Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 27 (9.8.1884)
- Date
- 1884-08-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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— — in nie dagewesenem Maßstabe um sich greift, und daß aus den entlegensten Punkten des Reiches, wie aus Lebedew (Wilnasch. Gouv.) und Poltawa aus Schazuzin (Lomso. Gouv.) und Kowno, gleiche Nachrichten einlaufen von Emigration der Juden nach Amerika und Afrika. Was sie dort erwartet, ist wohl nicht schwer voraus;»sehen. Aber was sollen die Unglücklichen thun? Der Ertrinkende klammert sich an einen Strohhalm. Worauf dürfen denn die Zurückbleibenden hoffen? Ein Streisiicht hierauf wirft das Vorgehen der Moskowiter Patrioten. Die ,beständige Commission' des Moskauer Börsen- Comit«es hat am 27. Mai a. c. auf Anfrage des Gehilfen des Finanzministers einstimmig die Vorlage angenommen, welche auf möglichste Beschränkung der Rechte der Juden hinzielt. Die Commission motivirt ihren Beschluß folgendermaßen: Die den Juden gewährte Gewerbefreiheit schlage zum Nachrheil der örtlichen Gewerbetreibendeil aus und gebe außerdem di Möglichkeit zu verschiedenen Betrügereien, indem die angeblichen Handwerker gar nicht als solche thätig sind 2c. Es ist hier nicht der Ort, auf eine Widerlegung und Kritik all der Absurditäten und Gemeinheiten dieses Dokuments einzugehen, genug, daß eine Institution, wie die genannte Commission, die nur dazu eingesetzt ist. die Industrie und den Handel Rußlands überhaupt und Moskau'» insbesondere zu fördern, so weit vom Judenhasse verblendet ist, daß sie sichtlich gegen die heiligsten Interessen der russischen und speciell Moskauer Industrie Beschlüsse fasst. Denn die immensen Verdienste, welche die russischen Juden sich um Handel und Industrie erworben, können nur von Feinden Rußlands oder von wuthschnaubenden Judenfeinden — was im gegebenen Falle auf Eins herauskommt — bezweifelt werden. (Lemv. Jsr.) Madrid. Sie wünschen von mir Berichte über die Juden in Spanien überhaupt und über die Madrids im Besonderen. Leider gibt es herzlich wenig zu berichten, weil die Zahl der Juden in Spanien eine verschwindend geringe ist und von einer Entwicklung der Gemeindeverhältniße nirgends eine Spur ist. Seit dem Entsetzensjahre 1492, in welchem, die Vertreibung sämmtlicher Juden aus Spanien erfolgte, bis in die jüngste Vergangenheit, hat kein Sohn des StaMmes Jakob auf der iberischen Halbinsel sich niedergelassen. Die von Ferdinand dem Katholischen und Jsabella gegen die ,,Ketzer und Juden erlassenen Gesetze blieben bis zum Jahre 1869 die Constitution erlassen und Religionsfreiheit fl'olsrarieia dal Culto) proclamirt wurde, wohnen einige wenige Juden in den verschiedenen Städten Spaniens zerstreut. Zwar ist nach dem Staatsgesetze eine öffentliche religiöse Procession z. B. Aufzüge bei Hochzeiten, Leichenbegräbnissen rc. für Nichtkatholiken (Juden und Protestanten) nicht geradezu verboten, aber durch eine Polizeiverordnung nicht zulässig, weil gefürchtet wird, dass durch solche Kundgebungen der Fanatismus leicht Ruhestörungen herbeiführen könnte. Als im Jahre 1881 König Alfons VII. Len Juden die Rückkehr nach Spanien gestattete, um so das vor vier Jahrhunderten an ihren Ahnen begangene Unrecht zu sühnen, zog eine Anzahl jüdischer Familien nach Toledo, sie mußten dasselbe aber bald wieder verlassen, weil der fanatische Pöbel sie daselbst nicht dulden wollte. In Toledo, dem Sitze des Erzbischofs (Fürst Primas), sind die beiden bedeutendsten Kirchen aus Synagogen in christliche Bethäuser umgewandelt worden; es soll sich noch das ganze Zugehör einer Synagoge, auch die Thorahrollen, darin befinden. Hier in Madrid wohnen circa 30 jüdische Familien, darunter die Vertreter der Bankhäuser Rothschild und Erlanger. Dieselben nehmen hier eine geachtete Stellung ein, sehr zum Aerger gewisser Kreise. So hat kürzlich einer der ersten Geistlichen der Residenz in seiner Predigt in häßlichen Ausfällen dagegen gefeuert, dass christliche Damen, darunter Vertreterinnen der höchsten Kreise, in jüdischen Häusern verkehren. -Die Sache hat viel von sich reden machen und mit der Versetzung des Geistlichen geendet. Es ist das immerhin ein Beweis für das Ansehen, welches die Juden in der Hauptstadt Spaniens genießen. Dass dies im Lande weniger der Fall ist, ersehen Sie daraus, dass mehrere Juden Consuln, in Barcelona selbst ein Generalconsul Jude ist. Ein jüdisches Gemeinwesen existirt hier in Madrid noch nicht, kaum die allerersten Ansätze dazu. So gibt es keine gemeinsame Betstelle; an den Festtagen veranstaltet ein Herr I. in seinem Hause Gottesdienst, und zwar fungirt er selbst als Vorbeter und liest selbst aus der Thora vor. Selbstverständlich haben die hiesigen Israeliten einen Schächter, und zwar ist ihnen seit dem 1. Jänner eine Abtheilung auf dem städtischen Schlachthause zugewiesen. Derselbe Schächter beabsichtigt auch ein jüdisches Restaurant zu errichten, welches zum Winter, der zahlreiche jüdische Reisende hierherführt, eröffnet sein soll. Einen isrel. Begräbnisplatz, mit einer Mauer oder einem Zaum eingehegt, gibt es in Madrid nicht; nur ein Stück Feld außerhalb der Stadt gilt den Israeliten als Stätte, auf der sie ihre Todten beerdigen. Dies die spärlichen Mittheilungen über die Israeliten in Madrid. In Cadix fand ich eine ganz beträchliche Anzahl maurischer Juden, welche sich zu einer Art von Gemeinde zusammengethan und dieselbe durch ihre rührige Geschäftigkeit mit allen nöthigen Jnftitutionen aus gestattet haben. Sie ernähren sich zumeist mit Pantoffel- Handel. Auch in Huelva traf ich einige jüdische Familien; in dessen Nähe, in Neo Tinte, wird Bergbau und Mineralienhandel getrieben und auch die Israeliten suchen durch diesen Betrieb ihre Existenz sich zu gewinnen. ׳Die größte jüdische Gemeinde der spanischen Halbinsel befindet sich in Gibraltar, wo circa 5000 Juden wohnen, die sechs Synagogen besitzen. Gibraltar gehört bekanntlich den Engländern und hier hatte der Geist der Freiheit und Toleranz die Juden schon längst von allen Beschränkungen erlöst. Aber auch im übrigen, eigentlichen Spanien, wo zuerst und am längsten der Glaubenhass und Glaubenszwang seine Schreckensfackel geschwungen, auch hier beginnt es zu dämmern, und werden sicherlich in nicht allzuferner Zeit auch hier die Israeliten einen hervorragenderen Theil der Bevölkerung bilden, als dies jetzt der Fall ist. (Jüd. Presse.) Karlsbad. Die Ex-Kaiserin Eugenie von Frankreich weilt gegenwärtig hier zum Curgebrauche und läßt sich vom Brunnenarzt Dr. L. behandeln. Ein hoher geistlicher Würdenträger, der sich ebenfalls hier aufhält, war bemüht, sich der Kaiserin zu nähern, was ihm auch gelungen ist. Der geistliche Herr benutzte diesen Anlass, die Kaiserin darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Arzt ein Jude ist, und dass er ihr einen guten chriftkatholischen Arzt empfehlen könne. Die Kaiserin war von dieser Anfrage überrascht und erwiderte: Ich weiß ganz wohl, dass mein Arzt der jüdischen Religion angehört. Ich bin mit seiner Behandlung sehr zufrieden; übrigens bin ich von jedem Vorurtheil gegen Juden durchaus frei. Natürlich war der geistliche Herr verblüfft, aus dem Munde einer so streng katholischen Dame solche Worte zu vernehmen. Die Kaiserin selbst erzählte lächelnd ihrem Arzt die Begebenheit. Für den verunglückten Collegen sind ferner bei uns folgende Beträge eingelaufen: College A. Baer. Göthenburg.Mrk. 5.— , A. Freisinger, Pilsen .fl. 2.— , Jellinek, Mistelbach .50.— ״ welche Beträge wir hiemit dankend bestätigen. Die Redaction. Corresponderrz der Nedaetion. Collegen Kr. in Fr., L. iu Pr., Schw. in Dr-, Sckw. in St.,- Rin W-, W. in B.-St.-M.. Sch. in R. bestätigen dankend die eingesandten Beträge. Gruß. B. in Mo. (Rußl.) Bestätigen dankend den eingesandten Betrag und ersuchen um Nachsendung von noch 1 Rubel, da der Abonnementsbetrag per Jahr für Rußland sammt Musikbeilage 6 Rubl beträgt. Gruß. Stud. Qu. Bedauern Ihr Emgesandtes, als für unser Blatt nicht geeignet, nickt aufnehmen zu können. Gruß. Dr. S. N. in V. Eingesandtes zur Veröffentlichung nicht geeignet. D. in A. Wir bitten um die versprochene Arbeit. Gruß. Die Redaction.