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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-08-17 · Heft 28 (17.8.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 28 (17.8.1884)
Date
1884-08-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— e - legenden der Gründung der Alliance im Zabre 1872 erlassen haben sollte. Der Monatsbericht der Alliance vom 6. Oclober 1883 hat erklärt, dass dieses Schriftstück rein erfunden sei, und dass weder Cremieux noch ein anderer Jude es damals oder sonst veröffentlicht habe. Der apokryphe Charakter des Schriftstückes war übrigens in die Augen fallend, es stand in absolutem Wider- ׳sprach mit Allem, was jemals Cremieux oder die Alliance vcröffeutlicht haben; es enthielt einige so lächerliche, .so sinnlose und unvernünftige Erklärungen, dass cs unmöglich war, es einem vernünftigen Menschen zuzuschreiben; auch enthielt es schon die materiellen Beweise seiner Uuechtheit. Eine Anzahl der Absätze war nichts weiter, als die fälschliche Travestie des Ausrufs, den die Alliance 1860 zur Zeit ihrer Gründung erließ. Der Fälscher hatte den Anfang dieser Absätze genommen, und den Schluss derart verändert, dass sie ganz das Gegeutheil von dem besagten, was das Original eigentlich enthielt. Das Schriftstück!eilte bei Gründung der Alliance im Jahre 1873 verfasst worden!ein und die Alliance wurde 1860 gegründet. Einige Stellen des Schriftftückes erwähnten die Alliance, wie wenn sie erst zu gründen sei, andere, wie wenn diese Gesellschaft schon seit lange bestände. So verrieth sich der Fälscher durch die augenscheinliche Unrichtigkeit seiner Behauptungen und duich seine Ungeschicklichkeit. Dr. Neumann hat in einer vorzüglichen Brocküre. genannt: die neueste Lüge über die Alliance, Berlin 1883, diese Unmöglichkeiten und Lügen sehr gut hervorgehoben. Dennoch beltätigte der .Anti- Semitique in seiner Nummer vom 17. Februar 1884 nochmals, dass das Schriftstück authentisch sei und veröffentlichte es bei dieser Gelegenheit von Neuem. Aber hier verrieth sich neuerdings der Fälschliche seiner Publication. Der neue Text war nicht mehr ganz derselbe, als der vorhergehende und so war zum Mindesten eines seiner als authenisch veröffentlichen Schriftstücke gefälscht. Was noch schlimmer, die zweite Publication der Zeitung sagte von dem Schriftstück: ,Das Original, welches uns vorliegt, und welches wir abschreiben, ohne auch nur ein einziges Wort daran zu verändern, liegt in Gewahrsam bei den Archiven des Ministeriums für innere Angelegenheiten.״ So versucht es das Blau den Glauben zu erregen, als ob -das Schriftstück im Ministerium des Innern vorhanden sei und dass es daselbst dessen Abschrift bewerkstelligt habe, ohne ein einziges Wort daran zu verändern. Beide Lhatsachen sind absolut falsch, was ans folgendem Brief des Ministers des Innern an den Secretär der Alliance Zsraeliie hervorgeht: ,Paris 23. Juni 1884. Mein Herr! Sie haben bei mir angefragt, ob ein Schriftstück, welches sich auf die Alliance Zsraelite bezieht, dem Zeirungsblatt l’Anti- Semique milgetheilt worden sei. Ich habe die Ehre Ihnen bekann! zu geben, daß von meiner Administration diese Mittheilung { nicht ausgeht. Das Documenl, welches die Zeitung rA11ti-Semique veröffentlicht, ist in den Acten nicht enthalten. Entpfangen Sie, 2c. Der Minister des Innern: Waldeck-Roussean.* Also sind vor allen Dingen die auf die Alliance Israelite bezüglichen Acten, dem Blatte, welches daraus geschöpft zu haben vorgibt, gar nicht milgetheilt worden. Und wären dieselben!) irgend wem zu Gesicht gekommen, so hätte Niemand darin das betreffende Schriftstück entdecken können, da der Herr Minister erklärt, dass es gar nicht vorhanden sei. (Die russischen Colonien Ämerika's.) Herr Dr. Wechsler Rabbiner in St. Paul, hat soeben seinen siebenten Besuch in der russischen Colouie von Bainted Woods (Dakota) abgestattet. Er hat dort zehn Tage verbracht, um sich über die Lage der Anstalt, ihre Bedürfnisse, ihre Aussichten ans Gelingen genau zu unterrichten und unter die Colonisten die Hilfsgelder, welche verschiedene europäische Hilsseomite'S ihm zur Disposition gestellt, zu vertbeilen. Anbei einige Auszüge ans einem Bericht, welchen Dr. Wechsler über diese Colonie an das Central-Comitd gerichtet hat: ״Ich babe bei dieser Reise mindestens 6 Tausend Dollars ansgegeben, 11m den Colonisten alle Arten von Samen zn verschaffen, Rindvieh, eine größeie. Anzahl Ackerbaugerätbe und Lebensmittel ans-länger als drei Moyale. Ich babe einige Einwanderer, welche sich durchaus nicht für den Ackerbau eignclen und niemals Glück darin gehabt hätten veranlaßt, die Co׳ lonie zn verlassen. Anderseits bat der Tod drei Colonisten weggerafst, welche zahlreiche Familien binterlassen baden: die Frau und Kinder des Einen habe ich nach Rußland zu ihren Verwandten geschickt, die Kinder des Zweiten sind in der südischeu Waisenanstalt zu Cleveland untergebracht und seiner Witwe Vorrälbe gegeben worden, die es ihr ermöglichen, sich in der Colonie selbst zu ei halten. Die Witwe des dritten Verstorbenen bleibt in Bismark, woselbst ich ibr die erforderlichen Snbsiltenzmittel zur Disposition gestellt, um ihre Kinder und sich zu erhalten. Es sind momentan in der Anstalt zu Painted-Woods circa 40 Colonisten, welche sämmtlich eine vorzügliche Concession von 160 Acres, ein Gespann und genügende Geräthschäften besitzen, um mit Erfolg zn arbeiten. Sie. haben zusammen ein״ gewisse Bodenfläche urbar gemacht, die sie nun bebauen und man ist berechtigt zu hoffen, dass sie nach dieser - Saison im Stande sein werden, sich s lb!t zn erhalten, falls die Ernte nur halbwegs eine gute ist. Vorlänstg ist den duingendlien Bedürfnisse׳; Genüge geleiltet worden. Die Colonisten könnten wohl eine größere Anzahl Geräthe und kleineres Rindvieh, auch Hühner brauchen 2c.; ich hoffe ihnen dies allmählich zu beschaffen. Das Wichtigste ist, dass es mir gelingt, sie davon zn überzeugen, daß der Ackerbau eines der geeignetsten Handwerke i!t. um sie moralisch, geistig und sittlich zn entwickeln. Dem Cenrral-Comiie ist von anderer Seite gemeldet worden, dass der Boa1־d of Depuiies zu New Work nach Dakota und Oregon einen jungen Manu gesandt, der mit dem Ackerbau sehr, vertrant i!t und sich in Neu-Odessa!!iederlassen soll. Derselbe wird delaillirte Berichte über die von ihm besuchten Colonien aus den Board, senden. Nach neneien Mittheilnugen wäre die Lage der Colonien Cremieux, Betlehem, Zndah Painted Woods, Neu-Odessa, Montestöre, Alliance und Carmel ziemlich befriedigend, und wäre der Board geneigt, eine neue Colonie in der Nähe von Neu-Odessa — welche den Namen Laster erhielte — zn gründen; die nöthigen Mittel sind schon vorhanden, um die Gründung dieser neuen Niederlassung zn ermöglichen. Das Ceniral-Comite freut sich, hiermit Herrn Dr. Wechsler seinen Dank, dem Board und allen Mitarbeitern, welche ihre Anllrengungen dem großen Werke der russischen Colonisation in Amerika gewidmet haben, ansznsprechen. Kleine Chronik. Wien. Der Verein ״Wahrheit", der bedeutendste Arbeiterverein Wiens, nahm in einer von mehr als tausend Arbeitern besuchten Versammlung eine Resolution au, in der Folgendes erklärt wurde: ,,Indem die Antisemiten-Bewegung nur der Reaciion dient und sich an die Arbeiter nur wendet, um dieselben von dem wahren Wege zu ihrer Emancipation abzuleiten, stellt sie, sich als eine Beweguug dar, die trotz ihrer socialistischen Schlagworte, den socialistischen, auf religiöse Toleranz und Juternationalität, auf politische Freiheit und wirthschaftliche Gleichheit hinzielenden Bestrebungen entgegengesetzt und feindlich ist und daher von denkenden Arbeitern entschieden bekämpft werden muß. Dasselbe Elend der Arbeiterclasse, derselbe

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