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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-09-10 · Heft 31 (10.9.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 31 (10.9.1884)
Date
1884-09-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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e - Gottesdienstes hat derart gestaltet zu sein, dass außer der Ordnung Umwillen des Gcschlechtsanstandes kein Geschlechtsunterschied be> merkbar sei. Die äußere Form sei überhaupt ein Spiegel der Cultur des Westens. So verhalte es sich mit jedem äußeren Cultusmomente, was natürlich auch das Zeitmaß der öffentlichen Andacht involvirt. 11. Bei Trauungen werden die Ringe gewechselt, Civilchen inclusive Mischehen genießen religiöse Giltigkeit. Letztere, wenn beide Ehetheile auf Grund der Religionsfreiheit über die religiöse Erziehung ihrer Kinder sich bestimmen können. 12. Der rituelle Scheidebrief ist conditionell nothwendig. Die Chaliza durchaus unnöthig. 13. Bei jedem Begräbniße, vom einjährigen Kinde angefangen, hat durch den Seelsorger oder dessen Stellvertreter ein Todtengebet abgehalten zu werden. Die üblichen Ceremonien an dem Tobten sind nicht bindend. 14. Die übliche Haustrauer wird auf einen Tag rcducirt. Für jeden Todten kann auf Verlangen der Leidtragenden eine besondere Synagogal-Todtenfeier abgehalten werden.' Sabbathey Zwy eine biographische Skizze von Dr. H. IV. Da Herodot, der Vater der Geschichte, nicht ansteht, uns zu erzählen, die Pythia zu Delphi habe es gewusst, dass Krösus zu Sardes Lammfleisch mit Schildkröten koche, so will ich unseren Magnetiseurs es nicht vorenthalten, ihnen zu sagen, dass auch Sabbathey seine Clairvoyants hatte; denn um eben diese Zeit gab es zu Smyrna, Adrianopel, Theffalonich, Constantinopel und an mehreren anderen Orten Menschen jeden Alters und Geschlechtes, welche in einer Art epileptischen Anfalles im Hebräischen und Aramäischen, Sprachen, die sie sonst gar nicht verstanden, Prophezeiungen machten, welche des Inhaltes waren: ,Sabbathey Zwy aus dem Hause Davids ist der wahre Messias, Reich und Krone sind sein'. Dieses bestärkte das Volk in seinem Glauben an Sabbathey und die Unterrichteteren bezogen sogar den Vers im Propheten Joel: ,Einst werde ich meinen Geist über alles Fleisch ergießen, Eure Söhne und Töchter werden weissagen', auf ihn. Wenn man bis jetzt leicht der Meinung werden konnte, Sabbathey sei ein Betrüger gewesen, so muss man ihm von nun an die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er mehr Betrogener als Betrüger war; denn er hatte nicht allein Andere, sondern sich selbst beredet, er sei der wahre Messias. Er hatte die für ihn so günstige Stimmung seiner mächtigen Partei nicht benützt, um Waffenplätze anzulegen, sich ein Heer zu bilden, oder fremde Truppen in Sold zu nehmen; sondern wie ein Held in der Zauberoper saß er zu Smyrna, in der gewissen Hoffnung, er werde durch seine kabbalistischen Hexereien den Erdball erschüttern und die Reiche der Welt nach Willkühr vertheilen. Dies glaubte er so fest wie seine blinden Anhänger, die ihn aufforderten, nach Constantinopel zu gehen, um dem Beherrscher der Osmanen das Diadem vom Haupte zu nehmen. Sabbathey, den Abgrund nicht ahnend, welchem er entgegen zu eilen im Begriffe war, schiffte sich mit einem großen Gefolge ein und kam am 20des Monates Thebet 1666 nach Constantinopel, während eine Menge seiner Anhänger diese Reise zu Land machte. Sogleich berichtete der Großvezir dem Sultan, der gerade zu Adrianopel war, dass der bei Hofe so viel besprochene Sabbathey zu Constantinopel sich besinde und Audienz verlange. Der * Sultan befahl, ibu einstweilen in sichere. Haft zu nehmen. Es wurde ein Aga nebst 50 Janitscbaren beordert, diesen Befehl zu vollziehen. Wie einst der erschrockene Gallus Pithaeus ror dem scharfblickenden Mirhridates, stand auch jetzt der Aga vor Sabbathey und wagte es nicht, ihn zu berühren. Er kehrte Zum Großvezir zurück und versicherte, dass Sabbathey wie ein Engel ihm vorgekommen sei, dass er dessen Anblick nicht ertragen konnte und selbst bei Verlust des Lebens seines Auftrages sich zu entledigen nicht vermöge. Es wurde ein anderer Aga mit 200 Janitjcharen abgesendet, aber auch dieser kam wie sein Vorgänger unverrichteter Sache zurück. Darauf ging Sabbathey freiwillig zum Großvezir, der ihn zwar sehr gnädig empfing, aber doch nach dem Castell Cesto in den Dardanellen bringen ließ, wo er prächtig wohnte, herrlich bewirthet und Jedermann zu ihm zugelassen wurde. Viag es sein, dass die vollen Beutel der Anhänger Sabbathey's oder wirklich dessen herrliche Gestalt auf die beiden Agas ihre Wunderkraft geübt hatten, so konnte diese B egebenheit und des Großvezirs schonende Behandlung nicht anders als Sabbathey's Ansehen nur erhöhen. Seine Anhänger verbreiteten, der Ungläubigen Ohnmacht vermöge nichts über des Messias Allgewalt, und die reichsten und angesehensten Juden von Nah und Fern machten dem Söhne David's zu Cesto ihre Auf- Wartung. Der Gegenstand des Gespräches zwischen Sabbathey und seinen Besuchern war gewöhnlich dessen künftige Größe und die baldige Auflösung der Nation. Um diese Zeit war es, als er von hier aus an alle Juden der Welt ein Schreiben ergehen ließ, in welchem er aus Gründen der Kabbala befahl, den 23. des Monates. Tamus, einen Dienstag, dem Samstag gleich zu feiern und am Trauertage der Zerstörung Jerusalems nicht mehr zu fasten, sondern ihn festlich zu begehen. Auch ertheilte er Allen einen Ablass, die Andachtsübungen am Grabe seiner Mutter halten würden. Dass der Großvezir, welcher zur Belagerung von Candia abreisen mußte, Sabbathey so nachsichtsvoll behandelte, mag wohl deswegen geschehen sein, weil Letzterer in dem mit ihm vorgenommenen Verhöre aussagte, er sei gezwungen gewesen, seine Rolle als Messias fortzuspielen und sich den Königstitel beizulegen, um nicht Mishandlungen seiner eigenen Partei sicb auszusetzen. Dass aber die türkische Justiz so lange zögerte, ihn den Händen der strafenden Gerechtigkeit zu übergeben, scheint darin , seinen guten Grund gehabt zu haben, weil׳ man bemerkte, dass s die aus allen Gegenden zahlreich herbeiströmenden Besucher Sabbathey's nicht mit leeren Händen kamen, und der vorgebliche Erlöser sehr weislich durch die Kanäle der Kabbala einen großen Theil des ihm Zugekommenen wieder gehörigen Ortes abfließen ließ, was seinen Aufenthalt zu Cesto in die Länge zog und ebenso angenehm als einträglich machte. Die meisten Anhänger zählte Sabbathey in Polen. Hier war das Judenthum seit lange schon wie in einem Brennpunkte concentrit. Es lag daher ganz natürlich den Juden dieses Landes vorzüglich daran, über die. Sendung des neuen Messias in's Reine zu kommen. Zu diesem Ende wurde ein sehr gelehrter Pole, Rabbi Nehemias Kohn, nach Constantinopel geschickt. Er begab sich nach Cesto und wurde von Sabbathey sehr freundlich ausgenommen. Sie sprachen über verschiedene Punkte der Kabbala. Rabbi Nehemias behauptete, dass nach talmudischen Ansichten die Zeit der Ankunft des Messias noch nicht da sei. Vergebens bemühte sich Sabbathey ganze drei Tage, ihn von der Echtheit seiner Sendung zu überzeugen. Dem Rabbi wollten seine Sophismen nicht einleuchten und er hatte endlich den Muth, ihm zu sagen, dass er ihu für einen'Betrüger halte. Diese Frei-

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