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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-08-09 · Heft 27 (9.8.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 27 (9.8.1884)
Date
1884-08-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— e - Kleine Chronik. Wudapest. Zum Zwecke des Wiederaufbaues der zerstörten Synagoge in Tißa-Eßlar wurde in einem hiesigen Blatte eine Sammlung eingeleitet. Der berühmte Vertheidiger- Dr. Karl E ö t v ö s richtete aus diesem Anlasse an den Redakteur des Blattes folgendes Schreiben: ,Geehrter Herr! Ihr Bestreben, das zerstörte jüdische Gotteshaus von Tißa-Eßlar wieder aufbausn zu lassen, ist ein schönes und edles, und ich versichere Ihnen, daß an dem Tage, an welchem sich in Tißa-Eßlar an der Stelle der heutigen Ruine eine neue Synagoge erheben wird, auch einer meiner Wünsche in Erfüllung gegangen sein wird. Die Ruine ist ein Zeuge der häßlichsten Leidenschäften, sie erzählt von der Wuth und von dem Hasse jener wilden Rotte, welche Gotteshäuser entweiht und Heiligthümer zerstört — hat sie sich doch auch an dem Tempel der ungarischen Freiheit vergriffen und die Heiligthümer der Gleichheit und Brüderlichkeit besulder — die Ruine verkündet die Schande unserer Zeit; sie verkündet die wahnsinnige Anklage des rituellen Mordes. Der wiederaufgebaute Tempel in Tißa-Eßlar soll ein Denkmal werden für Jahrhunderte, aber nicht ein Denkmal des Hasses und der Schande, sondern , ein Denkmal zum Ruhme des ungarischen Richterstandes und zur ewigen Ehre der Bevölkeruug von Tißa-Eßlar und dessen Umgebung. Das wüste Geheul einer ganzen Gespensterschaar, die aus dem finstern Grabe des Mittelalters auferstanden zu sein schien und welche das Schauspiel der Hexenverbrennung um jeden Preis wiederholt sehen wollte; der fürchterliche Sturm der Leidenschaften, der das ganze Land aufgewühlt und die Augen der Bevölkerung mit Sand gefüllt hat,,damit sie die Wahrheit nicht sehe und die Lüge nicht erkenne, Alles das und noch vieles Andere vermochte die ungarischen Richter nicht zu bethören und den gesunden und nüchternen Sinn der Bevölkerung nicht zu berücken; die Richter sprachen Recht und gaben die Unschuldigen der Freiheit zurück und die Bevölkerung blieb ruhig und hatte Niemandem auch nur ein Haar gekrümmt. Hass, Bosheit, Eigennutz, Verblendung und Aberglaube hatten einen Bund geschlossen, um das Recht zu beugen und dann den Fehltritt der Justiz zur Quelle mittelalterlicher Verfolgungen zu machen, welche den Umsturz der ganzen gesellschaftlichen Ordnung in Ungarn unbedingt nach sich gezogen hätten, was eigentlich das ersehnte Endziel jener Elements ist, die nichts zu verlieren haben und alles gewinnen können. Derselbe schändliche Bund hat es auch nicht unterlassen, das Volk aufzuregen, irrezuführen und mit den bösesten Mitteln aus seiner Ruhe zu Hetzen; die ungarischen Richter haben jedoch ihre Standhaftigkeit bewahrt und gerade die Bevölkerung dieser Gegend erwies sich gewappnet gegen die maßlosen Agitationen und war den gewisienlosen Hetzern unzugänglich. Wahrlich, der ungarische Richterstand und diese ungarische Bevölkerung verdienen es, dass ein Gotteshaus das Denkmal ihres Ruhmes werde! Wenn die Ruinen des Tißa-Cßlarer Tempels den Prozeß und die ihn begleitenden Schändlichkeiten verkünden, so möge das wideraufgebaute Gotteshaus ein Zeuge der Freisprechung und des über alles Lob.erhabenen Verhaltens der Tißa-Eßlarer Bevölkerung werden. Darum hat Ihr Bestreben meinen vollen Beifall gefunden und darum begleite ich Ihr diesbezügliches Wirken mit meinen wärmsten Sympaihien. Hoffentlich werden Sie Ihre Glaubensgenossen, deren Hilfe 'Sie angerufen haben, nicht im Stiche lassen und die Ausführung Ihrer Idee bald möglich machen. Ich hoffe das um so gewisser, weil ich weiß, daß sich die Angelegenheit in den besten Händen befindet, denn Sie, mein Herr, dessen rastlose Thätigkeit mir wohlbekannt ist und dessen bis zur Aufopferung gehende Hingebung und Liebe für Ihre Konfession ich so oft bewundert habe, werden gewiss keine Mühe scheuen, um das einmal begonnene schöne Werk auch seiuer Vollendung entgegenzuführen. Indem ich Sie bitte, die hier beigelegten 15 Gulden als geringen Beitrag zur Erbauung der Tißa- Eßlarer Synagoge entgegenzunehmen, zeichnet mit Achtung. Ihr Ihnen stets wohlwollender und Sie ehrender Karl Eötvös." St. KeLersöurg. Das Elend ist endlos! Das erfahren wir russische'Juden, die wir auch ohnehin nie vom Schicksal verwöhnt waren, mit jedem Tag immer schmerzlicher. Wer hätte in den Siebenziger Jahren geglaubt, daß unsere Lage sich noch v rschlimmern könnte? Klagten und jammerten wir-damals nicht bitterlich und weinten — und zwar mit vollem Rechte daß unsere Situation nunmehr unerträglich wäre und die äußersten Grenzen des Elendes überschreite? In der That war unsere Lage schlimm genug! Drei bis vier Millionen Juden lebten in einigen wenigen, armen und verkommenen Provinzen eingepfercht zum Ersticken, und auch hier waren sie an Händen und Füßen von unzähligen Ausnahmsgesetzen und beschränkenden Vorschriften geknebelt. Trotz zwiefacher Steuern und Abgaben als Unterthanen und als Juden bildeten sie im Genuß der Rechte den Paria und trotz reicher Begabung und aufreibendem - Fleiße waren ihnen fast sämmtliche Lebenswege versperrt. War da noch Schlimmeres zu befürchten? Wie sollte das Möglich sein? Und siehe da, was man nicht zu befürchten schien, traf nun ein, ist leider traurige, lebendige Wirklichkeit. Bald werden hier sämmtliche diensthabenden Juden aus einem Ressort mir nichts dir nichts verjagt und brodlos gemacht; bald beschränkt dort die Schulobrigkeit die Frequenz der jüdischen Jugend in den öffentlichen Lehranstalten auf ein Minimum. Daß Blutsauger und Schurken diese Situation zu ihren Gunsten ausbeuten, kann wahrlich nicht Wunder nehmen. — In dem Dorfe Marjanka kam zu einem jüdischen Arendator ein halbbetrunkener, unzüchtiger Bauernbursche und vermaß sich, . in Gegenwart des Arendators dessen sittsame siebzehnjährige Tochter zu küssen, wurde aber von letzterem derb abgewiesen. Der jugendliche, erbärmliche. Ritter hatte nichts Eiligeres zu thun, als eine ,Dorfversammlung' zu Stande zu bringen, in welcher der ,Beschluß' gefaßt wurde, sämmtliche im Dorfe wohnenden Juden hinauszuweisen. Dieser Beschluß wurde auch bald von der örtlichen Obrigkeit bestätigt, und viele jüdische Familien wurden ohne Schuld und Richter an den Bettelstab gebracht. In einem Dorfe, in der Nähe von Jaltuschkow erschienen Nachls bei einem Juden einige Bauern und befahlen ihm, ihnen eine beträchtliche Portion Schnaps aufzuwarten. Diese Portion voll zu verschaffen, erwies sich als unmöglich und der arme Jude gab zum Besten, was sich bei ihm vorräthig vorfand. Damit unzufrieden, bewirkte die saubere Zechcompagnie auf der ״Dorf- Versammlung" die Ausweisung des betreffenden Juden aus dem Dorfe. Und so sind es meist diese Motive, welche neuerdings die Vertreibung der Juden aus den Dörfern Jaltuschkow (Gouv. Podolien), Dubno (Gouv. Wolynien), Astila (ebendaselbst), Tatarbunar (Gouv. Bessarabien) und an anderen Orten zur Folge hatten. Diese aus ihrem Heimatsorte ausgewiesenen Unglücklichen suchten ein Asyl in dem schon ohnehin bis zum Ersticken übervölkerten jüd. ״Ansiedlungsrayon." Was sie dort finden, kann man sich wohl lebhaft vorstellen, wenn man bedenkt, wie unbeschreiblich dieser unglückselige Rayon durch den friedlichen antisemitischen Feldzug, den, wie ich bereits berichtete, die Polen auf ökonomischen Wege betreiben, und besonders durch die in den letzten Jahren chronisch gewordenen Feuerschäden verarmt ist. Nur seit meiner letzten Mittheilung bis heute .sind folgende zumeist von Juden bewohnten Städte ganz oder theilweise eiu Raub der Flammen geworden: Krutschi (Mohilew. Gouv.) Sellestia (Bessarab. Gouv.), Pestschanki (Podol. Gouv.), Wachnowka (Kiew. Gouv.), Nowoalexandrowsk (Kown. Gouv.), Schauten (ebendas.), Resischze (Wolynien), Chomsk (Grodn. Gouv.) Wem sollte man früher helfen, den Opfern der Flammenwuth oder den der Wuth; der menschlichen Bestialität Anheimgefallenen? Und/ wer kann ihnen am Ende Helsen,; da . die Armuth bei uns ^so allgemein und so groß ist? Kann es daher Wunder nehmen, daß die Emigration

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