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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-11-19 · Heft 39 (19.11.1884) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 39 (19.11.1884)
Date
1884-11-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 - Jst's wirklich so? Wirkt das Verlesen aus der Tbora in den Tempeln unserer Jsraelitcngemeinden in der geschilderten Weise? Jeder Freund der Wahrheit muss sofort ein entschiedenes .,Nein* rufen. Je feierlicher die Vorbereitung, je erbebender die Einleitung, desto greller ist dann der eigentliche Act. Der vorzulescnde Abschnitt der Thora soll das Centrum des Mussaph- Gottesdienstes sein. Mil feinem Verständnis wurde von kundigen Meistern das sogenannte . Ausnebmen' der Tbora aus der heiligen Lade höchst weihevoll (besonders für Festtage) gestaltet, der Erdenstanb muss abgeschüttelt und der Geist von allen Lebensschlacken befreit werden, um das göttliche Wort voll lind ganz aufnebmeu zu können. Kaum ist aber diese Vorbereitung beendet, kaum sind die ergreifenden Töne des ״Lobmaii jisroel“ verklungen, ist auch schon die primitivste Ordnung im Gottes- Hause verschwunden. Man citire nicht Wien, Brünn und andere große Gemeinden, die in der Gestalt uniformirter Tempeldiener unseren Glaubensgenossen augenscheinlich erweisen, dass man auch im Gotteshanse anständig sein muss, widrigenfalls man dem ,harten Nacken', der schon dem armen Moses-io viele Schmerzenstöne entlockt hat, durch etwas Strafe beizukommen verstehen wird. Zudem ist der Großstädter an Ordnung und Disciplin gewöhnt und in der Regel seinem Tempelnachbar fremd. Bleiben wir bei den alten Judengemeinden, z. B. Mährens. Von Galizien, von Orthodoxen, Chassidim und dergleichen will ich schweigen. Wenn unanständiges Benehmen, Körperschütteln, Zucken, Zittern 11. 1. w. zur Religioneübung als nölhig befunden wird, so gehört es inil zum Cultus, und die Kritik muss sich dann mit dem Cnltns, der solche Acte fordert, befassen. Sprechen wir von sogenannten modernen Gemeinden, die Prediger und Cantoren haben, deren Mitglieder auf Bildung Anspruch machen, welche fast überall, nur nicht im Tempel, sich anständig zu benebmen wissen. Ung.-Brod ist z. B. eine solche heilige Gemeinde. Unser Tempel ist nach neuerer Art geordnet, unsere Gemeindemitglieder stehen an Aufklärung weder den Wienern noch den Pestern nack, in unseren Kaffeehäusern duften an Sabbathen die Cigarren im jüdischen Munde, in Gesellschaften wissen sich unsere Glaubensgenossen recht anständig zu benehmen, nur im Tempel ist, sobald das Vorleser! aus der Thora beginnt, ein geradezu heilloser Lärm. So sieht es aber im größten Theile der Landgemeinden aus. Es.ist so arg geworden, dass der denkende, wahrhast intelligente Jude sich die Frage vorlegen muss: Bin ich hier wirklich in einem Gotieshanse? Kann ein solches Tohuwabohu noch Gottesdienst genannt werden? Ist es nicht Schade um die Zeit, die hier zugebrachl wird? Oder ist cs vielleicht zu stark ausgetragen, wenn ich das Ding beim wahren Namen nenne? So lange die Einleitung dauert, also während des Gesanges und des Spruches des Predigers — an Festtagen oft eine halbe Stunde, weil viele Cantoren mit dem ״Halel“ beginnen — so lange ist Andacht, weihevolle Stimmung, Gottesdienst. Kaum aber ist der Kohen ,ausgernsen', beginnt auch schon das Chaos. Sitze werden geräuschvoll zugeklappt, junge Leute, Männer im mittleren Alter und bisweilen auch Graubärte veilassen ihren Platz, um eine Promenade vor dem Tempel zu machen, Gruppen bilden sich in den geweihten Gottesräumen, oben wie unten, die gemüthliche, aber auch durch nichts gestörte Conversation beginnt, hie und da hört man wohl ein schüchternes ,sst", welches aber auch nicht die geringste Wirkung zu üben vermag, von Allem wird geredet, nur sicherlich nicht von dem ,,Gesetze Moses und Israels". Um die Thora und um den armen Vorleser kümmern sich eigentlich nur die Wenigen, die ״aufgerufen" werden und deren Anverwandte und Freunde, welche aufmerksam aus den ihnen mit Recht gebührenden Mischeberach warten. Ist das vorschriftsmäßig adjustirte Opfer (der Äli8ob6b6ra6b nämlich) dargebrachl worden, dann haben auch diese nicht mehr nöthig ״zuzubören". Der Vorstand soll derlei nicht dulden, soll strenge strafen, wenn sich Jemand in ungebührlicher Weile benimmt und das Gotteshaus entweiht! Du lieber Himmel! Erstlich sind Vorstände auch keine Engel und könnten oft, wollte man die Wage ganz ernst nehmen, zu leicht befunden werden, und wenn sie auch beute, durchdrungen von ihrer Würde nnd ihrem ausgeprägten Pflichtgesühle, sich mustergiltig zeigen, nun ewig werden sie nicht Vorstände bleiben und zu allen Zeiten waren sie nicht Vorstände, der Nachbar provocirt, kurz, es gebt nicht mit dem Strafen. Zudem ist ein benriger Vorstand froh, wenn er in Güte die Cultussteuer erhält und die Nestenausweiie nicht stetig im Wachsen begriffen sind. Wollte er das Seil allzu straff spannen, so konnte cs leicht reißen, die Cultussteuer nagt ohnehin an demselben, und von den Strafen des Cultusvorstehers bis zur Consessionslosigkeit wäre oit nur ein ganz kleiner Schritt. Ist das Vorlesen aus der Thora beendet, so tritt wieder eine verhältnismäßige Ordnung ein. Natürlich von ungestörter Andacht kann keine Rede sein. Eine interessante Conversation kann man nicht ohneweiters abbrechen und aufgeregte Wellen bedürfen Zeit, um sich zu ebnen. Thatsache ist jedoch, dass ohne Vorlesen aus der Thora, wie z. B. beim Morgen- oder Abendgottesdienst eine normalmäßige Haltung des Publikums zu be. obachten ist, dass vor Beginn und nach Schluss der Verlesung ebenfalls von einer andächtigen, zum mindesten anständigen Haltung der Gemeinde gesprochen werden kann. Also ist .es eigentlich die Thora, die zu Klagen Veranlassung gibt. Arme Thora! Was kannst du dafür, dass man dich in einem Singsang herunterleiert, der nur Derwischen Zusagen kann? Oder muss es gerade ein ganzer Abschnitt sein, der alle Samstage voll vorgetragen werden muss? Und was soll die große Menge denn eigentlich aus der ganzen Vorlesung mit nach Hause nehmen? Welches soll eigentlich der Zweck des Vorlesens aus der Tbora sein? Der schlichte Verstand sagt einfach: Den Inhalt der Thora dem Volke zur Kenntnis zu bringen. Ist nun der in monotoner, wahrhaft einschläfernder Weise vorgetragene Wochenabschnitt wirklich geeignet, diesem Zwecke zu dienen? Nein, er ist ganz geeignet, die Andachtsuchenden zu langweilen, ein Gespräch mit dem Nachbar anzuknüpfen, das Gotteshaus zu ent. weihen. Entweder Jemand kennt bereits den Inhalt des vorzutragenden Abschnittes oder nicht. Im ersten Falle findet er das aufmerksame Anhören für überflüssig und im zweiten Falle nützt die größte Anstrengung nichts, da ihm die hebräische Sprache sicherlich fremd ist. Wer die letzten Jahrzehente nicht verträumt hat, muss gestehe», dass der größte Theil der jüdischen Kinder kaum einige Jahre der Schule entwachsen, das Hebräische, daS sie mühsam in der Schule erlernt haben, nicht mehr in dem Grade verstehen, um den im Urtext vorgetragenen Thoraabschnitt, sofort in die Muttersprache übersetzen zu können. Wer also dem Vorleser zuhört, ist sicherlich nicht jung, und wenn heule die Jugend nicht mehr zuhört, so wird sicherlich in einem Zeiträume von nur wenigen Jahrzehnten Niemand mehr zuhören. Wie. wäre es, wenn man, wie einst in alter Zeit, sich ernstlich um den Zweck des Thoravorlesens erkundigen würde? Ich glaube, man erhielte eine Antwort, wie sie bereits oben seitens des . schlichten Verstandes geäußert wurde: Den Inhalt der Thora dem Volke zur Kenntnis zu bringen. Die Thora müsste also des Volkes wegen da sein und nicht umgekehrt. Nun können wir heute entschieden keinen ganzen Abschnitt vortragen Einige Sätze, ohne Singsang vom Rabbiner citirt und, was die

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