Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 31 (10.9.1884)
- Date
- 1884-09-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Pränumerations-Preis ■ für AUtglieder des ö.-u. Cankoren-Verernei, ohne Musikbeklage viertelj. . fl. 1.—! mit Musikbeil, viertelj. fl. 1.25 für Nichtmitglieder in Oesterr.- >Nng. ohne Musikbeil, vierteljährig .... fl. 1.35 mit Musikbeil, viertelj. fl. 1-50 für Abonnenten im Auslande o. Musikbeil, viertelj. fl. 1.50 mit Musikbeil, viertelj. fl. 1.75 I_״ Organ die GesMiut-IviereMu jüdischer Gmtorev. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Zcrkob Mauer. und Administrativ« Wien, | II.,?louavagaffe 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. Nr. Bl Wien, 10. September 1884. 4. Jahrgang Verschiedene Wahrheiten. Motto: Auch scheint es wohlgethan zu sein, nur ganz einfache, kurze Sachen zu schreiben, die auch den minder Gebildeten verständlich sind; die Wahrheit allein und nicht die Sucht zu zlLnzeu muss dergleichen Schriften, charakterisiren. Grimm. Nichts ist oft im Leben peinlicher als die unverblümte Wahrheit sagen zu müssen. Daher hat sich mit der Verfeinerung unserer Sitten eine Sprech- und-Schreibweise eingebürgert, die uns in gewisser Weise hilft, das, was wir sagen wollen, in einer verhüllten und zarteren Form auszudrücken, um nicht das Odium der Rücksichtslosigkeit aus uns zu laden. Es hat dies seine gute Seite. Man thut dabei nicht weh, denn nach dem untrüglichen Recepte nimmt man ein Körnchen Wahrheit, hüllt es in eine phrasenreiche Oblate, schüttet das Ganze in eine reichliche, süße Suada, und der Patient kann dann die, Wirkung abmarten. Mitunter bleibt diese aucb aus, wie das bei gewissen Naturen gar nicht überraschen darf. . Aber immer und überall ist diese Methode nicht anwendbar. Was bleibt also übrig? Wenn man es ehrlich meint, muss man auch die Courage haben, die Wahrheit, dieses enfant terrible, in seiner nackten Rücksichtslosigkeit vorzuhalten. Man erspart dabei lange Umschweife zu machen und — kommt zur Sache. Es ist in den letzten Monaten von der Frage der Cantorenschule etwas auffällig stille geworden, und das ist schade, solche Fragen darf man nicht einschlafen lassen, sie müssen immer und wieder ventilirt und besprochen werden, damit sie nicht von der Tagesordnung verschwinden. Dies darf umsoweniger geschehen, als die wenigsten Cantoren über die Tendenz, die Einrichtung, das Ziel, kurz über das Um und Auf einer solchen Schule sich klar sind. Welche Meinungen und Ansichten bekömmt man mitunter nicht zu hören! ,Wer Cantor ist, muss sein Fach beherrschen/wer noch keiner ist, der sehe, wie er damit fertig wird', axres-uoüWs deluge, so wird der ganzen, großen Frage im Handumdrehen der Garaus gemacht. Sehen wir uns diese Sentenz etwas genauer an, so liegt darin ein Urtheil, das nicht jeder Cantor über sich ergehen lassen wird, denn damit wird nicht weniger gesagt, als ,mit dem Amt kommt auch der Verstand', und das möchte ich beileibe nicht behaupten. Und wenn dieser Satz wahr wäre, wie sehe es mit den Cantoren beute aus? Genau so' wie noch vor drei Jahren. Freilich haben sich da gewisse Cantoren viel behaglicher gefühlt, als heute. Es gibt nämlich Cantoren in guten, mitunter auch in sehr guten Stellungen und wenn sie, um einen zeitgemäßen Ausdruck zu gebrauchen, den Befähigungsnachweis erbringen müßten, ach, wie traurig sähe es da aus. Es gibt Cantoren, ,gute' Cantoren, mit prächtiger Stimme, die seit Jahren dem Berufe angehören und trotzdem sind sie — keine Cantoren. Man muss es nur angehört haben, wie da der Stimme Gewalt angethan wird, von einem richtigen Ansatz keine Spur, wie das Wort verschwommen, gedankenlos, verschnörkelt und verunziert, grammatikalisch und dem Sinne nach entstellt wird! Der Eine ist ,groß' im Copiren, kann nicht genug Wunder erzählen, wenn er in Sulzer's ,Manier" nach einem wunderbaren Pianissimo auf 'einmal einen ,Trenn' gibt, dass die Mauern zittern. (Historisch!!) Ein Anderer wieder hat von dem Inhalte des Gebetes keinen Dunst, betont an unrichtiger Stelle, setzt am Unrechten Orte ab, ja, horribile dictu, kann mitunter nicht einmal richtig lesen! Jetzt soll er auch noch .Koreh' sein. Gibt es schon an und für sich wenige Cantoren, die den Namen eines guten Koreh verdienen, so sind selbst von diesen die meisten in einer Weise leichtsinnig, dass es geradezu erschreckend ist. Die םדר1ז früher gehörig durchzusehen, dazu nehmen sie sich nicht die Mühe. Unvorbereitet stellt ein solcher sich dann hin, und muss es sich dann gefallen lassen, von dem Letzten unter den Letzten das Epitheton eines עם הארץ zu erhalten. Allein um das Unglück voll zu machen, verlangt ein ,Aufgerufener' einen מי שברך. Wer das schon mitgemacht hat, wird zugeben, dass die nunmehrige Situation für den Cantor und nicht minder für das Publikum höchst peinlich ist. Hat er das Gebetbuch bei der Hand, dann läuft die Affaire noch glimpflich ab,' wenn aber nicht, nun dann kömmt ein Kauderwälsch heraus, das ,Steine rühren, Menschen rasend machen kann'. Nicht zu gedenken der vielen anderen Fälle, wie ״Kundmachungen, Ausbietungen rc.", die im Hiezu eine Mirsikbeilage