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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-09-10 · Heft 31 (10.9.1884) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 31 (10.9.1884)
Date
1884-09-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— ־4 — der Zusammengehörigkeit, an der Ausrechterhaltung des Glaubens- Landes, das seit Jahrtausenden die gesammte Judenheit umschlungen hat, und welches dieselbe angesichts aller gemeinsamen Glaubens- und moralischen Interessen auch ferner ׳umschlingen so!:. An einem und demselben Stamme haben mehrere belaubte Zweige Platz nebeneinander. Ällesammt ziehen ihre Nahrung aus einer Wurzel, dienen aber auch zusammen dem gemeinsamen Stamme als Zierde und als Schutz gegen versengende Hitze. So verhalte sich auch jeder Glaubenszweig zu dem gemeinsamen Glaubensstamme. Diesbezüglich diene uns als voranleuchtendes Muster jenes einträchliche Verhältnis, das in Berlin und Hambürg, sowie in zahlreichen größeren und kleineren Städten Amerikas bezüglich aller gemeinsamen Confessions-Jnteressen zwischen der reformirteu und der conservativen Synagoge besteht. ,II. (Die moralischen Zwecke der Synagoge.) Die moralischen Zwecke der res. Synagoge sind: 1. Dass wir von uns und unserer Religion die ungerechte und größtentheils in Voreingenommenheit wurzelnde Meinung abwälzen, als wäre die jüdische Religion nicht reformsähig, nicht geeignet, die Cultur des Westens in sich aufzunehmen. 2. Dass, sowie der Staatsbürger christlicher, also auch der Staatsbürger jüdischer Confession Gelegenheit habe, seinen gereinigteren Glauben und seine diesbezügliche Ueberzeugung frei zu bekennen, dass es auch für ihn einen Altar gebe, vor welchem er seine Andacht nach den Eingebungen seines Glaubens und Herzens verrichten könne. 3. Dass wir ein Heilmittel gegen den tagtäglich stärker werdenden und auch die innere Neligiösität tödtenden Jndifferentismus fänden, der größtentheils als verhängnisvolle Consequenz jenes flagranten Gegensatzes zwischen dem Praktischen Leben und den Religionssatzungen, zwilchen den religiösen Bedürfnißen eines gebildeteren Gcmüthes und den spröden Formen des Religionscultus angenommen werden kann. 4. Dass wir nicht länger dulden sollen, dass durch den flagranten Gegensatz zwischen der Neligionsschule und dem elterlichen Hause ein Zwiespalt in den zart besaiteten Herzen unserer jungen Kinder entstehe; indem es unmöglich ist, dass wir äugesichts der Umgehung, beziehungsweise Uebertretung solcher Satzungen, die in der Religionsschule als Gottes heilige Gebote tradirt werden, von unseren eigenen Kindern nicht als Sünde erscheinen sollen. Bewahren wir die zarten Herzen vor solchen Eindrücken, die jedesfalls bis zu ihrer Reife schädlich sind, ja psychologisch aus den Herzen nie ganz erftipirt werden können. 5. Dass wir jenen verhängnisvollen moralischen Nachtheil verhindern, der die nächste Generation erwartet, indem wir uneingedenk des materialistischen Zeitalters doch ferner gleichgiltig den tagtäglich immer tiefer werdenden Verfall mitansehen, in Welchem die positive Religion und mit ihr die Herzensreligiösität begriffen sind. Das pure moralische Princip kann die Concurrenz mit jenem moralischen Princip, das in der positiven Religion wurzelt, nicht aufnehmen, was mindestens von der Philosophie der Alltagsbildung kategorisch behauptet werden kann. Jenes steht kraftlos und umflort da, indem die Versuchung mit den täuschenden Farben ihres Musivgoldes an uns herantritt; dieses steht mächtig, als eine Lichtsäule vor uns, wenn der Verführer mit seinen allerlei Süßigkeiten sich uns nähern will. Die diesbezüglichen traurigen Erfahrungen der jüngsten Jahre sind so furchtbar, dass neben dem Bedauern derselben unmöglich unsere Aufmerksamkeit nicht hätte angeregt werden sollen, wie unsere Kinder gegen die Gefahren der abschüssigen Bahnen allersicherst gewahrt werden können. Unsere bisherige Erziehung, unsere schweren Opfer um willen der geistigen Ausbildung unserer Kinder sind, so zu sagen, nur für das Glück berechnet. Wenn die Hoffnung getäuscht, wenn der Plan mislungen. wenn das Unternehmen in die Brüche gegangen, wenn es männlicher Kraft benöthigt, um mit Hingebung das zu ertragen, was das Schicksal in seiner Laune oder in seinem Zorne uns zugemessen, oder aber, was durch unsere Fehler uns verdienter Weise begegnet ist, Alles das ist aus unserem häuslichen Unterrichtsplan, aus den Rubriken über die Erziehung unserer Kinder draußen geblieben. Unterdessen ist die Gesellschaft Zeuge jener Schreckbilder geworden, dass die geringste Erschütterung aus dem ordentlichen Geleise heranszuschleudern vermag, dass die moralische Kraft so sehr gesunken ist, dass die Verzweiflung alltäglich wurde, dass hier kleinere, dort größere Verlegenheit die Kraft des Magnets bekam, der das Eisen an sich zieht. In einer Zeit, wo die Materie mit vervielfachter Schwere in die Wage fällt, potenzirt sich auch die Nothwendigkeit der positiven Religion für die Erziehung unserer Kinder; viel weniger ob der idealen Interessen, die in unsichtbare Höhen münden, als vielmehr wegen der realen Zwecke, deren Saat- und Frnchtboden die Gesellschaft ist. Allein jene positive Religion, die für die Erziehung unserer Jugend so nothwendig geworden ist, muss auch natürlich eine dem Herzen unserer Kinder zugängliche sein. Sie sei der beginnende und zugleich der ergänzende Theil der civilisirten Erziehung, übereinstimmend mit der süßen mütterlichen Mahnung, mit der strengen Weisung der Schule; sie sei der goldene Faden, der die Morallehren des Hauses und der Schule verbindet, die in Gott all' das Schöne und Edle concentrirt, das in das Herz unserer Kinder gepflanzt wird. Unser Zeitalter hat nicht nur den Charakter einer materialistischen, sondern über- Haupt den einer Uebergangsperiode. Wir kämpfen mit verjährten Systemen. Die Formen wechseln je nach dem Geiste, der denselben Leben gibt. Die gesellschaftlichen Institutionen werden nacheinander der Reform unterzogen, die Zukunft wird in ein neues Geleise eingelenkt. Und da sollte die zeitgemäße Umbildung jener Institution zurückbleiben, deren harmonischer Einklang mit dem Geiste der Gesellschaft so unbedingt nothwendig ist, zuvörderst ein Postulat für die nächste Generation, beziehungsweise der Generation mosaischen Glaubens ist! Die ref. Synagoge wird die Synagoge der unmittelbaren Zukunft sein. Aus unseren kleinen Schulbürgern und freilich nicht aus den Hockern des Cheders, werden sich ihre Bekenner rekrutiren. Wen die Lust anwandelte, dieses zu bezweifeln, der hätte früher den Beweis aufzubringen, dass gleiche Ursachen nicht auch gleiche Wirkungen erzeugen. Denn unterscheiden sich auch die europäischen Verbältniße von den amerikanischen, so ist es nichtsdestoweniger unmöglich, dass unter dem Banner der Freiheit und an der Seite einer nüchternen Erziehung die Reform verhältnismäßig sich nicht jenem Fortschritt annäbere, welchen dieselbe seit einigen Decennien in Amerika gemacht hat. Die größten Gemeinden von New-Pork bis nach New-Orleans und von Baltimore bis nach Portland, Oregon sind größtentheils Neformgemeinoen. Aber auch die kleineren und jüngeren bekennen sich' größtentheils zur Glaubenßfahne der Reform. Wenn in Preußen im Jahre 1852 die Negierung die Selbstständigkeit der Berliner Neformgemeinde nicht beschränkt hätte, wenn in Ungarn in demselben Jahre die absolutistische Negierung die reformirte Synagoge nicht aufgehoben hatte,- dann würden wir fürwahr nicht mit solchem Neide auf unsere amerikanischen Glaubensgenossen Hinblicken. Ein würdiger Neid.. Er spornt zur Nachahmung an, eröffnet angenehme Aussicht in die Zukunft. Gleiche Ursachen erzeugen auch gleiche Wirkungen. Aber nothwendig, doppelt nothwendig ist es, dass wir selbst den Grund

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