Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 41 (5.12.1884)
- Date
- 1884-12-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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wie es ihm seine momentan ibn beherrschenden Gefühle dictirten. , anzurufen. Jedermann konnte nicht immer nach Jerusalem zur heiligsten Stätte reisen, wenn es ibm Herzens- und Gemüthsbedürfnis geworden. lein Inneres dem Allmächtigen zn ervectolirciti daher waren die Synagogen, deren hebräischer Raine allznerst בית מועד war, ein bockst wichtiges Bednrsnis geworden. Zn der Synagoge, oder dem בית מועד versammelte sich die Gemeinde Israels sowohl in Palästina, als auch in Babylonien nicht nur uni ihre Andacht zu verrichten, dem unsichtbaren Gotte ihre heiß ersehnten Wünsche und Verlangen vvrzmragen, sondern auch um sich Belehrung zu verschaffen über das göttliche Wort, damit sie eine bestimmte Nicktschnnr erlange, über die steilen Felsenklippen des Lebens in Geradheit und Rechtschaffenbeit zu wandeln. Diese Mission der Volksbelehrnng übernahm allzuerst der Prophet, später der Prediger oder Rabbi. Letztere nahmen denselben hohen Rang ein und halten dieselbe Autorität in der Synagoge בית מועד später בית הכנסת Gemeindehans genannt, wie im Tempel, wo der Opfercultns noch eingeführt war, der Priester. Autorisirte den hohen Priester zu seiner hohen amtlichen Stellung der Geburtsadel, so erhob den Volkelehrer zu dieser hohen Würde sein eminentes Wissen,!eine geistige Ueberlegenheit, seine mustergiltige Lebensweise und seine ungeb-.-nchelie Fröminigkeit. Äiit solchen Eigenschaften ausgerüstet, bau׳: cet־ Synagogenpriester eine autoritative Macht und übte senj-.״-! Einfluss auf das Volk aus; nnnmwunden, ohne Zurückbal:•.n, Scheu und Furcht wagte er es nicht nur die moralischen Gebrechen des Volkes, sondern auch die der regierenden Häupter mit seiner Rede Flamme zu rügen, zn geißeln und zn brandmarken. Derselbe trug das reine, unverfälschte Schriftwort in der Synagoge vor, wirkte belebend und erfrischend auf das Gemüth des Volkes ein, iu den Zeiten der Roth und Drangsal sprach er tröstend, erbauend und ermuthigend, in glücklichen Zeitperioden mahnte er wieder an Bescheidenheit und Frömmigkeitdamit das \ Glück nicht den Hochmnth wachrufe. Nachdem aber die Opferstätte, der Tempel zu Jerusalem nämlich, der Flammen Raub geworden war, und damit auch der Opfercultus vollständig ansgehört hatte, musste das בית הכנסת, Hans des Volkes ober der Gemeinde, auch die Stelle des Gottes- Hauses, Tempels, griechisch (Lürialcon) Küriakon (davon das heutige ,Kiccke') vertreten, Gebete wurden formnlirt und starr gemacht, deren Verrichtung als Ersatz für das ehemalige Opfern galt, und das Vorlesen ans der Thora im Urtexte wurde einem gewissen Reglement unterworfen. Der Zweck des Borlesens aus der Thora in den Synagogen war nicht nur, das Volk zn belehren und zu unterrichten in der Thora, sondern auch, damit es ein wachsames Auge richte auf deren Urtext, um es vor Fälschung und Entstellung zn bewahren. Es begannen die massoretischen Studien, mit Argusaugen wachte man über den Text, nicht nur um die Varianten, die Kelhiw und Keri festzustellen, oder um es mii der Setzung der Lesemütlcr אמות הקריאה haarscharf zu nehmen, sondern auch um thatsächlich jeden Punkt, der über einzelne Wörtern oder Buchstaben sich befand, Auskunft zu geben. Die Schulen der Massoreien arbeiteten mit Bienenfleiss, um den Text zn nmzäunen, und die Früchte dieser mühsamen Arbeiten genannter Schulen erblicken wir in dem im 6. Säculum verfassten Tractate מסבת ספר תורה und in dem jüngeren, verbreiteteren Buche מסבת סופרים. Im siebenten Jahrhundert wurde der Schrifltext mit Vocalen und Accenten versehen, eine Arbeit, welche dal beredteste Zeugnis ablegr, welche Sorgfalt dem Urtexte zugewenbet war. Nur durch die Arbeiten der Massoreten war es gelungen, unser heiligstes Kleinod durch der Zeiten mächtige Stürme vor Fälschungen und Entstellungen zu behüten. Hätte man dermalen Ansichten, wie sie neulich Herr Oberlehrer Niesenfeld aus Ungar.-Brod in seinem Artikel: ,das Vorlesen aus der Thora', zur Geltung gebracht und קריאת התורה in den Synagogen abrogirt, sicherlich wäre unser theuerstes Palladium, der Urtext der Thora, im Sl'.ome der Zeiten untergegangen. Diejenigen, welche sich während dieses hochheiligen gottesdienstlichen Acres, der קריאת התורה nämlich, nicht dem Anstande gemäß benehmen עתידים ליתץ את הרץ, begeben eilte Sunde, deren Gewicht wohl schwer in die Waagschale fällt, aber deshalb diesen ganzen traditionellen, integrirenden Theil des Gottesdienstes abschaffen, wäre eine größere Sünde; denn die Heilighaltung des Urtextes der Thora einerseits und das öffentliche Vorlesen ans derselben andererseits waren es, die uns die Fahne, zu der wir noch bis heute schwören, hoch emporschwangen. Sollten wir den Uebersetznngen der Tbora den Vorrang im Bethause einräumen, bann würde sich die Schuljugend nicht mehr mit dem Originale derselben befassen und würde sich der angestammten Religion noch mehr entfremde», als sie schon derselben entfremdet ist. Daher wollen wir der Kürzungs-und der Neuerungssucht in den Andachtsstätten einen Damm setzen und den traditionellen bestehenden Gebräuchen das Wort reden; und unter diesen lang bestehenden, heiligen Einrichtungen räume ich der Einführung des Vorlesens ans dem Urtexte der Tbora den ersten und wichtigsten Platz ein. Zeitgemäßes. Von I. S ch w a r z in Mährisch-Weißkirchen. Im Schlusspajsus eines meiner früheren Artikel sagte ich beiläufig: Die Welt in ihrer dermaligen Fortbildnngspbase ist oder erachtet sich wenigstens für berechtigt, von jedem Vernunftbegabten Menschen, zumal er Functionär einer Religionsgemeinde ist. einen seinem Wirkungskreise entsprechenden Grad von Bildung und convenlionellen Anstandes wünschen zu dürfen, wobei sie einen nunmehr eingebürgerten Brauch festhaltend, dem glücklichen Inhaber eines staatsgiltigen Diplomes vor allen Anderen den Vorzug einräumt. Diese allenthalben wahrnehmbare Erscheinung, ein untrügliches Merkmal von eontinuirlich zunehmender Volksaufklärung, wirkt ans die autochthone Religionsanschauung unserer Judenheit mit zersetzender Gewalt. Ihr unterlag manch' schöner Minhag in Israel, der modern als unerschütterlich galt, und auch der vormärzliche Chasan sprang in die Kutte und heißt fürder Cantor — ein Kosename von modernem Chic, der es ebenso wenig vermochte ihm einen festeren Halt in feiner Stellung zn gewährleisten, als er ihn an Ebenbürtigkeit der Gesellschaft näher gerückt hat. Doch seien wir aufrichtig! Auch für den Cantorenstand sind bessere Zeiten gekommen, und dies gilt namentlich von jenen Collegen, welche der Zufall in größere Gemeinden mit festgeregeltem Cultuswesen versetzt hat.. Wer aber das ländliche Caniorenthum kennt, wer das bunte Durcheinander seiner Functionspstichten mit angesehen, wer die knechtische Reverenz, den Fluch feiner Unbeständigkeit durchkostet, wer endlich die progressive Verwilderung seines Entwickelungsprocesses schrittweise verfolgt hat, der wird wehmüthig rufen: Rsattv 86 b׳Q1gi8r06l? Heatto ho־om schejomru olecho : Jisroel bajschonim, rachamonim w’gomle chassodim? Und doch entstammt dieser Popanz des Cantorenstandes, dieser an Entsittlichung streifende Wirrwar des ländlichen Cultus- Wesens eben dieser epochalen Strömung. Nehmen wir zur Charakterisirung des Gesagten ein Stück Wirklichkeit zu Hilfe.