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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-11-19 · Heft 39 (19.11.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 39 (19.11.1884)
Date
1884-11-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— ־5- — Hauptsache ist. gehörig volksthümlich erläutert, würde» allwöchent׳ lich hinreichen, den Kern der Thora im Volke lebendig zu er׳ halten und würden jedenfalls mehr nützen als der lange Wochenabschnitt, das Ausrufen, die Mischeberach lammt allem, was d'rum und d'ran hängt. Unser Mussaph-Gottesdienst würde congruent der würdigen Einleitung erhebend sein und zu einem ungeziemenden Benehmen im Gottcshause — eine wahre Schmach für uns Juden — käme es gar nicht. Welche Erholung wäre es auch für den Cantor, der an hohen Festen aus dem Singen und Recitiren oft durch einige Stunden gar nicht kommt, wenn ihm das Vorlcseu und die Mischeberach durch den Prediger abgenommen würden! Kurz durch eine solche Reform würde Alles gewinnen und Niemand verlieren, höchstens — die starre Satzung. Diese verträgt freilich solche Gedanken nicht, die lässt alljährlich die ganze Thora von A bis Z ableiern, für diese ist es gleichgiltig, ob die ,Andächtigen' wollen oder nicht; die Satzung, commandirt einfach ״zur Andacht' und schreibt es der bösen Natur des Menschen zu, wenn er beim Anhören eines Mischeberach nicht weihevoll gestimmt ist. Warum soll man denn die frommen Gefühle nicht behalten können, wenn man vernimmt, dass Abraham, Sohn des L. seine Frau Z. so von Goit segnen lässt, wie er unsere Stammmütter Sarah, Nivka, Nüchel und Leah gesegnet hat, und 18 kr. Lasur zu spenden gelobet? Und wenn er (Abraham nämlich) für eine neuerliche 18 kr. Spende seine 3 Schwäger und 2 Schwägerinnen 1'ammt Onkel, Tante und Nichten segnen lässt, warum sollen da die andern Mitglieder der ,andächtigen Gottesgemeinde' deshalb profanen, irdischen Gedanken und Empfindungen nachhängen? Also mit der Satzung ist nicht zu rechten. Entweder sie wird dem lebendigen Organismus accomodirt, also zeitgemäß und vernünftig reformirt, oder sie bleibt wie sie ist, ihre Be, kenner müssen nolens volens sich nach derselben richten. Nun wer Augen hat, der sieht. Bleibt die Satzung nur noch einige Zeit aufrecht, so ist sie dann vor jeder unsanften Berührung geschützt, denn unsere Glaubensgenossen werden sicher dem Indifferentismus oder der Taufe zugetrieben *). *) Auf die in dem obigen Artikel ciusgeführten Ansichten, die manches Richiige enthalten, jedoch in einigen Punkten von uns nicht gebilligt werden können, werden wir, falls aus dem Kreise unserer Leser keine Erwiederung kommen sollte, noch zurnckkommen. Das Eine glauben wir aber jetzt schon betonen zu müssen, dass^ es durchaus nicht angehr, die altehrwürdige, traditionelle Neginah einen ״«Singsang" und das Vorlcseu nach derselben ein ,Ableiern" zu heißen. Zudem verräth dies ein vollständiges Verkennen des Wertes und der Bedeutung der Neginah. Gegen den Vorschlag, das Vorlesen aus der Thora dem Rabbiner zu übertragen, werden sich sowohl Eantor als Rabbiner wehren. Doch hievon ein anderes Mal. Die Redaction. Jüdische Auswanderer in Amerika. In letzter Zeit wurde über diejenigen Glaubensbrüder welche zu einer Auswanderung nach Amerika gezwungen waren, deren Landung jedoch in New-Jork nicht zugelassen wurde, in der Weise berichtet, als wären sie selbst an all' ihrem Unglücke schuld. Dem gegenüber bringt die in Philadelphia erscheinende jüdische Zeitung ״The Jewish Record“ in Nr. 485. folgende Mittheilungen: Am vergangenen Montag Vormittag langte der Dampfer ״Lord Gough" mit etwa vierzig russischen und rumänischen Juden an. Da deren Ankunft vorher angemeldet worden war, so begaben sich die Herren Simon Muhr, I. Judelsohn und Alfred T. Jones auf den ״Lord Gough", um sich der neu Angelangten anzunehmen. Auch die Herren M. H. Dickisson, Präsident des ״Ltate Board of Charities“, I. S. Nodgers, staatlicher Auswanderungs- Jnspector und S. Scheneman, Secretär, waren zugegen. Die Beamten stellten fest, dass die Ankömmlinge sich mit jeder Classe Emigranten messen könnten, da sie meistentheils jung, wohlgekleidet und stark zu sein schienen und mit hinreichenden Mitteln versehen waren, um die Befürchtung, dass sie der öffentlichen Wohltbätigkeit zur Last fallen könnten, auszuschließen. Die wenigen Familien sahen auch respectabel aus; die Kinder waren sauber gekleidet und besonders frisch und gesund, einige von ihnen hatten schon Hantirungen gelernt. Mit Ausnahme von zwei Familien und einem allein reisenden Knaben durften Alle sofort ans Land gehen, nad)dem die Staatsbeamten sie untersucht hatten, und innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeit hatten sich Freunde gefunden, welche ihrer harrten, um ihnen behilflich zu sein. Einige gingen nach Baltimore, Andere nach New-Uork und nach dem Westen. Die zwei beanständeten Familien waren verdächtig, zu den so unbarmherzig von New-Pork zurückgesandten Emigranten zu gehören und wurden deshalb als nicht landungsfäbig be-!rächtet, den von Washington empfangenen Weisungen gemäß, welche auf falschen Vorstellungen New-Porker Parteien beruhten. Aber die Negierungsbeamten dieser Stadt waren Männer, welche sich nicht von Vorurtheilen leiten ließen, sondern vor Gesetz und Recht und nach ihrem eigenen Urtheile handeln.wollten. Die New-Porker Beamten, namentlich Stephenson, schimpflichen Andenkens, hatten entschieden, dass es genüge, ein russischer oder rumänischer Jude zu sein, um ihn als arm zu stempeln. Herr Nodgers dagegen sagte, er verstände unter ״Armer" einen solchen welcher völlig hilflos und unfähig zu arbeiten sei, oder welcher kein Gewerbe oder keinen Beruf habe, wodurch er sich seinen Lebensunterhalt verdienen könne, und er fügte hinzu, dass er unter den jüngsten jüdischen Auswanderern einen solchen nicht gefunden habe. Nachdem die übrigen Passagiere abgefertigt waren, wurden die beiden ,^verdächtigen" Familien durch Herrn Muhr ausgefragt, und alle Anwesenden gaben alsbald zu, dass diese keine ״Armen" wären. Abraham Nadel, welcher seine Frau und sechs Kinder bei sich hat, ist ein Schneider und leugnete auf's entschiedenste, jemals früher nach diesem Laude verschifft worden zu sein. Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese Versicherung völlig correct ist. Cr sagte, dass er seine Reise selbst bezahlt habe, und auf Befragen, ob er noch-Geld habe, zog er seine Brieftasche hervor, welche Goldstücke enthielt, so dass einer der Beamten bemerkte, »das sieht gerade nicht wie Armuth aus'. Der andere Fall betraf Selig Großmann mit Frau und sechs Kindern. Er gab mannhaft und offen zu, einer jener Unglücklichen zu sein, welche von den New-Uorkern zurückgeschafft worden waren. Cr schilderte iw Entrüstung die Art und Weise, in welcher man ihn behandelt hätte. Seine Aussage zeigte vollständig die Niederträchtigkeit der Handlung und die tadelnswerthe Gleichgiltigkeit und Nachlässigkeit unserer New-Aorker Glaubensgenossen. Bei der Ankunft des Dampfschiffes wurde ihm geheißen, sich einem Beamten vorzustellen, welcher, ohne an ihn nur eine einzige Frage zu richten, seine und seiner Familie Zurücksendung nach Europa verfügte. Niemand redete mit ihm in einer Sprache, die er verstand. In der gleichen Weise wurden auch die Anderen behandelt. Er hatte seine Neise nach New- Ijork selbst bezahlt und hierauf die nach Philadelphia und noch Geld eingebüßt. Er und sein Sohn sind Uhrmacher; seine Tochter macht Kleider und er bedarf nicht fremder Wohlthätigkeit. Dieser Fall liefert eine lebendige und offenkundige Darlegung, dass die Klagen über Inhumanität seitens eines Theiles der Beamten und über Nachlässigkeit seitens der United Hebrew Charities wohlbegründet und gerechtfertigt sind. Dem Knaben wurde die

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