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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-10-10 · Heft 34 (10.10.1884) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 34 (10.10.1884)
Date
1884-10-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 wie gesagt, die geistige Regsamkeit, gerade dasjenige Element, welches am meisten zur Hebung des Standes beiträgt, droht einzuschlafen oder, wenn wir offenherzig sein wollen, i st fast ganz eingeschlafen. Täuschen wir uns nickt, wenn dies so sortdanert, so muss allmälig auch Gleichgültigkeit für die materiellen Interessen unter uns überhand nehmen, und was das bedeutet, davon erzählt uns die Zeit vor Begründung dieses Blattes und des Cantorenvereines. Ich will der geehrten Redaction daraus durchaus keinen Vorwurf machen, s i e ibut ihr Möglichstes und ich sage es rund heraus, mit glänzendem Erfolge. Wenn sie aus den Kreisen der Cantoren keine oder nur qualitativ u u g e n ü g e n d e Arbeiten erhält, so muss sie eben auf anderer Seite für das Blatt sorgen. Mein Vorwurf richtet sich vielmehr gegen diejenigen College», welche uns schon mehr als einmal bewiesen haben, dass sie es nicht zu scheuen brauchen, vor die Oeffentlichkeit hinzutreten, dass sie nicbt nur den Tactirftock, sondern auch die Feder zu handhaben wissen, jetzt aber aus unbegreisticher Lässigkeit dieselbe zur Seite geschoben haben. Ueber Mangel an Material kann man sich wahrhaftig nicht beklagen. Die geehrte Nedaclion bat. soweit ich mich zurückerinnern kann, zu verschiedenen Malen Themata angeregt, die wichtig und iuieressant genug sind, um einer ausführlichen Erörteruug von jedem möglichen Standpunkte gewürdigt'zu werden. Zu meiner nicht geringen Verwunderung blieb die Anregung erfolglos, sie wurde entweder mit einigen, nichtssagenden Worten begrüßt oder gar mit Stillschweigen übergangen. Die Folgen, welche die Fortdauer eines solchen Zustandes mit sich bringen muss, sind allzu trist, als dass ich glauben könnte, dass diese ungesunden Verhältniße noch lange anhalten werden. Ich will mich vielmehr der Ueberzeugung hingeben, dass diese meine Zeilen dazu beitragen werden, die Tüchtigen und Erprobten unter uns ans dem Halbschlummer zu wecken, Luden sie versunken waren.' Wir anerkennen die Nichtigkeil der Argumentationen des Herrn Einsenders, können aber leider seinen Optimismus nicht ganz theilen, denn hin'er unserem Pessismus stehen die Ersahrungcn von vier Zähren. Dass wir uns mir dem Herrn Einsender in dem Wunsche nach Aenderung und Besserung dieses Zustandes vereinigen, brauchen wir wohl kaum zu sagen und dies beweisen wir auch zur Genüge durch Abdruck seiner Zeilen an leitender Stelle. Doch möge er uns verzeihen, wenn wir an ihn selbst die Bitte richten, in Zukunft nicht nur ein — wenn auch scharfsinniger — Beobachter, sondern auch ein thatkräftiger Mitarbeiter unseres Blattes zu werden. Ueber die richtige Anssprache beim Gesänge. Wie relativ auch jede Bevorzugung, die man irgend einer Sache ertheilt, sein mag, und wie vorsichtig man auch zu Werke gehen muss, ehe man einem Gegebenen vor Allen seines Gleichen den Rang einräumt, weil jedes eigenthümliche Vorzüge besitzt; so kann man von der Menschenstimme doch schon deswegen behaupten, dass sie das vollkommenste Instrument sei, weil sie einen unschätzbaren Vorzug mit keinem theilt und auch ewig allein besitzen wird: die Fähigkeit, dem Tone jenes belebende Wort unterzulegen, welches einzig ein Erzeugnis des edelsten Schatzes, der Vernunft, ist. Da aber die Menschenstimme außerdem Kraft und Metall und Heroismus der Blasinstrumente mit der Weichheit und Biegsamkeit der Saiteninstrumente vereinigt, so ist Singen nichts Anderes, als die schönste Sprache mit dem schönsten Tone sprechen. Sprechen und singen zugleich! Mau kann das nur fühlen! Was vermag nicht schon der Znstrumentalist für Wirkungen auf das Gemüth hervorznbringen, dessen Werkzeug nicht die Hälfte von dem entzückenden Reize des schönen Tones der Menschen stimme, geschweige jene erhabene Fähigkeit besitzt. Der Gesang der Menscheustimme ist die reinste und zarteste Verkörperung des Geistes und darum auch die edelste und würdigste, in deren eigenstem' und innerstem Wesen freilich ihre wie der Blitz vorüberstürzende Erscheinung liegt. Es wird demnach Jedem einleuchten, dass der Sänger, der die Aussprache vernachlässiget, sich des edelsten Naturgeschenkes entänßert und auf den schönsten Vorzug freiwillig verzichtet. Za, er thut noch mehr, denn da nur mittelst der Vocale der echte Gesangton gebildet werden kann, so muss dieser nothwendig aus der Tonschöpfung verschwinden, sobald jenen nicht ihr Recht geschieht. Das Wort ist der Körper, der Ton die Seele, Eines kann ohne das Andere nickt bestehen. Ein Gesang ohne reine, verständliche und edle Aussprache bat schon anfgehört, Gesang zu sein, er ist nur noch ein Tönen ohne Sinn und Inhalt. Das Erste nun, was Einer zu thnn hat. um eine vollkommene Aussprache beim Gesänge sich anzueignen, ist, dass er sich fleißig übe, jeden Vocal rein und deutlich zu geben. Die Vocale sind für den Gesang das Beste im Schatze der Sprache, die Edelsteine, die Kronjuwelen, und unter sich wieder von verschiedenem Werthe. Der König des Alphabetes, der Grundlaut, auf dem alle anderen Laute erst fußen, ist A. Wer diesen gut aussprecheu kann, hat schon viel gewonnen. Weder zu breit, noch zu dunkel, weder ein halbes, noch ein ganzes 0 oder 6 darf das a sein, sondern es muss voll und frei ans dem Munde kommen. Hierbei -wollen wir nachdrücklich betonen, dass, je höher die Stimme ist, eine um so leichtere, je tiefer sie hingegen ist, eine um so dunklere Aussprache der Vocale sich für sie eignet. Zärtlichen Gefühlen sagt diese, düsteren Empfindungen jene Aussprache zu, und man muss nach diesen Empfindungen die Aussprache modeln, ohne in einen der gerügten Fehler zu verfallen. Das E folgt an Klangwerth auf A, ist nach diesem der schönste, klangreichste und singbarste Vocal. Nach ihm kommt 0. Wir erwähnen hier nur noch, dass man auf 0 ehemals ungern lange Passagen machte. In der neueren Zeit ist diese Bedenklichkeit verschwunden. Das J muss in der Gesang-Aussprache etwas dem ü genähert werden, weil es sonst, als der dünnste und höchste Vocal in der Leiter der Vocale, dem Ohre schrill und spitz klingt, man möchte sagen gläsern vorkommt. 17 eignet sich ganz und gar nicht für den Gesang, und es ist eben gerade deshalb die Silbe ut in der Solmisation mit cko vertauscht worden. Sind schon auf i lange Passagen gegen den guten Geschmack, so dass die älteren Componisteu vermieden, mehr als vier Noten hinter einander aus i singen zu lassen; so würde dies auf u geradezu ein musikalisches Verbrechen sein. Für die Aussprache des ä gelten dieselben Regeln, wie für das 6, nur dass jenes seiner Natur nach breiter ist. Im Gesänge ist die Beobachtung dieses Unterschiedes schwieriger als in der Rede, weil dort das 6 schon breiter ist als hier. So gelten die Regeln für die Aussprache des 6 auch für die des ö, welches sich von jenem nur dadurch unterscheidet, dass es eine geringere Oeffnung der Lippen, verbunden mit einer kleinen Wölbung des inneren und äußeren Mundes erheischt. Gleiche Bewandnis hat es mit der Anwendung der Aussprache des i auf den Dyphthong ü. Von der Aussprache der übrigen Doppelvocale sei Folgendes zu erwähnen: Die falsche Aussprache dieser Dyphthonge tritt be-

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