Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 40 (27.11.1884)
- Date
- 1884-11-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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an die Gemeindevertreter ein Brief von Abitur an, in welchem derselbe sich in den härtesten Ausdrücken gegen das rücksichtslose und über die Maßen ungerechte Verfahren gegen den biederen ר' חנ1ך auslies, rundweg erklärte, dass er nicht mehr Willens sei, dieses Amt anzuuehmen und sogar Fürsprache für seinen frommen Antipoden und Nivalen eiulegte. Trotzdem blieb R. Chauocd seines Amtes entsetzt während der ganzen Zeit, als Abitur's Parteiführer die Oberhand ge׳ Wannen. Zbn-Abitur setzte feine Wanderungen fort und kam nach Pompaditha, wo damals als Rector der talmudischeu Hochschule der berühmte R. Haja Gaon Vorstand. Dort dachte er von dem Rector freundlich empfangen zu werden, weil durch seinen Rivalen und dessen Vater R. Mose die Einkünfte der babylonischen Akademien Einbuße erlitten, indem man von Spanien ans keine gutächtlichen Anfragen mehr nach Babylonien zu richten brauchte, seitdem solche hervorragende Talmud-Koryphäen, wie R. Mose und sein Sohn in Spaniens Mitte lehrten und wirkten. Aber R. Haja dachte nicht egoistisch, sondern ließ dem Abitur bedeuten, dass er, so lauge der Bann von ihm nicht gelöst ist, sein Antlitz nicht sehen will. Da ihm auch dieser Rettungsversuch mißlang, begab er sich nach Damaseus, wo der Tod ihn von seinen erlittcnen Kränkungen und Unbilden erlöste. So endete der Manu, der sich um die jüdische Liturgie sehr viele Verdienste erworben, der für seine Religion lebte, strebte und wirkte. Jedenfalls bleibt sein Name gefeiert in der jüdischen Gejcbiä'le, nicht nur seiner geistigen Vorzüge und Leistungen wegen, sondern auch wegen seines hervorragenden, edlen Charakters, der gegen die Vorzüge seines Rivalen nicht durch Hass oder Neid blind geworden, das demselben widerfahrene Unrecht öffentlich rügte und geißelte. Von seinen Gegnern wurde er Satanas in Folge des erwähnten Streites genannt, wie dies Le brecht nachgewiesen hat. Ein handschriftliches Verzeichnis von Abitur's synagogalcn Arbeiten sindet sich in dem Bodlejaua-Manuscript Nr. 602. Ueber das .,Treffen"*). Kann Treffen gelehrt werden? Za und Nein. Ich habe Sänger kennen gelernt, die kaum den Grund einsehen konnten, warum die Versetzungszeichen auf der Welt sind, und die demnach ,instiuctiv^ trafen, ohne sich eines Intervalls bewuist zu sein. Es sind mir aber auch Sänger, respective Gelanglehrer und sogar Componisten begegnet, die keineswegs unfehlbare Treffer waren, während Andere, quasi Musikantenseelen, die sich nicht zum Componiren des kleinsten Liedes verstiegen halten, infaliibler im Treffen waren, als die Erstgenannten. Ich habe Treffer gefunden, denen das Auswendiglernen die größte Schwierigkeit verursachte, während Sänger, die gleichsam stolz auf ihre Noten- Unkenntnis waren, in kürzester Zeit einer Partie mächtig waren. Ich kenne einen Flöten-Virtuosen, der für sein Instrument und für das Piano schrieb, auf dem er fast ebenso groß mar, als auf seiner Flöte, und dennoch konnte er nicht das kleinste Lied degleiten, er strauchelte stets und entschuldigte sich damit, dass er zu viel denken müsse — auch konnte er in keinem Orchester ver- *)Obigen Artikel von H. Z. Vincent haben wir der letzten Nunnner der in Wien erscheinenden ״Deutschen Kunst- und Musik-Zeitung" entnommen. Derselbe behandelt ein für unsere Leser ebenso wichtiges als hochinteressantes Thema und dürfte auch Manchem, der sich im ״Treffen' nicht ganz sicher fühlt, einige Beruhigung gewähren. Bielleicht kann auch mit diesen Zeilen eine Anregung zur eingehenderen Discuffioa dieser Frage gegeben werden. X Die Redaltion. wendet werden, weil er eben nicht traf Ich kannte einen jungen Capellmeister, der die schwierigsten Stücke a vista zum Besten gab, aber zum gediegenen Auswendiglernen eines Tvnstückes nicht zu bewegen war. Einst Tollte er einem Sänger ein oft begleitetes Lied von D nach 1)68 transponiren; er war es nicht im Stande, und ein Anderer musste für ibn eint:eie!!. Dagegen kam mir ein Elavierschüler unter, der ohne Widerrede Alles transponirte, was man wollte, ohne dass er ein Virtuose war. Erst jüngst habe ich die ulte, oft erprobte Erfahrung gemacht, dass ein ueidenSwerther Solo-Virtuose ein schlechter Begleiter sein könne. Za, ein gewiegter Musiker meint sogar: Um einen Richard Wagner auswendig zu lernen, dürfe man gar nicht an Intervalle denken. Gewiss ist, dass der Sänger auf der Bühne kaum an die zu treffenden Intervalle denkt. ,Wissen Sie', sagte einst eine renommirte Sängerin in meiner Gegenwart zu mehreren Collegen vor dem Eingänge des Brunner Theaters, ,warum der Sänger Ditt in Hamburg (ehemals am Theater an der Wien 1847) so leicht in die Höhe singt? Weil er gar nicht weiß, was er singt.* Zch kenne einen pensiouirten Violinisten der Hosoper. Der into. nirte in lustiger Gesellschaft zur Begleitung mit der Guitarre einen alten, leichten Ländler in Es־du1\ Aufmerksam gemacht, er möge doch die bequemere Tonart D-dur nehmen, damit ihn die Guitarre begleiten könne, musste er aushören; es war ihm unmöglich. Zch fragte ernst einen Regenschori, ob er wisse, wie er treffen gelernt habe; er wusste es nicht zu sagen. Ein!refflicherer Kirchensänger antwortete aus die Frage, oo er sich der Intervalle bewusst sei: ,Ei — ich denke gar uicbr 071־a111־* Ich hörte eilten jungen Dilettanten recht gut Clavier ipieten und ein Flötenconcert blasen. Aist meine Frage, ob er nicht auch singe, erhielt ich die Antwort: er treffe nichts. Wer hätte nicht selbst manche Znstrnmsntalisten gesunden, denen ein sicheres Treffen versagt blieb? Wie kommt es also, dass bei den Prosessions- Musikern sich so verschiedene Grade von Treffsicherheit oder Unsicherheit sinden, bei Leuten, deren einzige Beschästigung dazu angethan sein müsste, sie zu infalliblen Treffern zu machen? Wenn nun das bei dürrem Holze Vorkommen kann, soll eS uns dann bei grünem Dilettantenholze wundern? Eine Analogie: Mancher singt stets rein und doch vermag er kein einziges Lied uns zu Danke zu singen; ohne Poesie, kalt strömt sein Gesang dahin. Ein anderer namhafter Künstler entzückt durch mehr als eineganze Generation das Publikum der Hosoper und dennoch muss man gewärtig sein, dass ihm bezüglich der Znlonation etwas Menschliches begegnen könnte. Was ist nun der langen Rede kurzer Sinn? Kann das Treffen unbedingt gelehrt werden? Wir bleiben bei dem allen Paradoxon: Za und Nein. Wir bleiben dabei, auch wenn wir bestimmt wüssten, wie viele Intervalle wir in der Musik überhaupt haben, ein Punkt, über welchen bekanntlich die Theoretiker nicht einig sind und auch nicht so bald einig werden. Wie aber kann unter solchen Umständen hinsichtlich der Jntervallen-Lehre etwas wahrhaft Ersprießliches für die Ausbildung des Musikbestisseneu resultiren? Zch fürchte, es wird noch lange nach alter Weise ,gedrillt' werden müssen. Freuen würde es mich, Recepte erfahren zu können, wie man den Sänger zum insalliblen Treffer machen könne. Ehre, dem Ehre gebührt. Die nachfolgenden Zeilen gelten einem Manne von großem Rufe, der aber weder ein Zubiläum, noch einen Geburtstag oder sonst ein Fest zu feiern gedenkt. Er gehört nicht unserem Stands auch nicht unserer Religion an; und sein Name ist dennoch.mit