt, ist cs aber zu gering, so habe ich doch gethan, so viel ich vermochl." (2. Makkabäer, C. 15, V. 38.) Zum Thoravorleftn in der Synagoge. In Nummer 40 dieses Blattes hat der hiesige Oberlehrer Herr N i e s e n f e l d die Sonde an einen wunden Fleck unseres Gottesdienstes gelegt und er kam zu dem Schlüsse, dass das Vorlesen aus der Thora oder der ״Singsang' bei demselben über Bord zu werfen sei. Nun hat wohl unser geschätzter College,. Herr S. Streicher, sich darzuthun bemüht, dass der sogenannte ״Singsang' ein vielhundertjähriger Usus und keineswegs so bedeutungslos sei, um mit demselben zu brechen; andererseits hat Herr Rabbiner Dr. Löwy wieder dargelczt, dass das Thoravorleseu nicht blos einen integrirenden Theil unseres Gottesdienstes, sondern beinahe, den wichtigsten Theil desselben außmache, anf das Meritorische der angeregten Frage ist jedoch keiner dieser Herren eingegangen, und dieselbe bleibt so brennend als vorher. Weil ein Baum mitunter auch schlechte Früchte trägt, wird ihn deshalb kein praktischer Pomologe gleich fällen, die schlechten Früchte werden einfach beseitigt und man erfreut sich der guten. Nicht deshalb entsteht im Tempel ein 'Tohuwabohu, weil man das Vorlesen ans der Thora nicht versteht, denn sonst müsste ja auch bei dem Gebete, welches in derselben Sprache geschrieben, derselbe heillose Lärm entstehen, sondern aus anderen Ursachen, die ich hier weiter erörtern will. Wobt ist das Vorlesen ans der Thora ein wichtiger Beftandtheil unseres Gottesdienstes, wohl ist der sogenannte ״Singsang' die Neginah, eine vielleicht vor-csra'sche Gepflogenheit von hochwichtiger Bedeutung, aber die leidlichen Nisohsbsraoh sind der Fluch der Stznagogenorünung und doch nur eine schnöde, klägliche Finanzoperation. Niemand würde während des Thoravorlesens sich mit der Zeitung befassen, wenn die Mischeberach wegfielen. Niemand würde in der Synagoge von diesem und jenem laute Zwiegespräche halten, wenn es Herr L. oder P. unterließe, uns vom Almemor aus, für 18 gespendete Kreuzer zu verkünden, dass seine ehrenwerthe Gemalin Gitl und seine Kinder Breindl, Rhendl,'Golde und Josef heißen und für weitere 18 Kreuzer Dem und Senem ad libitum Mischeberach machen ließe, wobei oft der arme Cantor, der durch langes Vorbeten schon erschöpft ist, gerne die 18 Kreuzer aus eigenem Säckel ersetzen möchte, um nur seinen erschöpften Organen etwas Ruhe gönnen zu können. Diese finanzielle Maßregel, die doch leicht durch Repartirung ersetzt werden könnte, ist der Krebsschaden des Thoravorlesens. Man beseitige diese und Ordnung und Ruhe werden von selbst wiederkehren. Ung.-Brod, im December. Salomon Weiß, Cantor.

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