Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-08-09 · Heft 27 (9.8.1884) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 27 (9.8.1884)
Date
1884-08-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452987--1098-3455202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Mannigfack sind die Vorschriften bezüglich der Verwundüngen ünd Krankheitsjymptome, welche das Fleisch ,unrein' m achen; aber keinem Organ ist dabei eine so eingehende Beachtung zutheü geworden, wie den Lungen, welche so genau untersucht wsrder, dass daß Vorhandensein von Lungenkrankheilen schwerlich übersehen werden kann. Auch diese Verordnung findet durch die Wissenschaft ihre Rechtfertigung, da die Luftwege Wahrscheinlich den Krankheitskeimen Eingang in den Organismus gestatten, wenn sie nicht gesund ünd widerstandsfähig sind. — Auch wird jedes Thier verworfen, in welchem ein erkranktes Organ vorgefunden wird. — Alle Vorschriften des Talmud scheinen auf Grund eingehender Beachtung und Untersuchung todter wie lebender Thiere zu beruhen. Rab, einer der hervorragendsten Talmudisten, begab sich achtzehn Monate lang zu einem Schäfer, um die heilbaren von den unheilbaren Krankheilen unterscheiden zu lernen. Der Talmud spricht von einer Seetion einer Frauenleiche, welche von den Schülern des Rabbi Israel vorgenommen wurde, wobei die Bezeichnung der einzelnen Organe und Knochen nahezu der heutigen entsprach. In allen Fällen, wo besondere ärztliche Kenntniße bei Aufstellung der diätetischen Verordnungen erforderlich waren, wandten sich die Talmudisten an die Aerzte um Rath.' Die Israeliten der astatischen Türkei (aus dem Monatsberichte der ״Alliance־Israel. Universelle“.) Dem Central-Comite der ״Alliance Israel. Univ.“ ist von dem Direcior der Schule zu Aleppo, Herrn Somekh, ein eingehender Bericht über die israelitische Gemeinde dieser Stadt eingesendet worden, dem wir folgenden Auszug entnehmen: Auf eine Gesammtbevölkerung von 200.000 Seelen rechnet man nahezu 10.000 Israeliten. Ihre Beschäftigungen sind sehr verschiedenartig. Es gibt da einige zwanzig israelitische Geschäfts- Häuser, welche fick mit Import beschäftigen und sowohl in Frankreich als auch in England, der Schweiz und Indien Snccursalen besitzen. Diese Häuser importiren aus England Stoffe, aus Frankreich Lyoner-Seide und Colonialwaaren aus den Docks zu Marseille, aus der Schweiz färbige Tücher und Indigo aus Indien. Das Ausfuhrgeschäft befindet sich fast lediglich in Händen der Christen und Muselmänner. Unter den Inden sind die Colonialwaarenhändler, die Posameniirer, die Tabak-, Tuch, und Confeetionshändler ziemlich zahlreich; es gibt deren ungefähr 600. Israelitische Banquiers sind nur wenig vertreten in Aleppo; es gibt deren nur fünf, mit geringem Vermögen. Dagegen gibt es dort mehr als 100 Wechsler, die mit geringem Capital ihre oft zahlreichen Familien zu ernähren vermögen. Die Kleinhändler, ,fahrende Händler und Agenten übersteigen die Zahl 300; besonders die Agenten machen sich sehr nützlich und sind unentbehrliche Zwischenhändler in den meisten Geschäftsoperationen der Stadt. Handwerke. Es gibt unter den Israeliten Aleppo's ungefähr 300 Handwerker, und zwar: Schuster, Schneider, Goldarbeiter, Blechschläger, Buchbinder, Conditoren, Müller, Bäcker, Färber und Glaser; außerdem findet man noch circa 50 Commis und Provisoren, welche fast Alle aus den Schälen der Alliance hervorgegangen sind, und wegen ihrer Redlichkeit und ihrer höheren geistigen Fähigkeiten sehr gesucht sind. Oeffentliche Aemter. Dank sei es der klugen Gerechtigkeit der Regierung S. M. des Sultans, welche es, ohne Unterschied, . allen seinen Unterthanen gestattet, an den öffentlichen Geschäften ' Theil zu haben, nehmen mehrere Israeliten bedeutende Aemter ein. Der Municipalratb und die Gericbre zählen Juden zu ihren Mitgliedern. Man rechnet in Aleppo zwischen 15—20 öffentliche Beamte, von denen mehrere vom Sultan mit Orden ausgezeichnet wurden. Die ärmere Clasfe. Nahezu an 500 jüdiscbä Familien sind ohne alle Hilfsmittel und existiren von der Mildthätigkeit ihrer Glaubensgenossen.. Dennoch ist die Armuth unter den Israeliten weniger verbreitet, als unter den Andersgläubigen. Unter den Israeliten Aleppo's gibt es keine besonders reichen Leute, aber eine zahlreiche und sehr wohlhabende Minelclasse. Religiöse Vorsteber. Die Gemeinde Aleppo hat zwei Oberrabbiner an ihrer Spitze. Der eine, Hackam Abraham Kalussi wird öffentlich von der Regierung anerkannt und vertritt seine Glaubensgenossen bei der Localbehörde. Der Andere, Hackam Moise Suede, beschäftigt sich ausschließlich mit religiösen Dingen und schlichtet mitunter die Streitfragen unter den Israeliten. Die werden von der Gemeinde bezahlt und beträgt ihr Honorar zwischen 1500 und 2000 Francs jährlich; sie haben außerdem noch einige Einnahmen. Außer den Oberrabbinern besitzt die Gemeinde Aleppo auch noch Secuudär-Nabbinen, welche im Allgemeinen sehr wenig unterrichtet sind und deren Hauptmission es ist, die Kinder im Lesen und im Hebräischen zu unterweisen. Moralische Zustände. Schulen. Außer der Schule der Alliance, welche 120 Schüler zählt, von denen 80 den Unterricht unentgeltlich genießen, gibt es in Aleppo religiöse Lehrinstitute, welche von Rabbinen geleitet werden. In 16 dieser Iustilute lehrt man nichts als das Lesen der Thora, in 5 anderen geben die Rabbinen höheren Unterricht,- welcher den Sohar und den Talmud in sich! schließt. Diese Schulen werden von einer Gesammtzahl von nahezu 1000 Kindern besucht, welche den Rabbinen mehr oder weniger Schulgeld zahlen, je nach dem Vermögen der betreffenden Eltern. Schließlich sind dort zwei Schulanstalten für ganz arme Waisenkinder. Diese Schulen enthalten 150 Schüler; die Kosten betragen 3000 Francs und werden durch Privadvohlthätigkeit gedeckt. In moralischer und geistiger Beziehung sind die Resultate dieses Unterrichtes, der sich auf Lesen und die Kenntnis der Bibel beschränkt, so zu sagen null; nach mehreren Jahren hebräischen Studiums verstehen die Kinder nicht immer die Thora! Diese Talmud-Thora-Schulen werden ungefähr von 1500 Kindern besucht und sind schrecklich unsaubere Spelunken, ohne Luft und Licht, wohin man nicht ohne Herzweh und Mitleid für diese armen Geschöpfe dringt, welche so intelligent aussehen und diese Schulen nach einigen Jahren verlassen, fast ebenso unwissend wie sie hineingekommen. Synagogen. Die Gemeinde Aleppo besitzt mehrere Synazogen, von denen die eine, die große Synagoge genannt, mehr als 3000 Menschen hält und viele Jahrhunderte alt ist. Den Local-Traditionen gemäß wäre diese Synagoge zur Zeit des zweiten Tempels erbaut worden, aber eine hebräische Inschrift, welche sich aus einem der Steine der Synagoge befindet, weist ihr ein späteres, wenn auch sehr frühes Zeitalter an. Die Inschrist trägt das Datum 170 des heutigen Zeitalters, und wir befinden uns also vor einem Bauwerk, das 17 Jahrhunderte . zählt. Die anderen religiösen Bauten besitzen nichts Bemerkensmerthes: das älteste unter ihnen zählt kaum 400 Jahre. Das Central-Comite hat von mehreren Gemeinden des Orients ähnliche Berichte erhalten, die in den späteren Monatsheften veröffentlicht werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.