Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 39 (19.11.1884)
- Date
- 1884-11-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Urtier ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Non Obercantor I. Singer in Wien. XXV. Wir gelangen nun zur Besprechung der beiden letzten Synagogengesangs-Compositioneu Halevy's Lornaolikr beom'rioa li in B-dur und Mismor lesodoli in F-dur. Die erfterc eine imposmlt aufgebante Piece für gemischten Chor mit obligater Harfen- und obligater Orgelbegleitung, die letztere für''Alt-Solo, Chor und Harfe oder Orgelbegleitnng. Bude Compositionsn tragen, den Terleßworten entsprechend, das Gepräge der Neligionsfreudigkeit und Heiterkeit, ohne jedoch einer gewissen Audachtserregung zu entbehren, und verdienen auch in musikalischer Beziehung nach jeder Richtung unsere volle Sympathie. Angesichts der sattsam bekannten und im vorigen Aussätze auch von uns gewürdigten, hohen musikalischen Bedeutung Halevy's fühlen wir uns der Aufgabe enthoben, auf die gesanglichen Vorzüge der vorliegenden Werke ausdrücklich binzuweisen, um so mehr als eine hervorstechende, künstlerische Eigenart derselben unser volles und ganzes Interesse in Anspruch nehmen dürfte; wir meinen die Instrumentalbegleitung, und zwar die Orgel und namentlich die mit besonderer Vorliebe behandelte Harfenbegleitung. Uebcr Werth und Behandlung der Orgel in der Synagoge haben wir in einer Serie von Aufsätzen des vorigen Jahrganges dieser Blätter unsere Anschauung genügend bekannt gegeben und dürfte uns gelegentlich der Besprechung der Lewandofsky'schen Werke noch Gelegenheit zur eingehenderen Behandlung dieses überaus wichtigen Gegenstandes geboten sein; es sei hier ledigli ch des Umstandes Erwähnung gethan, dass Halevy durch die zumeiit obligate Orgelveglcitung der beiden vorliegenden Piecen auf die Selbstständigkeit der Synagogenorgel als zweifellos hinweist. Was jedoch das Hinzufügeu der Harfenbegleitung beim Synagogengefange betrifft, sind wir, unseres Erachiens, bei einem Punkts augelangt, der eine möglichst sorgfältige Auseinandersetzung verdient- Mögen die Griechen, Assyrer, Egypter rc. auch das Priorstälsrecht der Harfenersindung für sich in Anspruch nehmen und demgemäß die jüdische Urkundenstelle הוא היד. אבי כל תפש כנור ועוגב auch etwas in Frage stellen, so viel ist gewiss, dass die Harfe von Anbeginn der jüdischen Geschichte bekannt war und als Musikinstrument. verwendet wurde. Dass dieselbe beim Lempelgoticsdienste in Jerusalem in besserer und mannigfaltiger Ausstattung vertreten war, darüber sind bekanntlich alle Geschichtsquellen einig, so dass man mit vollkommener Sicherheit behaupten kann, die Harfe sei ein zum jüdischen Gottesdienste berechr igt gehöriges Musikinstrument. Obgleich nun die ans der Heimat verbannten und in die Sklaverei ziehenden Juden ihre Harfen an den Siromufern Babels zerschellten und dieselben für lange, düstere Zeiten verstammt blieben, so begegnen wir beim Dämmern eines glückkicheren Zeitalters mit freudiger Genugthuung der Thatsache, dass unsere zur Freiheit gelangten spanischen Glaubensbrüder sofort wieder bei ihren gottesdienstlichen Gesängen Musikinstrumente verwendeten, und zwar war es neben anderen Instrumenten auch die .allgeliebte Harfe in erster Reihe, welche beim Synagogengcsange in Barcelona zur Anwendung gekommen sein soll. Von da ab fehlen selbst die trübsten Quellen, dass jemals in einer Synagoge Harfenklänge ertönten, bis zu diesem Momente, wo Meister Halevy durch die Hinzufügung der Harfenbegleitung bei den beiden erwähnten Piecen unser Interesse für diese bemerkenswerlhe Angelegenheit wachruft. Die eigenartigen Klänge der Harfe, die beim Forte mit Zaubermacht in das Herz des Hörers hineingreifen und beim Verhallen wehmüthige Gefühle in der Menschenbrust erwecken, mögen gewiß arich ein mächtiges Mittel zur Erregung einer andächtigen Stimmung sein, und die Einleitungsaccorde bei der Piece Somachti beom’rim li durch Orgel und Harfe wie die allerliebsten Harfen-Arpeggien vom 16. bis 20. Tacte und namentlich das reizende Harfensolo bei Beginn der Textworte lemaan bes adonoj, allwo der Harfe selbstständig die Ueberleitnng von F-duv nach Gr-moll zufällt, sind zweifellos interessante und anregende Vorkommniße für den Forscher auf synagogal-gesanglichem Gebiete. Eine praktische Verwendung der Harfe beim modernen Synagogengesange wird aus den mannigfachsten und auch administrativen Gründen nur ungemein erschwert. Für's Erste reicht eine Harfe für den weiten Raum der heutigen Synagoge nicht aus, es müßte daher schon eine bedeutende Anzahl derselben verwendet werden, was bei der nur geringen Cultivirung des Instrumentes mit einem großen Kostenaufwande verbunden wäre, dann ist das jüdische Gotteshaus durchaus keine geeignete Stätte für concertante Ausführungen, und als Begleitung eines Chor- oder Gemeindegesanges reichte selbst das Zusammenklingen vieler keineswegs aus. Ganz anders jedoch verhält es sich bei der von Halevy in den vorliegenden beiden Nummern zur Anwendung gebrachte Verbindung der Orgel mit der Harfe; die Orgel, als selbstständiges Begleitungsinstrument, und bei außergewöhnlich festlichen Angelegenheiten die Hinzuziehung einer Harfe als Solo-Jnstrumeitt neben einem wohlgeschulten gemischten Chore, müßte, unseres Erachtens, ein Tongemälde zur Anschauung bringen, welches Der andächtigen Gemeinde ohne Beeinträchtigung der religiösen Stimmung auch einen eigenartigen, künstlerischen Genuss verleiben dürfte. Von diesem Gesichtspunkte ans betrachtet, bieten die beiden anfangs erwähnten Nummern eine Fülle von Knnstmaterial, welches geeignet sein dürfte, theils bei pompösen Veranlassungen zur Anwendung zu gelangen, theils auch reichhaltige Anregung fachmännischen Gedankenaustausches zu bieten. Wären die von Halevy der Synagoge gewidmeten Compositionsn auch weniger stil- und stimmungsvoll gearbeitet, als es in der'Wirklichkeit der Fall ist, für den letzt erwähnten, künstlerischen Fingerzeig des großen Meisters bezüglich der Verbindung der Orgel mit der Harfe als Unterstützung des Synagogcng-sanges. gebührt ihm der rückhaltslose Dank des gesämmten jüdischen Cantorates. (Fortsetzung folgt.) Das Dorlesen aus der Thora von L. R i e s e n f e l d, Oberlehrer in Ungarisch-Brod. In größter Andacht steht die versammelte Gemeinde im Gotteshause, die heilige Lade ist geöffnet, in weihevollen Klängen entrückt trns der Sänger allem irdischen Treiben, der Prediger fügt dem herrlichen Liede das ergreifende Wort hinzu; die Thora, Israels köstliches Gut, wird aufgerollt, um Lehren zu verkünden, die den Gebeugten aufrichten, den Betrübten trösten und den Verzagten' ermuthigen sollen. Mit angehaltenem Athem lauscht Alles den Sinaiklängen, dis ewigen Wahrheiten entzücken den Geist, erheben das Herz, und freudig gelobt das Volk, eine 'Religion, die eine solche Thora als Fundament bat, nicht zu verlassen, das ererbte Gut der Väter jederzeit zu vertheidigen und allem Hohne zum Trotze den Namen Israels stets mit Stolz zu tragen.