Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 31 (10.9.1884)
- Date
- 1884-09-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 — - Amte eines Cantors verkommen und ein deutliches Streiflicht auf sein ganzes Wißen und Können werfen. Und woran liegt es? Was ist die eigentliche Ursache, dass Männer, die sonst eine würdige und geachtete Stellung einnehmen könnten, in ihrem Ansehen täglich tiefer sinken, so dass sie mismulhig, verdrossen und zuletzl nur mit Aengstlichkeit an die Ausübung ihres schönen Berufes gehen? Nichts für ungut, freundlicher Leser, wenn ich Dir weh' thue, es fehlt uns an Arbeitslustl Fühlst Du Dich getroffen, schlägst Du beschämt das Auge nieder, um so besser, dann waren diese Zeilen nicht umsonst, dann verstehen wir uns, dann ist ja noch Hilfe möglich. Nicht wahr, wenn die Kritik über Dich einmal recht uuglimpflich an Dein Ohr klingt, da ist Dir so bilterwehe, Du siehst in Deiner ganzen Gemeinde nur Gegner, keinen einzigen Freund; Du fängst an Betrachtungen anzustcllen über Menschengunst, Du kannst es gar nicht begreifen, wie die Stimmung so total Umschlagen konnte, Du gibst dem lieben Herrgott, Deiner Gemeinde, kurz Allem und Zedem schuld, nur nicht — Dir. Ja, lieber Freund, hier liegt der Hase im Pfeffer. Wir sind muffige Leute, wir lernen nichts, wir arbeiten nicht. Von dem Augenblicke angefaugen, wo wir im Besitze eines Postens sind, denken wir an Alles, nur nicht an unsere eigene Fortbildung. Mechanisch, geda nkenlos wird jahrein, jahraus die breite Heerstraße ausgetreten, der Zuhörer verliert das Interesse, die einstige Popularität verblasst täglich mehr und mehr, und eh' man sich's noch versieht und selbst nicht weih, wie so es gekommen, muss man eine neue Gemeinde suchen, um in der bisherigen Manier fortzufabren. Hat nun der Cantor von Haus aus wenigstens etwas Fachkenntniße mitgcbracht, so ist er insofern bester daran, als er eine Zeit lang von diesen zehren kann; wo aber selbst dieses Wenige fehlt, da kann dann von einer dauerhaften Existenz keine Rede sein, nur im Wechsel besteht dann die Beständigkeit — alljährlich, ,wenn die Schwalben heimwärts ziehn', wandert auch der Cantor und das geht so lange, bis — nun bis er freilich oft zu spät einsieht, dass er nichts gelernt und nichts vergessen hat. Soll, kann solchen Zuständen nicht entgegengewirkt werden? Vergessen wir nicht, unsere Zeit ist eine verfeinerte. Selbst in der kleinsten Gemeinde, wo von einem Verständnihe kunstvollen Gesanges nicht leicht gesprochen werden kann, will man heutzutage nicht nur einen musikalisch gebildeten Cantor, sondern einen ,gebildeten Cantor' überhaupt. Wie die musikalische Bildung nicht darin besteht, ein paar theoretische Grundlehren zu beherrschen, ebensowenig wird derjenige zu den ,Gebildeten' zählen, der mit dem mitgebrachtcn Pfund sein Leben lang fortwuchern will. Arbeit, emsige, stetige Arbeit muss das Losungswort der Cantoren sein und wahrlich Arbeit imponirt. Wo Arbeitsamkeit ihre Werkstätte aufgeschlagen hat, dort herrscht frische, fröhliche Regsamkeit, dort flndct sich Anerkennung, und dort drückt man gern ein Auge zu, wenn allfällige Mängel zu Tage treten. Auf dem Lande namentlich, wo die Stellung des Cantors derart exponirt ist, dass er auf Schritt und Tritt gesehen und beobachtet wird, da ist wieder die Arbeit die sicherste Schutzwehr gegen Verleumdung, Scheelsucht und Mißgunst. Allein auch die Arbeit muß ein System haben. Es muß ein gewister Weg vorgezeichnet sein, den jeder Cantor, will er tüchng werden, einzuschlagen hat. Es ist hiermit noch nicht ge׳ sagt, dais nach einer Schablone vorgegangen werde, um einst ein uniformes Heer von Cantoren heranzubilden, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Jede Individualität will sich geltend machen und sie soll es auch; allein feste Grundsätze, ein für alle Cantoren giltiger und als solcher anerkannter Leitfaden muss geschaffen werden, und das ist Sache der Cantorenschule. Sind diese Grundprincipien einmal aufgestellt und ehrlich durchgeführt, dann werden die Verhältniße auch andere werden. So wie heute bereits die, Gemeinden ihre ,Concurse' in der Cantorenzeitung inseriren, so werden dann dieselben Gemeinden nur solche Cantoren anstellen, von denen im Vorhinein die Gewähr geboten ist, dass sie ihr Amt in seiner ganzen Mannigfaltigkeit beherrschen, und dazu ist nur der Cantorenverein in Verbindung mit einer Cantorenschule einzig und allein berufen. Nicht für einen Nachwuchs, an welchem doch die heutigen Cantoren nur ein sekundäres Interesse haben können, soll vorgesorgt werden, sondern dem in Amt und Stellung befindlichen Cantor sollen die Mittel geboten werden, sein Wissen zu bereichern und seine Existenz zu festigen. Wien, 5. September 1884./ A d o l f N o t t e r. Erläuterungen des M Gottesdienstes nach Mekore Iiatephilla mitgetheilt von Simon Diamant. Oberlehrer in Austerlitz. (Fortsetzung.) ברוך שאמר Dieses Loblied führten hie Männer der großen Versammlung ein*). Es gründet sich auf die talmudische Stelle (32 ברבור a.). Stets soll man vorher den Lobgesang Gottes anstimmen und hernach beten, wie Moses, er sprach zuerst zu Gott: »Du hast angefangen Deinem Diener zu zeigen Deine Größe' u. s. w.; sodann betete er: »Laß mich doch hinüberziehen, damit ich das gelobte Land sehe'. Diese Gebetformel war gebräuchlich, wenn eine für die Welt nützliche Naturerscheinung eingetreten ist. So erzählt man: Rabbi Zehuda bar Jecheskel betete, so oft er den Regen herabfallen sah: .ברוך שאמר למנצח מומור Da der Sabbath auf die Entstehung des Weltalls, den Inbegriff der Natur hinweist, so wird am Sabbath in diesem sowie in den folgenden Psalmen das Lob Gottes aus der Natur besungen. Aus demselben Grunde wird es auch an jedem Festtage eingeschaltet, weil jeder Festlag auch Sabbath heißt. נמי tD1*״ איקרי שבת (Bezah). קדיש Nappoport in seinem Werke ״Erech Millin“ (S. 224) meint, der קדיש sei darum in aramäischer Sprache abgefasst worden, weil diese damals die Umgangssprache in Pabylon war, damit also jeder von den Anwesenden das אמן יהא שמה רבא nachsagen könne. (O. CH. § 56, Ture Sahab). יוצר אור ובורא׳ חשך Dieser Segensspruch wird von den Nabbinen dahin gedeutet, dass Gott durch die Erschaffung widerstrebender Kräfte und Elemente in der Natur, obwohl selbe einander entgegenwirken, dennoch in ihrer Gesammtthätigkeit die Erhaltung der Welt zum Zwecke haben, sich als Friedensstifter bewährt hat. Die betreffende Stelle in Jesaias lautet: ^ובורא ר während es hier heißt: ובורא את הכל. Diese Abweichung wird in (Beroch. 11.) gerechtfertigt. Unsere Gebetstelle ist gerichtet gegen den *) Ihrer großen Sorgfalt verdanken wir die Erhaltung der biblischen Schriften in her uns vorliegenden Quadratschrift. So hießen auch 2ס21רי Schreiber, nämlich des Gesetzes, d. h. Schriftkundige, Gelehrte der Zeit, gewöhnlicher אנשי כנסת הגדולה genannt.