Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 34 (10.10.1884)
- Date
- 1884-10-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— © Jassy hatte in Amerika dasselbe Schicksal. Es befinden sich schon so viele russische Juden in Amerika, dass es unmöglich wäre, für neue israelitische Auswanderer dort Stütze und die erforderlichen Mittel zum Leben aufzutreiben. Herr Baron Henry de Worms, Präsident der Anglo- Jewish-Association und Mitglied des Parlaments, hat zu mehreren Malen (Sitzung des Unterhauses vom 23. Juni, 10. Juli und 4. August) die Aufmerksamkeit des I'oveige-OIües aus die Lage der Juden in Rumänien gelenkt und den Berliner Tractat angerufeu, welcher von Rumänien nicht gehalten wurde. Lord Fitz-Maurice antwortete ihm, dass das Colportage-Gesetz in der Thal mehrere Tausende von Israeliten schädige, dieses Gesetz aber ein allgemeines und nicht die Israeliten besonders treffendes sei, sich daher nicht im Widerspruch mit dem Berliner Tractat befinde; aus diesem Grunde wäre die englische Negierung nicht berechtigt, bei der rumänischen Regierung in dieser Angelegenheit zu interveniren. Jeder weiß übrigens, dass trotz des allgemeinen Charakters dieses Gesetzes, es keinen anderen Zweck hat, als die Israeliten zu treffen. Das Quälen der Israeliten hört nicht auf; es heißt, dass kürzlich zu Jassy eine Agitation in's Werk gesetzt wurde, welche zum Zwecke hatte, die Faeultät der Medicin in dieser Stadt auszuheben, und zwar nur weil diese Facnltät ,von einer zu großen Anzahl fremder Studirender" besucht wird, wie sich die Urheber dieser Bewegung ausdrücken; dass heißt: Juden. (Israeliten Serbiens.) Vor Kurzem machte in allen jüdischen Blättern ein Circular des Justizministers Marinkowicz die Runde, welches die Gerichtsbehörden des Landes daran erinnert, dass die israelitischen Serben dieselben bürgerlichen und politischen Rechte beanspruchen und genießen dürfen, wie alle anderen Serben Das Central-Comite hat kürzlich den Vorgang in Erfahruug gebracht, welcher die Veranlassung gegeben zur Veröffentlichung dieses Circulars. Ein Israelit von Prokoplia, einer Stadt, welche auf dem Berlir.er Congreß Serbien zuertheilt wurde, kaufte dort eine Besitzung und wollte dieselbe dem Gesetze gemäß gerichtlich intabulircn lassen. Das Gericht weigerte sich, diesen Act vorzunehmen, unter dem Vorwand, dass die Gesetze von 1856 und 1861 cS den Juden untersagen, sich wo anders als in Belgrad Bodenbesitz anzueignen. Der Besitzer appellirte, aber der Apellatious-Gerichtshof bestätigte den Ausspruch des Bezirksgerichtes. Wäre dieses Urtheil endgiltig angewendet worden, so würde den Israeliten eines der wichtigsten Rechte, welche ihnen der Berliner Tractat verliehen hatte, entzogen, es versetzte sie neuerdings unter die frühere Gesetzbarkeit, welcher sie bis 1877 unterworfen waren. Der Vorgang hatte natürlich unter der jüdischen Bevölkerung Serbiens schmerzliche Aufregung hervorgebracht. Ein israelitischer Notabler legte dem Justizminister ein Memorandum vor, welches die klare Sachlage enthielt und bewies, dass das Urtheil des Gerichtes zu Prokoplia sich in geradem Widerspruch mit der heutigen Gerichtbarkeit Serbiens befinde. Der Minister hat die Nichtigkeit der Neclamation anerkannt, er hat das Gericht von Prokoplia au die Beachtung der Gesetze erinnert, und — um in Zukunft ähnliche Urtheile zu vermeiden — ha! er den Gerichtsbehörden des ganzen Reiches das von uns bereits veröffentlichte Circular bekannt gegeben, welches den Gerichten gebietet, sich an den Vertrag von Berlin zu halten, das beißt die Israeliten als den übrigen Serben gleichberechtigte Mitbürger zu betrachten. Literarisches. (Weue Illustrirte Zeitung.) Diese verbreitetste und populärste, in Oesterreich-Ungarn erscheinende belletristische Wochenschrift, welche seit einem halben Jahre von Karl Emil Franzos herausgegeben wird, beginnt eben ihren neuen, den XIII. Jahrgang, und zwar, wie das uns vorliegende erste Heft und der Prospect darthun, in würdigster Weise: durch eine durchgreifende neuerliche Verbesserung und Vermehrung ihres, auch bisher schon so reichhaltigen, literarischen und artistischen Inhalts. Mit gesteigerter Energie und Leistungskraft führt die ,,Neue Illustrirte Zeitung" nun ihr Programm durch, aber dies Programm bleibt dasselbe. Stets in Fühlung mit den Strömungen der Zeit und in der Schilderung der Ereigniße in Wort und Bild das notorisch rascheste und schlagfertigste Blatt dieser Art, vergisst die ״Neue Illustrirte Zeitung" doch nie, dass es für sie Bleibendes im Wechsel gibt, die Pflege des Schönen, Guten und Wahren, die Pflege humanen Sinns und echter Cultur. Ein Blatt für stille Stunden der Sammlung wie zur Orientirung über das gesammte öffentliche Leben der Gegenwart, ein echtes und rechtes Familienblatt und zugleich eine vielseitige Chronik der Zeit, das will die ״Neue Illustrirte Zeitung" sein und bleiben. In der harmonischen Vereinigung dieser beiden Richtungen besteht ihre Eigenart, welche sie von anderen belletristischen Blättern unterscheidet. Die rastlose Sorge der Nedaction war es nur, ihre Leistungen in jeder Beziehung immer mehr zu vervollkommnen. Für die Trefflichkeit des literarischen Inhaltes, welcher sich aus Romanen, Novellen und Gedichten der ersten Autoren, aus belehrenden Aufsätzen der bedeutendsten Gelehrten, aus Feuilletons, Humoresken und klaren, objectiven Artikeln über die Ereigniße der Zeit zusammensetzt, bietet der Name des gegenwärtigen Herausgebers und Chef-Nedacteurs genügende Bürgschaft. Er hat seine Ueberzeugung, dass populäre Haltung und geläuterter Geschmack keinen Gegensatz bedeuten dürfen, zu bethätigen und sein Programm: ,Für die Familie ist das Beste gerade gut genug', durchzuführen gewußt. Als Beleg hiefür lassen wir bier den Inhalt eines einzigen, des uns vorliegenden ersten Heftes des neuen Jahrganges folgen. Dasselbe bringt die ersten Capitel eines neuen sehr spannenden Romanes von Robert Byr: ״Villa Mirafior", und einer trefflichen Hochlandsgeschichte: ״Die Mühle am Funtensee" von Ludwig Ganghoser, lyrische Gedichte von Paul Heyse und Friedrich Bodenstedt, die des Ruhmes ihrer Verfasser würdig sind, eine Humoreske von Julius Stettenheim und eine Skizze von Hans Hopfen, die beide zu dem Besten gehören, was diese beliebten Auroren in jüngster Zeit veröffentlicht; ferner Aphorismen von Marie v. Ebner-Eschenbach, einen populär-wissenschaftlichen Aufsatz von Ludwig Büchner und eine cultur׳hlstorische Skizze von Karl Emil Franzos, endlich vorzügliche Aufsätze und Gedichte von Robert Hamerliug, Karl Stieler, Max Kalbeck, sowie den Anfang einer überaus spannenden Spukgeschichte von Victor Blüthgen. Ebenso trefflich präsentirt sich der artistische Theil, dessen Hauptschmuck die höchst gelungene, im Format einer Doppelseite ansgeführte Reproduction des ״schönsten Frauenkopfs", der bei der Preis-Concurrenz der ״Neuen Jllustrirten Zeitung" mit dem ersten Preise gekrönten Zeichnung bildet; ferner zieren ausgezeichnete Holzschnitte nach den neuesten Gemälden Makart's (Judith), Defregger's (Die Geschwister), Hugo Kaufmann's (Gutes und Schl cchtcs Bier), Julius Bencziir's (Das Liebeslied) Carl Karger's (Kleine Gratulantin), W. Nichter's (Kaiserin Elisabeth). Leopold Müller's (Am Saugbrunnen), W. Grögler's (Sonntag in Tirol), dann eine prächtige Original-Zeichnung von D- Hock (Amor und Psyche) und eine Reihe kleinerer Jllustra-