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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-12-05 · Heft 41 (5.12.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 41 (5.12.1884)
Date
1884-12-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Der jüdische Fortfchrittsmann, möge er in Religionssachen noch so indifferent sein, geht bei besonderen Anlässen in sich und in dieser Wallung sucht er den lieben Herrgott in der Synagoge aus. Die erste Person, deren er'da ansichtig wird, deren Stimme er lauscht, ist der Cantor; sein Vortrag mahnt ihn an's Mitbeten, . erbaut ibn, versetzt ihn in contemplative, mitunter auch verdrießliche Stimmung, überzeugt ihn aber in jedem Falle von dem priesterlicben Amte des Vorbeters vollkommen. Kaum zu Hause angelangt, vergisst er auch schon des Cantors heilige Mission und sckimpsl weidlich darüber, dass seine Stopfgans wegen des überlangen ״Dawenens“ an einem Korn zu Grunde ging. Danrit noch nicht genug; der Cantor bar an einer endlosen 8610116 reibend, die Religions-Unterrichtsstunde verpasst- Mittlerweile ist's 4 Uhr Nachmittags geworden. Alles ist zum Nmoda-Gebet versammelt, nur der Cantor fehlt. Wo ist er? Zm Kaffeehaus? Nein! Auf der Schlachtbrücke? Auch nicht! Zn Hause? Das gewiss iricht! Aber wo steckt er denn? Nichtig, er hat eben Gesangstunde. Dieses Pensum, verschärft mit noch etlichen Amtspflichten, die, weil sattsam chekannl, hier unerwähnt, bleiben mögen, bilden des Cantors Alltagswerk. Zum nicht geringen Erstaunen der Landgemeinden, gehören sie welcher Richtung immer, machen sie zuweilen die Entdeckung, dass der liebe Mann mit seinem vielgestaltigen Genie eigentlich nichts anderes ist als ein Universalpsuscher, der, weil er seine Kunst 50 Percent unter delw Erzeugungspreis feilbot, ein Liebling Aller ward, und da der Mann nichts taugt, so beginnt das Spiel wieder von Neuem, um über kurz oder lang wieder fehlzuschlagen. Daraus folgt, was ' nothgedrungen folgen musste: Der Wettbewerb wächst in's Ungeheuere, die Stellung des Cantors wird immer lockerer, sein Ansehen schwindet, der Gesammtstand ist depravirt und der Synagogenpult — ist eine Zufluchtsstätte aller fragwürdigen Existenzen: Diesen Umstand benützen die Antisemiten, die gleich einer tausendköpstgen Hydra überall auftauchcu. Ihnen ist Alles, was an, um und mit dem Judenthum nicht niet- und nagelfest ist, ein willkommenes Wühlmittel; sie spotten der jüdischen Bräuche, carricireu die rabbinischen Satzungen, entstellen die völkerrechtlich anerkannten Grundlehren Moses und lachen sich in's Fäustchen über das ewige Nomadenleben eines Judencantors. Aber nicht nur Diesen, sondern Jedem, dem die Rechtsgleichheit der Racen beilig ist, fällt der letzterwähnte Uebelstand grell in die Augen. Was mag sich beispielsweise ein harmloser Zeitungsleser denken, wenn er von ungefähr auf einen jener famosen Concurse stößt, welche jahraus, jahrein den Anuoncenraum unserer größeren Tagesblätter füllen: Entweder ist so ein Judencantor ein phänomenaler Vielwisser, und dann ist's recht unbegreiflich, warum die Gemeinde L. ein solches Unicnm so oft und so leicht, mir nichts dir nichts fahren lässt, oder Alles ist Humbug, und der Judencultus eine Art Mummenschanz, Selbstbetrug und dergl. Eine ähnliche Aeußerung, jedoch in derberen Kraftansdrücken gehalten, hatte Schreiber dieses, als Nachbar einer ans hounetten Bürgern bestehenden, antisemitisch nicht anrüchigen Wirthstisch׳ Gesellschaft, unwillkürlich belauscht. Dieser Umstand sollte unsere Gemeiudeu, denen eine ähnliche Interpretation gewiss fern liegt, zum ernsten Nachdenken mahnen, und das Ergebnis einer Cantorenschule, als einziger Behelf zur Heranbildung von zeitgemäßen Vorbetern, wäre eine natürliche Folge. Es fragt sich uuu: Ist der Cantor ein unentbehrlicher Gemeindefunctionär und dcffen Anstellung ein Act der Noth. Wendigkeit? Ist er durch einen Laien zu ersetzen? Beide Fragen sind unschwer zu beantworten, und zwar erstere mit Ja! und letztere mit Nein! Zur Erhärtung des zunächst erwähnten Thatbeftandes können wir getrost auf sämmtliche Gemeinden, wenn sie thatsächlich als solche siguriren, Hinweisen, obwohl es auch nicht an gegensätzlichen Meinungen fehlt, die von einem halben Dutzend Rabbinern und obenan von der hochlöblichen 18 oder 20 Mitglieder starken Gemeinde zu Hohenems hcrstammen. Dem aber müsste eine durchgreifende Reorganisirung der gegenwärtig maßgebenden Cultnsprincipien unter Beobachtung nachstehenden Regulativs vorangehen. 1. Nur solche Individuen anzustellen, die vermöge ihrer Fähigkeiten für die Ausführbarkeit der zu übernehmenden Pflichten gewissermaßen von vorneherein garantiren. ׳ 2. Nur so-lche Petenten zu berücksichtiget!, deren Lebens- Wandel religiös, sittlich und bürgerlich a'.s unbescholten gilt. 3. Die beliebte Manie der Vielämterei, insofern selbe von einer Person in befriedigender Weise ausznsnhren unmöglich ist, abzuschaffeu. 4. Alle sogenannten ISPdowos, die dem Anstandsgefühl eines gebildeten Menschen, wenn öffentlich in die Hand gedrückt, .zuwider sind, abzustellen, dafür aber dem Cantor-einen Jahressold auszusetzen, der zur Bestreitung eines bescheidenen Lebens- Unterhaltes ansreicht. 5. Die Stellung des Vorbeters von Zeit und Dauer unabhängig zu machen. 6. Und endlich für einen wohlgeichulten. Nachwuchs durch Schaffung einer entsprechenden Lehranstalt Sorge zu tragen. Leider bleiben diese Ausführungen sozusagen im engsten Familienkreise und für den Nichtcantor ein leeres Phrasengeklingel, denn die Cantoreu-Zeituug. welche das Belletristische und Tagesgeschichtliche aus naheliegenden Gründen nicht cultivireu mag — eine Lectüre, die bis zum Stillleben eines Gemeinde-Oberhauptes dringt — ist für das zeitungslesende Judenthum eine tsrra 1Q6o§üita. Und gerade für Letzteres wären diese Zeilen ein gar nicht übler Ohrenschmaus. Wenn dem auch vorläustz nicht so ist, und wir dermalen und in einer bestimmt angebbaren Frist der Verwirklichung unserer Prognose nicht entgegensehen können, so hindert uns das nicht, daran festzuhalten, dass die Lösung dieses Problems nur eine Frage der Zeit bilden könne. Das Vorlejen aus der Thora. In unser-.m Vereinsorgane lasen wir einen Artikel -vom Herrn Oberlehrer Niesenfeld in Ungarisch-Brod, der in prägnanter Weise die Unart schildert, wie das P. T. Publikum, lesonders jenes der ifrael. Landgemeinden, sich während der Thoralesung benimmt, und wir können nur Herrn Oberlehrer Niesenfeld unseren Dank abstatten, dass er muthig und männlich, offen und rückhaltlos dieses sonderbare, nnqualisicirbare Benehmen geißelt und blosstellt. Leider ist zur alten Gewohnheit oder Ungezogenheit die Unkenntnis der heiligen Thora hinzUgekommen. Man muss nur die Mehrzahl der zur Thora Ausgerufencn betrachten, wie sie gleichgiltig, indifferent, unwissend, kalt dastehen, sie wissen nichts von der Thora, oft kennen sie nicht einmal ihren hebräischen Namen. Wahrlich wir Cantoren haben das nicht verschuldet, müssen vielmehr bitter fühlen, was seit einer Generation von Anderen versäumt wurde, die heute, nachdem die hebräische Sprache verdrängt und vernachlässigt, auch gerne das Cantorat beu ש״יק verdrängen möchten. Da gibt es nur einen Weg, und der ist Kürzung der Thoralesung, 'deutsche Haftora und Erklärung de4 verlesenen Thoracapitels.

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