Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 42 (16.12.1884)
- Date
- 1884-12-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 Priesterlicbe Beamten insbesondere, wie der Geistliche und der Cantor, die als die unmittelbaren Mandatare des Gottesdienstes fnngiren. sind auf die Wahrung ihres moralischen Ansehens um so nubr hingewiesen, weit von dem Grade desselben der Erfolg ibrer Wirksamkeit abhängt. Die eifrigste Thäligkeit im Weinberge des Herrn ist vergebens, wenn ihnen die moralische Basis, der erheblichste Factor aller hehren Ergebniße, feblt. Die moralische Grundlage einer Beamtenstellung ist zweifelsohne das Definilivum. Wenn rvir null eine kleine Umschau Hallen, müssen wir es zu unserem Leidwesen constatiren, dass der Eanior in den Provinzgemeinden von den andern Beamtenelassen immer noch darin zurückstehr, und dass dieser noch immer sich nicht auf daS Postulat eines Desinitivums emporzuschwingen vermochte und in Folge dessen des würdigen Ansehens, welches sein priesterlichcs Amt mir;liecht erheischt, sich nicht erfreuen kann, nachdem die Sicherheit seiner Existenz in vielen Fällen j von der profanen Willkür eines einzelnen Gemeindemitgliedes abhängt. . Die geistlichen Functionäre aller anderen Glaubensgenossenschäften genießen schon seit jeher in Ansehung ihrer Amtswürde die definitive Stellung und erfreuen sich daher in ihrem Sprengel selbst bei der nicht rigorosesten Beobachtung ihrer moralischen und bciuslichen Obliegenheiten (?) einer ihrer Amtswürde entsprechenden ׳Reverenz. Auch die Nabbinen in allen Gemeinden! Israels, deren Stellung nach dem Ablaufe der ufuellen 3 Probejahre ecn D finilivum ist, genießen demzufolge das würdige Ansehen im Schoße ihrer Gemeinden. Die überkommene Ehrerbietung, welche jeder Jude dem Träger der Thora entgegenbringt, und dessen bessere materiellen Verhältniße erhöhen den Nimbus seiner befestigten Stellung und schützen ihn gegen jene Geringschätzung und gegen jene Unbill, denen der Cantor in der Provinzgemeinde n u r wegen seiner wankenden und schwankenden Stellung ausgcsctzt ist. Ferner erfreuen sich zweifelsohne auch sämmtliche jüdische Cnltusbeamten in den Groß- und Mustergemeinden der Monaichie, zufolge der daselbst herrschenden geregelten Verhältniße, sowohl der gesicherten Stellung, als auch einer besseren materiellen Existenz, und in natürlicher Folge dieser günstigen Umstände auch des ihrer würdigen Amtsstellung angemessenen moralischen Ansehens. Nur die jüdischen Cantoren in den Landgemeinden befinden sich immer noch, trotz ihres eifrigen Strebens und ihres nüchternen Lebenswandels, in der Ausnahmsstellung, indem diese die ihrer priesterlicbeu Amtswürde entsprechende Nangstnfe einer gesicherten und definitiven Stellung in der Gemeinde noch nicht erreichen konnten und immer noch zur Haltung des im biblischen Sinne angedenteten Pessachsestes ״והיה מקלכם דידכם ונעלכם ברנלכם" vernrtheilt sind. Wohl können wir uns der freudigen Wahrnehmung nicht verschließen, dass trotz der präkeren Stellung seit einer Reihe von Jahren der Stellenwechsel nicht so häufig wie ehedem stattfindet. Allein haben wir dies!Heils dem ernsten und soliden Charakter des modernen, intelligenten Cantorenthnms zu verdanUn, so ist es größtentheils als ein Symptom der Stagnation und des immer mehr und mehr um sich greifenden Jndifferentismus auf dem Gebiete des jüdischen Cnltuswesens zu betrachten. Jedoch ändert und vermindert dies den angeregten Uebelstand nicht im Geringsten. Denn insolange der jüdische Cantor, seinen anderen Beamtencollegen analog, des Oelblattes der rubigen, gesicherten Existenz nicht theilhaftig wird und man auf ihn, wie auf die uoachidische Taube sagen kann. 'ולא מצא׳ מנוה לכף רגל kann dieser eines würdigen Ansehens sich nie und nimmer in feiner Gemeinde erfreuen, und kann auch daher seinem heiligen Priesteramte nicht jenen Eifer und jene Hingebung, dessen es bedarf, entgegebringen. Ich habe somit in innvonto die wundhafte Stelle bezeichnet, welche uns schmerzt, und schon im Laufe des vergangenen Jahres su'v. nom. 20 dieser geschätzten Blätter in 3 Punkten die Mittel zur Hebung dieses moralischen Uebelstandes eines Weiteren anscinandergesetzt. Allein da die Lösung dieser Frage nicht lediglich von uns abhängt, und wir stets zu den enkants torvilrlss der jüdischen Gemeinden zählen, so gehören unsere diesbezüglichen Enunciationen immer noch dem Reiche der frommen Wünsche an, und müssen wir angesichts dieses Misverhältnißes noch immer klagen? עד מתי יהיה זה לנד למוקש. Nichtsdestoweniger dürfen wir es nicht unterlassen, in dem Organe, das sich zur Aufgabe stellte, für unsere materiellen und moralischen Interessen cinzutrcten, unsere gerechten Wünsche unb Beschwerden zum Ausdrucke zu bringen, damit unsere vitalen Fragen gehörig beleuchtet, ventilirt und dem angeregten Nebelstände ehemöglichst abgeholfen werde. Keszthely, im December 1884. Josef L öw i n ger, Cantor. Ueber die Poesie und Prosa der; Lebens. Von M. T i n t n e r, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Preußen. Die Lebensanschauungen in unserer Zeit find durchaus verschieden, so dass oft seltsame Idole, voll von Gegensätzen, in den Gemüthern platzgegriffen haben. Wer aber nach objeetiver Erkenntnis der Geschichte, nach Verständnis des Lebens, nach Würdigung alles Guten und Schönen strebt, dem kann dieser Zustand nicht Zusagen. Es ist ein beständiges Jagen ohne Ruhe- Punkt, ohne dauernde Befriedigung. Ich huldige durchaus keiner pessimistischen Anschauung, aber die nackie Wirklichkeit mit all" den Uebelständen lässt sich nicht wegdisputiren, wollten wir sie als abgeschlossen betrachten, ohne Zusammenhang mit einer versöhnenden Zukunft. ״Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu schaffen übrig bleibt, ist's wohl des An- und Ausziehens werth?" (Götbe.) Auch keiner extremen optimistischen Ansicht pflichten wir bei, denn unsere Zeit will keine Beschaulichkeit in den Dingen, sie will Klarheit erlangen, weil eine Illusion nie zum festen Principe zu reifen vermag. Den Schäden der Zeit müssen wir energisch entgegenlreten und hilfreiche Hand anlegen, das ist das edle Ziel, welches wir zu verfolgen haben. Das Streben nach Erleichterung zur Befriedigung feiner materiellen Bedürfniße ist so alt, wie das ganze Menschengeschlecht. Wir haben alle Hochachtung für die Erfolge der Arbeit, so sie das erhebende Bewusstsein des göttlichen Segens zu ihrer Grundlage hat. Aber mit Entrüstung müssen wir die tiefirrige Anschauung des consegusntsn Materialisten mit all" dem gefährlichen doctrinellen Wissensdünkel zurückweisen, der das Verhältnis des Menschen zu einem höchsten Wesen untergräbt und den Atheismus proc amirt. ,Wohlan, so sage deinem Sohne, im Tode sei Alles ans, damit er zum Verbrecher reife. in wilden Ausschweifungen Geist und Körper zerrütte, zuletzt Hand an sich legend, das elende Leben von sich werfe und der Schmerz dich in's Grab stürze! Sage es deiner Tochter, damit sie hingehe und zur Dirne werde und den Kammer in dein Haus bringe.damit sie, wenn nun auch über sie die mensch»