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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-09-18 · Heft 32 (18.9.1884) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 32 (18.9.1884)
Date
1884-09-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — Anstoß erregen und namentlich dort, wo Egoismus und Beschränktheit die geänderten Verhältniße nicht erkennen ließen. Eine der wichtigsten Fragen, welche in dem abgelaufenen Zahre nicht nur in unserem Blatte, sondern auch in anderen jüdischen Zeitschriften vielfach besprochen wurde, war unbedingt diejenige, ob das Gebet mit seinem Vertreter, dem Cantor, oder die Predigt mit dem Prediger oder Rabbiner das Hauptmoment des jüdischen Gottesdienstes bilde. Die Lösung hätte sich ganz einfach durch einen Blick auf die bestehenden Verhältniße ergeben und wäre unbedingt zu Gunsten der Cantoren aus gefallen. Aber die Frage war nun einmal aufgeworfen und durfte nicht so bald von der Tagesordnung verschwinden. War ja hierdurch Gelegenheit gegeben, den Cantoren, die—■ horribile dictu — nun gar schon ein eigenes Organ zur Verfechtung ihrer Inter׳ essen besaßen, etwas am Zeuge zu flicken und .gleichzeitig so manche pia desideria vorzubringen, die schon lange das Her^ bedrückt haben. Von allen Seiten wurde kräftig darauf losgeschlagen und endlich erklärte ein großer Reformator rund heraus, wozu brauchen wir denn einen Cantor, ich werde selbst Cantor spielen. Als wir nun ganz bescheiden uns die Bemerkung erlaubten, dass wir da auch ein Wort mitzuspxechen hätten, da wurde uns vorgeworfen, dass wir die Rabbiner unterdrücken wollen.'Gegen diese Behauptung müssen wir uns ganz entschieden verwahren. Sie haben da ein wenig über das Ziel geschossen, hochgeehrter Herr Rabbiner in Hohenems, die Achtung und Werthschätzung, die diesem ehrwürdigen Stande zukömmr, haben wir niemals vergeflen, wir haben nur diejenigen Herren in ihre Schranken weisen wollen, die aus ihrem Wirkungskreise heraustraten und sich in Angelegenheiten mischten, die außerhalb ihres Verständnißes lagen. Darum können wir es auch nicht begreifen, wie der geehrte Herr Rabbiner Grün dazu kömmt, sich so entrüstet zu geberden und sich als Vertheidiger des beleidigten und unterdrückten Rabbinismus aufzuwerfen. Wir stehen mit bedeutenden und hervorragenden Vertretern dieses ehrwürdigen Standes in sehr freundlichen Beziehungen, und gerade diese sind es, welche in der Geltendmachung unserer Ansprüche niemals ein Unrecht oder eine Verletzung ihrer Autorität erblickt haben. Die Beweggründe, welche diejenigen leiten, die die Stellung des Cantors zu untergraben, seine Bedeutung für den jüdischen Gottesdienst zu leugnen suchen, sind zu offenkundig, um sie einer Würdigung zu unterziehen; Neid und Selbstsucht spielen dabei die Hauptrolle. Dagegen zu kämpfen, ist eine missliche und schwierige Sache, da mau mit Vernunftsgründen nichts erreichen kann. Aber wir wollen uns durch keinerlei Schwierigkeiten daran abhalten lassen, auch in Zukunft den eingeschlagenen Weg zum Wohle unseres Standes weiter zu wandeln und thun dies mit freudigem Herzen, da wir überzeugt sind, daß wir unsere Kraft für eine ehrliche und gerechte Sache einsetzen, der ein sicherer Erfolg nicht ausbleiben kann. Ueber ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. XXI. An den Aufenthalt Naumburg's in Paris knüpfen sich interesiante und belehrende Episoden, welche jedoch, als - außerhalb des Rahmens dieser Besprechung liegend, vorenthalten werden müssen. Unsere Ausgabe ist es, den Lebensweg Naumburg's, den oft gewundenen, nicht immer hell erleuchteten aufzusuchen und zu verzeichnen; eine mühsame aber auch lohnende Thätigkeit, die den Forscher für die kleine Anstrengung durch ihre anregende Kraft reich entschädigt. Mit dem Empfehlungsschreiben Röder's versehen, betrat der äußerlich schüchterne, aber von glühendstem Wiffensdrange beseelte Jüngling Naumburg Paris, den Scyauplatz seiner späteren bemerkenswerthen Wirksamkeit. Wem von uns schon in frühester Jugend durch den Austritt in die weite Welt das traute Eltern- Haus vorenthalten ward, für den dürfte das tief in's Herz schneidende Weh kein unbekanntes Gefühl sein, welches der ganzen Individualität den Stempel des Ernstes für lange, lange Zeit aufdrückt und von dem auch Naumburg, rücksichtlich seines Eintreffens in der großen Weltstadt, oft im Leben sprach, an welches er stets mit tiefer Rührung dachte. Doch die Sentimentalität muß niedergekämpft werden, namentlich von dem, der für seine Lebensäufgabe sich große und schwer zu erreichende Ziele gesetzt. Raumbürg hatte, keine Muße, weder die für ihn gewiss überwältigenden Schönheiten der Weltstadt, noch die bekannten Schattenseiten derselben zu studiren; seine Route war überdies vorgezeichnet, und glücklich ist, allerdings ein Jünger der Kunst zu preisen, dem eine solche Route vorgezeichuet war. — Von Röder zuHalevy. Gebrauchen wir jedoch keine Gemeinplätze, indem wir, wie es leider üblich ist, derartige Vorkommniße lediglich als glü ckli ch en Zufall hinstellen. Nein, nein! Eine Empfehlung Röder's muß errungen, eine künstlerische Beachtung seitens eines Meisters, wie Halevy, muß verdient sein. In welch' hohem Grade nun Naumburg dieser für ihn so überaus wichtigen und vortheilhaften Auszeichnungen würdig war, zeigt uns der Hinblick auf dessen Thätigkeit in den allernächsten Jahren, wie nicht minder der durch diese eminente Thätigkeit erreichte Erfolg. ‘ 1832 starb Lowy, der allererste bedeutende und musikalisch gebildete jüdische Cantor Frankreichs. Wenngleich nun die durch den Hingang Lowy's erledigte erste Cantorstelle der Pariser Synagoge selbstverständlich nicht unbesetzt blieb, so muß diese Besetzung dennoch nur als eine provisorische betrachtet werden, indem aus jener Periode keine bemerkenswerthe Erscheinung auf synagogal-gesanglichem Gebiete zu verzeichnen ist. War nun di? von Lowy ausgegangene Anregung eine solch' bedeutende, dass die spätere, erst 1876 erschienene Chronik die Leistungen Lowy's geradezu als bis dahin unverdunkelt hinstellt, so können wir den Nachhall seiner Thätigkeit in den ersten Jahren nach seinem Tode unzweifelhaft als einen überaus mächtigen bezeichnen; nicht blos in Paris, sondern in allen Synagogen Frankreichs wurden Lowy'sche Gesänge aufgeführt und übten ihre ungeschwächte Wirkung auf die versammelten Glaubensgenossen. Wenngleich nun Naumburg erst einige Jahre nach erfolgtem Ableben Lowy's nach Paris übersiedelte, so trat ihm die Bedeutung Lowy's dennoch voll und ganz gegenüber..— Wir übergehen nun das Stillleben der Naumburg'scheu Arbeitsjahre in Paris, als für unsere Abhandlung unwesentlich und nehmen den Faden unserer Aufzeichnung dort wieder auf, wo Naumburg in zielbewußter Weise mit den Erzeugnißen seines mehrjährigen, durch emsige Fortbildung und jugendfrisches Schaffen bedingten Stilllebens endlich wieder in die Oeffentlichkeit tritt, und zwar mit der Publizirung seines Synagogengesangs-Werkes זמירות ישראל. Im Jahre 1843 legte Naumburg der französischen Regierung ein Elaborat vor. in welchem auf die Nothwendigkeit eines jüdisch-lithurgischen Gesangwerkes zur Einführung in allen Synagogen Frankreichs hingewiesen ist, und wurde in gerechter Würdigung dieser umfangreichen und eingehenden Auseinandersetzung laut Nescript vom 25. Mai 1844 mit der Bearbeitung

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