Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-09-02 · Heft 30 (2.9.1884) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 30 (2.9.1884)
Date
1884-09-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452990--1122-3455229
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bildung — dünken, das Vorbeteu selbst verrichten wollen und demnach mit dem Aufwande aller erdenklichen Argumente den jüdischen Gemeinden erklären möckten, dass die Leistungen des Cant ors eigentlich nichtssagend, demnach auch im Handumdrehen, nach der Hohenemser Facon, aus dem jüdischen Gottesdienste zu entfernen seien. Begeben wir uns nun in das Lager derjenigen Herren Rabbiner, denen die Vorsehung eine Sing׳ st i m m e vorenthalten, die demnach im wahrhaften Sinne des Wortes ihre Stimme in der angedeuteten Weise nicht erheben können und forschen nach den cantorfeindlichen Wurfgeschossen, die sie aus der Rüstkammer ihrer Intelligenz und Wissenschaft gegen uns Hervorbolen, und wir müssen wirklich staunen, geradezu das. Gegentheil des Vorhinerwähnten zu vernehmen. Dort wird das Minus der Cantorlcistnng, bier geradezu das Plus als Anklagepunkt angeführt; man sieht also, wie uneinig die ebrwürdigen Herren in der Wahl ihrer BclastUngszründe sind, wenngleich die Bekämpfnngsnorhwendigkeit gleichartig erscheint. Hören wir zuvörderst, was einer dieser Herren der staunenden Mitwelt eröffne!: ,Die neuen, im christlichen Sinne erbauten Synagogen muhten natürlich auch im Innern etwas mehr christlichen Character ai.nchmen, den jüdischen so viel als möglich abstreifen. Das Characteristicon der Juden ist das Beten, in ihren Gebeten, in deren Tonarten und in ihrem zeitweiligen Anfjubeln ist ihre ganze Geschichte, ihre religiöse Kraft, ibre Hingabe an's Zudentbum. Das war allerdings manchmal nicht ästbetisch schön, nicht kunstgerechr und auch zuweilen kein solcher hoher Kunstgenuss für den Hörer, aber es war Natur, es war der ungeschlachte Herzensnusdruck, zwar manchmal nicht ganz harmonisch klingend, aber wahr und innig! Das Beten muhte den Inden anstatt es zu regeln abgewöhnt werden, dachten diese Reformer, und das haben sie wirklich zu Stande gebracht! Nach 4 Jahrzehnten hat die Mehrzahl der Juden das Beten gänzlich abgethan. In unserem Gotteshanse ist cs mäuschenstill, wenn nicht geschwatzt wird, wie bei einem Todteucultus. Wie baben das aber die Herren zu Stande gebracht? Es wurde zuerst ein Sänger, e!n Phänomen, ein Künstler sonder Gleichen mit eminenter Begabung und mit hinreißender Stimme und Kunst für den Tempel engagirt, und La es diesem Sänger mehr darum zu tbun war, gehört, angestaunt, bewundert zu werden und weniger die Frömmigkeit, das Herzensbedürfnis — diese Hauptbedingunz des Gebetes — zu cultiviren, so beginnt die Geschichte der Tempelreformen mit den Concerten in den Tempeln.' *) Wir übergehen absichtlich den U u sinn von den im christlichen Sinne erbauten Synagogen, wie überhaupt alle jene Stellen, die auf das Cantorat keinen Bezug haben, weil wir uns in fremde Angelegenheiten nicht mengen und lediglich unsere Sache zu vertreten beabsichtigen; allein jene Unwahrheiten, die noch dazu das Streben des modern-jüdischen Cantors als Aus- Zangspunkt für dieselben hinstellen, müssen wir beleuchten. E s ist unwahr, dass in den modernen Gotteshäusern Israels weniger gebetet wird; es ist nicht wahr dass die h c u tige jüdische G e m ein de in Folge der künstlerischen Gesangsleistungen zu größerem Schweigen verurtheilt ist, als es früher der Fall war. Das Ideal des Herrn Dr. — Pardon, wir wollen nicht verrathen — des Herrn Ad. K. ist die einstige Judenschul' mit ihren mittelalterlichen Gepflogenheiten; gut, begeben wir uns im Geiste *) Entnommen einer Artikelserie, ,Kampf gegen den Jndifferentismus' Lon Ad. K. veröffentlicht in Nr. 15 des ,Fortschritt." dorthin. Wie waren denn die damaligen Einrichtungen bezüglich der Leistungen des alten stN mit den משודדים? Es war da in erster Reihe das ,Sagen" des sM allein, wobei, wie bei מלכיות זכרונות׳ שופרות und anderen Stellen die Gemeinde andächtig lauschte; dann das Zusammensingen des stN mit den משודדים, wobei die Gemeinde and ächti g lauschte und schließlich allerdings die יוצרות, bei denen die Gemeinde andachtslos mit schrie. WaS hat nun, nach den Auslassungen des Herrn Ad. K., die Nesormsucht der Tempel- Vorsteher zu Wege gebracht? An Stelle des in den Tallis gehüllten חזן trat der Cantor mit seinem kleidsamen Ornate, ganz gleich, wie statt des einstigen in den Tallis gehüllten Rabbiners der. mit modernem Ornate bekleidete und in den seidenen Mantel der — Frömmigkeit gehüllte Dr. — Prediger substituirt wurde. Statt des mit allen erdenklichen Coloratnren, Trillern, Zungen- und Lippen-Staccatv verunstalteten Wortes, das in der Zeit der ^Iudenschule' unter der Bezeichnung ,Sagen" bekannt war, trat die ruhige, würdige, von allen Ueberladungen und Verunzierungen entkleidete künstlerische Gestaltung des Gebetlextes, welches nun mit der technischen Ausdrucksweise ,Necitativ" bezeichnet wurde. Der Sing-Sang der einstigen ,Judenschule/ bei dem daS Singerl oftmals nicht wußte, was der Bass und dieser meistenrheils nicht, was der דק wollte, sollte nach den Anölassungen des Herrn Ad. K. andachterregender gewirkt haben, als die von Meistern ersten Ranges künstlerisch gefügten und formvollendet bearbeiteten Chöre des modernen Synagogengesanges —- das kann wohl keineswegs als gesinnnngslreue Kundgebung, sondern lediglich als eine an den Haaren herbeigezerrt.e gegnerische Anklage seitens des Herrn Ad. K. acceptirr werden. Die laute Belheiligung der Gemeinde an dem Gottesdienste betreffend, die nun, den Eröffnungen des vielfach genannten ...Herrn gemäß, bei dem heutigen jüdischen Gottesdienste ganz ausgeschlossen er!chcint, und welcher Hochverrath uns jüdischen Cantoren, respeciive unseren Leistungen zur Last gelegt wird, ist ein Punkt, bei welchem Herr Ad. K. sich in einer Weise verrannte, wie es von einem Manne, der seit einer Reihe von Jahren und in mehreren Gemeinden im Dienste des Herrn mitwirkt, und dem daher alle Phasen der diesbezüglichen Fortgestaltung bekannt sein müssen, keineswegs zu erwarten war. Die Gemeinde der einstigen Judenschule betheiligte sich bekanntlich bei jenen Stellen, die das Epitethon יוצר trugen — da war allerdings der gesanglichen Mitwirkung der Betenden der weiteste Raum gestattet, und zwar in einer Weise, die Herr Ad. K. selbst als ästhetisch nicht schön bezeichnet. Wenn nun mit der Entfernung der יוצרות aus dem מחזור der tatsächlichen Betheiligung der Gemeinde am Gottesdienste als Andachterregungsmittel Abbruch geschah, wem anders als den Herren Rabbinern selb st, die ja bezüglich der Entfernung jener Gebetsstücke zu Gerichte saßen, ist nach dieser Richtung ein Vorwurf zu machen? Wie kommen wir jüdische Cantoren dazu, für dieses Vorkommnis, oder für eine aus diesem Vorkommniße resultirende Wirkung von einem Rabbiner verantwortlich gemacht zu werden? Im Gegentheile, wir modernen jüdischen Cantoren haben uns die Erhaltung der traditionellen Melodie, als Vermächtnis einer glaubensfreudigen Zeit, zur heiligen Aufgabe gemacht und mit dem Aufgebote aller erdenklichen Mittel trachten gerade die maßgebenden Cantoren der Jetztzeit, selbst jene Melodien für die Synagoge zu verwenden, deren einstigen Texte, Dank der rabbinischen Machtvollkommenheit längst nicht mehr im מחדד stehen. Allein selbst dann, wenn, nach salbungsvollen Anschauung des frommen Herrn Ad. K., behufs Wiederbelebung der geschwundenen- Andacht das alte מחדד mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.