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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-08-17 · Heft 28 (17.8.1884) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 28 (17.8.1884)
Date
1884-08-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wer ist der Cniitorrn-P-lpa? (Eauierie von L. Stern. Was doch die Aengstlickkeit nickt Alles vermag! Schreiben und Lesen, friibci־ meine Liebl in gs beschäsk igung, rufen nun ein .gewisses Zagen in mir wach, denn ein jedes Comma mabnt mick au die verbängnisvolle Entdeckung Doctor Kochs — den C o m m a - B a c c i lu s. Und dass jeder Punkt eine sprechende Aehnlichkeit mit der Mikrobie hat — wer wird dies leugnen wollen? Am barmlosesten erscheint mir nock das Nuf- und Fragezeicken und ich habe daher meinen Aufsatz eingeleite: mit der Frage: ,Wer ist der Cantoren-Papa?' — .Wie" — höre ick s ckvn als Antwort ausrufeu — ״verehren wir nickt Alle in Nestor Sulz er unseren allgeliebten Papa?' Allerdings. Aber dieser Stammbaum hat nur den einen Fehler, dass er zu jung ist und zu sehr in die Gegenwart hereinragt, was noch lange der Fall sein möge. Ein junger Stammbaum gleicht einem jungen Reisig, das vom leisesten Windhauche bin und der bewegt wird, und wenn, es sich nur etwas steift, läuft es Gefahr geknickt zu werden. Ein junger Stammbaum gewährt nur das. was das neue Ordensstatul den Decoririen — e i n Kreuz ohne Adel. Ein alter Stammbaum hingegen verleibt den Adel — ohne K reuz. Er wird im Gegensätze zu jedem anderen Baume nickt geschätzt wegen seiner köstlichen Fruckt; artet doch alter Same gewöhnlich ans. Auch gewährt nicht seine duftige Blätter, kröne Schutz im Schatten, au diesem Baume wird nur die Wurzel geschätzt, je tiefer diese in die Vergangenheit zurückragt, desto höher wird sie gehalten. Napoleon I., der den Werth hoher Abstammung erkannte, rief einst ans: ,Wehe mir, dass ich nicht mein Enkel bin!' Nun, meine verehrten Collegen, wir sind in einer weit besseren Lage; wir können ausrufeu: »Wohl uns, wir sind Enkel!' Wir sind von hoher, ja höchster Abstammung. Ich habe für meine Collegen einen Papa ausfindig gemacht, auf den sebst ein Su lzer stolz fein muss. Einen Papa, dessen Name allgemein berühmt, bekannt und genannt ist. dessen Gesänge alle Stationen und Confessionen erheben und zur Andacht stimmen, dessen Einkommen überaus glänzend war, ob in Folge der Obercantorschast, weif; ich zwar nicht; er hatte eben noch ein Nebenamt, das auch heule noch ziemlich einträglich fein soll, er war zugleich — K ö N i g. — David war sein Name. Er selbst sagt vvn sich: באם הגבר הזקם על׳ ובאם מנעים זמירות ישראל ,.So spricht der Mann, der obenan gestellt, der Sänger der schönen Lieder Israels". David kann also nur Obe rcantor gewesen sein. Uns Canloren, seinen Nachfolgern, har man wohl alle Attribute der königlichen Abstammung belassen, die sich aber zu denen unserer Vorfahren verhalten, wie Talmi-Gold znm gediegenen Metalle, wie Essig zu Champagner. Er schwang das Scepler — um־ den Tactstock, oder um modern gelehrt zu sprechen — den tactus baccillus — er führte das Schwert, wir den Chalef — und vielleicht ist auch der den früheren Chasonilu augedichtete weite Hals und Magen nur ein Surrogat für den berühmten Mage*n- David. Aus dem Angeführten lässt sich nun leicht beweisen, dass das Institut der Cantoreu um eine volle Generation älter ist, als das der Prediger, denn Salomo, Davids Sohn, war der erste Koheleth. Und weil Salomo bcrübmter durch seine Weisheit wie durch seine Beredsamkeit war ויחכם שלמה מכל הארם, nannten sich seine Nachfolger C h a ch a m. (הכם). Der weiie Begründer dieses Standes hat durch seine Gnomen und Sprüche, die im Volke allgemein bekannt wurden, dafür vorgesorgt, dass seine Nachfolger in diesem Amte nicht Sclaven ihrer Pflichten wurden und dalS diese sie nickt erdrücken, kurz, dass sie in allen Fällen die Chachams bleiben konnten. So stellte er beispielsweise in einer Predigt die hoevweise Lebensregel auf:! “.עת לחשות ועת לדבר ״Es ist eine Zeit znm Schweigen, und es ist auch eine Zeir zum Sprechen". Wann aber die Zeit zu diesem oder jenem sei, das hat er dem weisen E. messen eines Jeden überlassen. Die alten! Rabbiner oder Cbachams aber fassten diese Regel folgendermaßen aus: Die Zeir znm Schweigen ist — das ganze Jahr; und die Zeit zum Sprechen ist שבת הגדול und שבת שובה. C h a- - ch a m s aber blieben sie l m m e r. Denn redeten sie, waren sie > mit Rechr die Cbachams. weil s i e r e d e t e 11, waren sie doch die Verkünder des Goltes-WorteS — und schwiegen sie, waren sie wieder die ane»kannten Chachams, weil sie — schwiegen. ""גם אויל מחריש חכם יחשב ״Auch der Thor, wenn er schweigt, wird als Chacham geachter״, jagte der Begründer des Koheleth-Ltandes, der weise Salomo. Ob die Prediger honorirre, von der Behörde anerkannte Beamte waren und welche Rechte sie genossen, davon i!t in den כ״ך ספרי קדש nichts enthalten. Nur im Talmud Sabbat!) 33, b. finden wir, dass Rabbi Jehnüa ben Zlai', mir dem Beinamen der ״Chasid", von der römischen Behörde wegen seines Patriolis-! Nltls zum ראש הדברים, Oberprediger, ernannt wurde. Oberj canloren ראשי המשוררים hingegen gab es schon zu den ,׳ Zeiten des Königs David. — So lesen wir ausdrücklich: בי בימי דוד ואסף מקדם. ראשי המשוררים ושירי תחלה והורות. (Nehem. 12, 46.) לאלהים ״Denn in den Tagen Davids und Assaphs schon gab es Häupter der Sänger und Loblieder und Dankgesänge zu Gott". > Aber nicht nur die Rosche Hamschorex־im — Obercanloren — sondern auch das untergeordnete Sängerpersonale hatte eine fixe, sorgenfreie Stellung, so zu ersehen, Chron. I. 6. 16. ואלה אשר העמיד דוד על ירי שיר ובד ״Und diese sind es, welche David bebuss Gesanges im Hause Gottes anstellie u. s. w." Auch die Pflichten und Rechte der damaligen Canloren finden wir in den Hagiographsn genau verzeichnet. 1. Mußte der Cantor tagtäglich morgens und abends die gottesdienstlichen Functionen verrichten. (Chronik I. 23. 30) ולעמוד בבקר להורנת ולהלל לד׳ וכן ערב 2. Durste mit dem Cantorate kein Nebenamt verbunden werden. Der Cantor durfte kein Mann für Alles sein, es lag ihm nur ob, sich in der Kunst des Gesanges zu üben. ואלה המשוררים ראשי אבות הלוים בלשכות פטורים׳ בי יומם ולילה עליהם במלאכה. I ״Und die Sänger, Slammhäupter der Leviten, waren in j den Gemächern dienstfrei; denn Tag und Nacht lag ihnen die Uebung in der Kunst ob. (Chron. I. 9. 33.) 3. Für die Schulung eines den Anforderungen der Kunst entsprechenden Chores wurde ein Regens chori, der den Namen V o r t r a g s m e i st e r führte, bestellt. וכנניהו שר הלוים במשא יםר במשא בי מבין הוא ,Aber Chananja, der Fürst der Leviten, unterwies zum Vorträge, denn er war dessen kundig. (Chron. I. 15. 22.) 4. Der Cantor hatte, wie es jetzt noch üblich, die Gebete anzustimmen und wahrscheinlich auch zu schließen.

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