Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 29 (25.8.1884)
- Date
- 1884-08-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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des Königthums stellen sollte '), so sollst Du einen König über dasselbe setzen׳, während wir im Buche Samuel lefeit 2): ,Und sie sprachen zu ihm, siehe Du bist alt u. s. w.׳, welche Stelle das höchste Misfallen des Propheten über die Erwäblung eines Königs in der entschiedensten Weise ausdrückt. .Za, dieser Widerspruch ist noch auffallender, wenn wir an eine diesbezügliche talmudische Stelle erinnern 3), welche es dem Volke Israel zur Pflicht macht, bei ihrem Einzüge in das gelobte Land sich einen König zu wählen. Zedock unterziehen wir die Art und Weise, in welcher die Bitte an Samuel gerichtet wurde, einer eingehenderen Betrachtung, so werden wir zu einer ganz anderen Anschauung gelangen. Um die weittragende Bedeutung der an Samuel gerichteten Bitte in ihrer ganzen, schwerwiegenden Totalität zu erfassen, wollen wir Nachstehendes vorausschicken. Ein Mensch, an dessen körperlicher oder geistiger Construction irgend ein Leiden nagt, kann nie oder nur in seltenen Fällen einen großen, weittragenden Gedanken erfassen und ihn zur Ausführung bringen. Wie ein Bleigewicht bängt sich der Seelenschmsrz oder, sonstiges körperliches Leid an seinen Geist und hemmt dessen Flug. Wohl gab es hie und da große Männer, die solche Hinderniße überwindend, mit riesiger Anstrengung und dem Aufgebote ihres ganzen Seins, Großes für Mit- und Nachwelt vollführten, doch sind dies Ausnahmen von der Regel. Der Geist kann nur dort seine Schwingen frei und ungehemmt entfalten, wo Herzenssreude. Seelenfriede, Gemüthsruhe und Seelenruhe herrschen. Der Melancholiker oder Hypochonder kennt nicht den hellaufleuchtenden Strahl der Begeisterung, in sein Herz fällt kein Funke jenes herrlichen, gottbegeisterten Enthusiasmus, der so Großes geschaffen; denn nur die Zufriedenheit mit sich selbst, die behagliche Lebensanschauung, und wenn man annehmen will, auch die sorgenlose Lebensstellung sind wesentliche Bedingungen geistigen Ringens und Schaffens. Darum bleibt der talmudische Spruch ewig wabr: ,Die Gottesbegeisterung herrscht uichr in einem kummervollen, sondern freudigem Gemüthe!4 ׳) Dort, wo das Herz beklemmt und beengt ist, wo die Nacht des Unglücks die Seele umhüllt und ihre düsteren Schatten wirst, wo bitteres Web' und trübes Leid ihre Wohnung aufgescklagen und sich wie Geierkralleu in die schmerzerfüllte Brust bohren, wo qualvolle Sorge das Herz beschleicht und das Gemüth mit Kummer erfüllt, wo der bleiche Gram in dem Menschenherzen, der Quelle des Lebens, wühlt, dasselbe mit ihrem Wermutbstropfen vergiftend, wo der Wurm des Elends und Trübsals an der Wurzel des Lebensbaumes nagt: dort kann unmöglich die Sonne der Begeisterung erstrahlen, aus versumpftem Boden, aus schlammichtem Erdreiche kann nie und nimmer frische, fröhliche Saat hervorkeimen; denn Freude und Trauer, Lust und Schmerz, Wonne und Trübsal, Glück und Ungemach sind heterogene Elemente, entgegengesetzte Pole, die bei geringster Berührung einander ab stoßen. י) ואמרת אשימה עלי מלך ככל הגוים אשיר חביבות׳ שום תשים עליך מלך וגוי (שופמיט 15 Cap. 17, Vers 14 und) ג) ויאמרו אליו הנה אתה זקנת וגו׳ וירע הדבר בעינו. שמואל (שמואל א׳ ה׳ וי). 3) ר' יהודה אומר: ג׳ מצות נצתוו ישראל בכנוסתן לארץ להעמיד להם מלך וגוי ואני יודע איזה מהם תחלה כשהוא אומר בי יד על כסיה הוי אומר להעמיד להם מלך תחלה׳ ואין בם אלא מלך שני וישב שלמה על כסא ה׳ למלך(סנהדרין). 4) אין השכינה שורה מתוך עצבות אלא מתוך שמחה(מדרש). Um nun Samuel in die eben geschilderte Stimmung zu versetzen, kleideten die Abgesandten Israels ihre Bitte um einen König mit den Worten: ,Siehe, Du bist alt geworden׳', in der persidesten Weise ein. Sie wollten wohl einen König, aber nicht einen frommen, gottergebenen Herrscher, sondern ,der uns richten solle nach Art und Weise aller Völker damaliger Zeit׳, deren Ideal nur die rauhe Faust, die rauhe Stärke war. Um daher Samuel zu bestimmen, ihrem Wunsche zu willfahren- und ihn in die nölhige, traurige Stimmung zu versetzen, dass er sich ihrem Ansinnen gefügig zeige, motivirlen sie dasselbe mit den Worten: »Siehe, Du bist alt׳. Q, Undank, schwärzestes aller Laster, Ausfluß und Ausgebürt einer niedrigen, gemeinen Seele, wie mußtest du zu dem egoistischen Wunsche Israels dein häßliches Relief geben! »Siehe, Du bist alt׳. Kann sich die Niedrigkeit und Gemeinheil deutlicher und prägnanter ansdrücken, als in diesen Worten? »Siehe, Du bist alt׳. Bist zu nichts mehr nütze, Deine Kraft ist gelähmt, Dein Geist gebeugt. Deine Macht gebrochen, Dein Sinn geschwächt, Deine Thatkraft erstarrt, Dein UnteruehmungSgeist getrübt, Deine Lebensnhr abgelaufen, Dein Lebenslaus abgeschlossen, Dein Lebenssaft vertrocknet, .Dein Geist hat keine Schwungkraft und Deine Seele keine Spannkraft mehr. »Siehe, Du bist alt״, o, schmählicher Undank, der du dich in diese unmenschlich grausamen Worten kleidest. ״Du bist alt" und wo sind die Zahre, die Du in Deiner Lebensfülle und Lebenskraft ihnen gewidmet, wo die schönen, markvollen Tage.Deiner Jugend׳ und ManneSkraft, die Du ihnen geweiht! ,,O, Mutter, Mutter," mochte der in seinem Innersten, tief verletzte Prophet in Erinnerung an Channa, seiner frommen Erzeugerin, ausrufen, ״ist dies der Dank dafür, dass du dein Kind, die Wohllust deines Herzens und das Labsal deiner Seele, deiner Augen Lust und Wonne, von dir gerissen und Gott geweiht; dafür sind geschloss? ' deiner Augen Thränen und deiner Wimpern Zähren; dafür xf■' zichleteft du auf alle Mutterfreuden und versagtest dir die ne*11״ lichen Triebe des lebenden Mutterherzens!" Dies geschah in grauer Vorzeit, einer Autorität wie S^uel gegenüber, und wie wird heutzutage mit Jenen verfahr^ die eine abhängige Stellung bekleiden? Wie oft geschieht < (eider, dass Demjenigen, der mit seines Geistes Rüstigkeit!einer Eigenschaften Thätigkeit, mit allen ihm zu Gebote stehenden Kräften sein ganzes Leben und seine Existenz sei-w Berufe gewidmet, welchem zu Liebe er die Freiheit der Selbstst!ch!ießung und seines Selbstwillens anfgegeben, um. ihn mit/sto größerer Aufopferung und Hingabe zu erfüllen; Zurückse'Ng zu Theil wird. Wie oft geschieht es nicht.- dass Männern.nenn ihre Zeit gekommen und das Alter seine Rechte geltend n^, Wegwerfend behandelt werden, wie man die Citrone wegs'dubert, nachdem man ihr den Saft erpreßt, wie einen Tagl"^^ abfertigt mit einem armseligen Stück Geld. Wie selten der Gemeindefunetionär trotz allen Berufseifers die ihn eh׳'^ ""d anspornende Anerkennung! 5) Und doch heißt es töer heiligen Schrift: ביומו תתן שכרו so lange sein Tag le/^t, so lange er in seiner vollen Rüstigkeit und Tüchtigkeit" vollster Geistesfrische noch schaffen und wirken kann, dq-^e ihm nicht nur den pecuniären Lohn, sondern erfreue f a,u^ kurd) deine Auerkennung — aber nicht erst dann,!eine Lebenssonne dem Untergange sich naht; denn, ach \m wahrhaften Sinne und traurigster Bedeutung des W^׳ e*n!vlch' von ״Volkes 5) ביומו תתן שכרו 1*5׳/בוא עליו השמש - בי ענו הוא - ואליו דיוא נשא את נפשי(דבי/קאפ. בד׳ ט׳ו).