Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 29 (25.8.1884)
- Date
- 1884-08-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 — Wissen vermochte man dort nicht zu würdigen, da von jüdischein Wissen in der Hohenemser Gemeinde schon längst mehr keine Rede sein kann, oder zum Mindesten Empfänglichkeit für dasselbe gewiss nicht vorhanden ift- Man mußte also um jeden Preis und bei jeder Gelegenheit die sogenannten Reformen — lucus a non lucendo — herausstreifeu, den großen Geistern, welche dieselbe ersonnen, will sagen, einem nichtjndischen Cultus nachgebildet haben, maßloies Lob spenden und dieselben neben die Wiener Reformatoren des jüdischen Gottesdienstes hinstellen. So und nur so können wir es uns erklären, wenn ein Mann, der sein ganzes Leben für das Iudenthum gewirkt, plötzlich seiner Vergangenheit den Äbschiedsbrief gibt und sich Denjenigen in die Arme wirft, die aus dem Cultus möglichst rasch Alles und Jedes entfernen wollen, was au unsere jüdische Vergangenheit erinnert, Gebräuche hereinzuzerren suchen, die sie dem Nachbarn abgeguckl, um so in Bälde aus unserer altehrwürdigen Synagoge den jüdischen Geist ausgemerzt zu scheu. Blute! denn nicht einem jeden jüdisch Denkenden das Herz, wenn man Stück um Stück fallen sieht von dem Gebäude, das den Juden durch so lange, trübe Zahrhnnderte Zuflucht gewesen, muss man nicht erschüttert sich abwenden, wenn man den Hohn und das Gcspötte unter unseren eigenen Glaubensgenossen sich erheben sieht gegen Gebräuche und Einrichtungen, für die unsere Väter ihr Herzblut hingegeben? Die hebräische Sprache, das letzte und kräftigste Bindemittel der Synagoge, soll nach dem Recepte unserer neuesten Aerzte fallen, sie soll fallen und umgetauscht werden gegen Sprachen, in denen wir nur ,Hepps, Hepp-Nufe' zu vernehmen gewohnt waren und leider auch gewohnt sind! Es vollzieht sich da eine historische Nothweudizkeit, wird man uns entgegenrufen, die hebräische Sprache wird von unseren Glaubensgenossen nicht mehr verstanden, sie muss also den Landessprachen im Gottesdienste weichen. Wir geben zu, dass sie von den Meisten der Unseligen nicht mehr verstanden wird. Aber die Schuld daran trifft ja doch nur Diejenigen, aus deren Mitte jetzt der Ruf nach Abschaffung des hebräischen Gottesdienstes erschallt, er trifft ja nur die Rabbinen, deren Pflicht es gewesen wäre, der immer mehr zunehmenden Unkenntnis des Hebräischen zu steuern. Und doch wagt man es, solche Rufe jetzt ertönen zu lassen und damit an alte Sünden zu erinnern, die noch nicht abgebüßt sind und denen die Strafe gewiss nachfolgen muss! Wir Cantoren haben niemals an unsere Pflicht vergessen, wir haben immer unser Amt mit jenem hohen Ernste verwaltet, der der heiligen Sache würdig ist. Wir Cantoren sind es auch nicht gewesen, die den jüdischen Gottesdienst auf abschüssige, weil nicht j ü d i s che Bahnen zu lenken versuchten; die Reformen, die von den Unsecigen ausgegangen sind — und wer vermochte die hohe Bedeutung eines Sulzer und Anderer für das moderne Iudenthum zu leugnen — haben sich stets innerhalb der durch unsere j ü d i s ch e Tradition gesteckten Grenzen gehalten und gerade deswegen haben sie in allen Gemeinden Israels Anerkennung und Eingang gefunden. An "solchen Thatsachen zu rütteln wäre ein lächerliches Unterfangen und mögen ,die Stimmen aus Tirol und Vorarlbergs sich noch so laut vernehmen lassen, sie werden daselbst fruchtlos und 1mgehört an den steilen Felsenwänden verhallen. Neber ״Entwickelung des Synagogen- Gesanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. XX. Mehrere Geschwister N a u m b u r g s waren musikalisch, und so entwickelte sich im Hause ein für die damaligen Zeit- und Ortsvechältniße beträchtlich mnsikalisches Leben, indem beispielsweise selbst an die Ausführung der namentlich in jener Periode sehr beliebten Haydn'schen Streichquartette und Terzette geschritten wurde, bei denen Naumburg stets den I- Violine-Part inne hatte. Allein der alte Mnsikmentor gab in gut deutscher Biederkeit, und vielleicht auch im Hinblicke aus die seltenen Fähigkeiten seines Zöglings, die für den weiteren Lebensgang Naumburgs gewiss bemerkenowerthe Erklärung ab, die Eltern mögen sich um einen besseren Lehrer umsehen, indem sein eigenes Wissen für die rapide, künstlerische Fortentwickelung ihres Sohnes nicht mehr ausreiche. Jetzt war guter Rath lbeuer. Der Herzenswunsch der braven Eltern war es allerdings, eine weitere Ausbildung ihres Sohnes zu ermöglichen, allein die Verhältniße gestalteten es nicht, diesen Herzenswunsch zu verwirklichen, trotzdem dazumal, und namentlich von der fürsorglichen Mutter, alle möglichen Eventualitäten durchdacht, alle erdenklichen Opfer prognostizirt wurden, um das scheinbar Unmögliche dennoch zu ermöglichen. Naumburg beobachtete und erkannte die peinliche Nothläge, unter welcher seine armen Eltern litten, und seine Lebensanschauung, die trotz seiner Jugend dennoch nach jeder Richtung weit über die Beschränklkeir der Verhältniße seines Gebnrts- Hauses hinausragte, ließ in seiner Brust einen Entschluss reifen, der für seine spätere künstlerische Bedeutung von unschätzbarer Tragweite war, und zwar die Absicht, behufs weiterer musikalischer Vervollkommnung nach München, der Kunstmetropole seines Heimatlandes, gehen zu wollen. Trotz Einsprache und ernsten Vorstellungen gegen das von dem Jüngling geplante Unternehmen, finden wir Ende 1835 den 17jährigen Naumburg dennoch in München, und zwar in angenehm äußere!, und namentlich vortrefflich künstlerischer Umgebung; denn sein Gönner und Lehrer war kein geringerer, als derjenige Alaun, der bereits einmal als Leitstern am Lebcnshimmel Naumburgs erschien, und zwar der königliche baierische Hos-Capellmeister M. Röder. Dieser Umstand allein war schon für die Kunstrichtung Naumburgs ausschlaggebend; hier, wie bei jedem aufstrebenden Talente war und ist die Wahl der socialen und künstlerischen Umgebung von ungeheurer Tragweite; in der Nähe Lovy's zur Anfangszeit seiner Pariser Wirksamkeit, begegnen wir Künstler- Heroen wie Pa er, Rossini, Talma, Mars, Catalani rc., die theils seine Beralher, thcils seine Zuhörer und Verebrer Waren, an deren Kunsturtheile und Gedankenaustausche sich der Geschmack und die musikalische Gedankenrichtnng Lovy's läuterte und bis zur höchsten Vollendung entwickelte; in der Umgebung des jungen Sulzer wurden ebenfalls Namen vom reinsten künstlerischen Klange genannt, wie Beethoven, Schubert, S e i f r i e d, Drechsler, F i s ch h o f rc. und' wie ungemein viel diese Männer für die.Bedeutung Sulzers und,namentlich für den Inhalt des Schir Zion I gethan, dürfte nach unserer früheren, genauen Klarlegung als allgemein bekannte Thatfache vorausgesetzt werden. Aehnlich verhielt es sich bei Naumburg. — Doch Lovy und Sulzer waren bereits ins Amt eingesührte Männer, als die erwähnten Kunstgrößen sich um sie schaarten, Naumburg jedoch war ein 17—18jähriger jüdischer Dorfjunge,