Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-08-17 · Heft 28 (17.8.1884) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 28 (17.8.1884)
Date
1884-08-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452988--1104-3455209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 zu Bild und Gleichnis gab. Im Westen des Landes die weiten Gewässer des Meeres und ihnen gegenüber im Osten die unermessliche Dürre der Wüste; im Norden die süßen, fischreichen Wasser, die paradiesische Landschaft des vom Jordan durchströmten See's Kinueret, und gegenüber im Süden der Erguß desselben Flusses in die todle Oede des Salzmeeres, mit seiner Einfassung von schwarzen, gleichsam verbrannten Gebirgen; dorr der Karmel mit leinen reizenden Tbälern, in dessen freundlicher Einsamkeit Elias und Pythagoras weilten, und im Süden die steilen׳ nackten Klippen des grauenvollen Zudäischeu Gebirges, welches von den Klagen des gejagten David wiederhallt; der lachende Garisim mit seinen Gärten bis zur Spike, und ihm gegenüber der kable, unfruchtbare Ebal, die Zeugen und lebendigsten Bilder des Segens und Fluches, welche hier in einer der großartigsten Feierlichkeiten über Sitlenreinheit und Mißethat ansgefpiochen wurden: Die starken, stets fließenden und die diesem. Lande so. cigentbümlichen, schwindenden Bääe, dies so passend gebrauchte Gleichnis ausdauernder und treuloser Freundschaft; der stete Wechsel von Höhe und Thal durch das ganze Land;׳ die lieb׳, lichstcn Oasen mitten in Wüsteneien — dies Alles und so vieles Andere noch stand als ein ewiger, wahrster Parallelismus dem erstaunten Dichter vor Augen. Un) mir welcher Fülle stets frischer Gemälde, stelS neuer Wendungen und Gleichniße durchdringt diese Natur alle Schriften der Hebräer! Der Dichter weiß nicht zu endigen. Gedanke auf Gedanke», Bild auf Bild bietet sich seinem begeisterten Sekerblickc dar, itnd er stellt sie, um diesen wundervollen Neichthnm zu verwenden, in allen Formen des ParalleliSninS einander gegenüber. Die erhabenste endlich, dem Hebräer bis zum Untergänge seines anderrhalbtansendjährigen Reiches so allein gehörende Eigenthümlichkeit seiner Poesie ist die Verbindung aller dieser Erscheiuuugcn der Natur zu einem Ganzen, die richtige Auffassung ibrer vielfachen Beziehungen zu einer Grundursache der Dinge, zu einem höchsten Wesen, das Alles schuf und leitet. Als Monotheist betrachtete der hebräische Dichter den Wechsel des irdischen Lebens, die stürmenden Gewalten der Natur, wie den sanften Gang ibrer ewigen Gesetze. Alles ward ihm beredt zum Lobe des einen Gottes, der sich seinen Vätern offenbart. Zu Gott sprachen die jungen Löwen, wenn sie um Nahrung brüllen, und er versteht ihre Sprache und gibt ihnen, dass sie des Guten salt werden. Von ihm predigen die Himniel, und ihre weite Wölbung erzählt von seinen Tbatcn. Dies führte selbst wieder einen ParalleliSninS herbei, den erhabensten, den göttlichsten, welchen es geben kann, den Parallelismus zwischen der Schöpfung und ihrem Schöpfer! Wie groß auch die Schöpfung sei, wie herrlich ihre W ake, bei denen die anderen Völker anbetend stehen blieben, sie sind doch nur der Schemmel anr Tbrone des Gewaltigen, zu dem von ihr der Hebräer sich im Geiste emporhob: Sab ick die Sonne, tvie sie leuchtete, Den Mond, wie er freundlich wallet, Und ließ sich heimlich verleiten mein Herz, Dass ich vor ihnen angebetet — Auch dies wäre Hochverrath, Denn ich verleugnet!: Gort da brobeu! *) oder: Es erheben die Ströme, Ewiger! Es erheben die Ström' ihre Stimme. Lass erheben die Ström' ihr Brausen! Ueber den Stimmen der großen Wasser, Den majestätischen Wogen des Meeres — Ist majestätisch in der Höhe Gott! *) Und so preisen alle Bücher der Schritt in hundertfältigem Hallelnjab den Gedanken des höchsten Parallelismus, den die größten Weisen des Allerthnms verfehlten: Er spricht — es wird! Er' gebeut — es stehet! **) Ein solcher Anblick aller Dinge im Gedanken an Gott gab der hebräischen Poesie die Kraft der Wahrheit, diese heilige Vollendnug, diese ewige Gewalt über das Herz, der.kein Volk und kein Jahrtausend widerstehen konnte. Der nächste Lohn dieses richtigen Anffassens der Schöpfung war das Gefühl von der Würde des Menschen, den die Liebe Gottes zu seinem Ebenbilde erkoren Und so ward nun dieser Liebling des Schöpfers, dem Anscheine nach so klein, aber doch böber alS jene großen, aber vernnuftlosen Werke der Narur. die er, so weit sie in seinen Bereich gehörte, beherrschen sollte, so ward er selbst dem Dichter als Mittelglied in jenem erhabenen ParallelismuS Gotkes und seiner Wellen: Seh' ich den Himmel Deiner Finger Werk, Mond und Sterne, die Du bildetest — Was ist der Mensch, dass Du sein gedenkest Der Menschcnsohn, dass Du auch ibn achtest! Dass Du ihn wenig Gott hast nachgesetzet Und mil Ehr' und Glanz ihn gekrönt, Ihn herrschen lässcst über Deiner Hände Werk Und Alles leglest ihm zu Füßen! ***) Und in wie schönen Gleichnißen führt der Hebräer, wiewohl ans dem thieranbetenden Egyptem hervorgegangen, diesen Parallelismns zwischen dem Menscuen und der ihm unrergeordneten Nainr durch! Die Nacht ist eS, nach der großartigen Schilderung des!04. Psalms, in welcher die jungen Löwen und alle Thiere des Waldes von Gott ihre Speise fordern und ihre Ansprüche an seine Fürsorge geltend zu machen wagen, aber ehrfurchtsvoll und schweigend ziehen sie sich zurück, sobald der Mensch ans Den Schauplatz seiner Thätigkeit tritt: Die Sonne geh: aus, sie zieh'n sich zurück. Und strecken sich nieder in ihren Höhlen; E6 geht der Mensch an sein Werk Und an seine Arbeit, bis zum Abend! Ueberall ist er der erhabenste Liebling, das Ebenbild Gottes, der in der Mitte steht zwischen ihm und allen Neichen seiner Natur (1. Mos. 1, 26.), anbelend vor ihm, herrschend über sie! So hoch stellt die heilige Poesie der Hebräer den Menschen hin vor den Tbron des Allmächtigen, in so reinen Gesängen lässt sie ihn aussprechcn, was sein volles Herz bewegt. —׳ Möchte er stets seines göttlichen Ursprunges, seines ewigen Vorbildes eingedenk sein, möchte er nie die Ausgabe vergessen, die ihm geworden, das Ziel, das ihn erwartet! *) Ps. 93. 2. ff. **) Ps. 33. 9. ***) Ps. 8, 4. ff. *) Hiob 31, 26. ff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.