Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 26 (1.8.1884)
- Date
- 1884-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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den Hellenen der Mensch ,vergöttlicht, ebensowenig Gott ver- I menschlicht ward, sondern Alles war ihm Mensch, und der Mensch Alles. Anstatt dass dem Israeliten der Körper nur die, Hülle des Geistes, die Brust das Obdach des Herzens war, erschien den.Hellenen der Geist nur als das Körperliche umfließend und umspinnend und . zur Verfeinerung und Vergeistigung des körperlichen Daseins da. Daher war die Welt der Hellenen eine reine . menschliche, aber , abgeschlossen und abgerundet mit dem Menschen; was er jedoch von einem jenseitigen Leben träumte, geschah ihm. Alles unter der Erde, in dem dunklen Reiche des Pluto. . Die römische Welt war.die ganz materielle des Staates und ׳der Verfassung. ׳.Sei es nach innen das Spiel der Parteien, das.nicht selten zur Jntrigue ward, die Entwickelung des Rechtes und Gesetzes; sei es nach Außen Krieg und Erwerbung von Provinzen, hierin . bewegte sich das Streben und Wirken des Römers, alles Andere -war dem bei- und untergeordnet. Bei ihm war es, wo selbst die Mythologie, ein staatliches System annahm^ und man fast einen Göttercodex entwarf. . (Schluss folgt.) Die Israeliten Bulgariens n. Griechenlands (aus dem Monatsberichte der ״Alliance Israel. Univ.״) Bereits in früheren Nummern haben wir die höchst intcressanten Berichte der ,Alliance Jsraelite Universelle* über das Leben und Treiben unserer Glaubensgenossen, namentlich im Orient, veröffentlicht. Die Alliance erwirbt sich durch diese Berichte das unstreitbare Verdienst, einerseits, wo es noth thut, das Mitgefühl für unglückliche Glaubensgenossen rege zu machen, andererseits Licht und Klarheit׳ über gewisse Verhältniße zu verbreiten, die dem großen Theile unseres Volkes, trotzdem es hart daran berührt wurde bisher unbekannt waren. Dem letzten Monats berichte entnehmen wir folgendes über die Israeliten in Bulgarien und Griechenland: »Das Verhältnis der Israeliten Bulgariens zu ihren andersgläubigen Landsleuten ist im Allgemeinen ein befriedigendes. Die Negierung, von Gerechtigkeit und Wohlwollen beseelt, gewährt Freiheit des Cultus und Gleichheit Aller vor dem Gesetz. Der unwissende Theil der Bevölkerung gibt noch mitunter den veralteten Vorurtheilen nach, aber es wird bald die Zeit kommen, wo sie sich nicht mehr wie kürzlich noch in Sofia hiüreißen lassen wird zu unbegründeten Anschuldigungen gegen die Israeliten und zu bedauerlichem Verfahren gegen dieselbe. Folgendes hat sich in Sofia zugetragen.' Am 8. April d. I. trat ein Jude Namens Mordechai Sabbetai mit seinem 4jährigen' Söhnchen in einen Schuhladen, um dort einige Einkäufe zu machen. Als er fortging nahm er aus Versehen, anstatt seines Kindes, ein kleines bulgarisches Mädchen mit, das sich gerade dort befand und in demselben Älter als sein Söhnchen stand. Er wurde seinen Jrrthum sehr bald gewahr und kehrte schleunigst zurück, um das kleine Mädchen ihrer Mutter zurückzuführen. Diese batte im ersten Augenblick nicht den mindesten Hintergedanken, aber einige Stnnden später, als der Vater von dem Vorfall erfuhr und von seinen Freunden aufgehetzt wurde, begab sich derselbe auf die Polizei um Mordechai zu verklagen und ihn zu beschuldigen, dass er sein Kind habe entführen wollen, um es umzubringen und dessen Blut zu den ungesäuerten Broden zu verwenden. Der Polizcibeamte, welcher sogleich das Jrrthümliche dieser Anklage erkannte, versuchte es, dem Klä ger dies klar zu machen, aber auf das Andringen des Vaters und seiner Freunde mußte der Beamte die Sacke zu Protocoll nehmen und den Beschuldigten festsetzen lassen. Die Zeitungen Sofia's bemächtigten sich augenblicklich dieser Angelegenheit und ihre Artikel brachten große Aufregung in der Stadt hervor. . Die jüdische Gemeinde, welche die beklagenswerthen Folgen, die derartige Verleumdungen oft in der Türkei hervorgebracht, befürchteten, beschloss sogleich sich an die Behörde zu wenden und Hilfe gegen die Ruhestörer zu erbitten. Die Behörden erfülltes diese Bitte auf das Wohlwollendste; ,.der Polizeipräfeet lies Wächter vor die jüdischen Häusern aufstellen; der Kriegsminister des Nachts die Stadt abpatroulliren, Seinerseits berief S. I. der Metropolitan von,Sofia die Geistlichkeit zusammen und empfahl ihnen in den O.sterpxedigten ihre Pfarrkinder zur Ruhe, zur Ordnung und zM Toleranz anzuhalten. Die Zeitungsdirectoren ihrerseits beeilten, sich ihr Bedauern darüber auszudrücken, dass sie jene Anklage publicirt, : nnd forderten ihre Leser auf, einer so absurden-. Verleumdung keinen Glauben zu schenken. Dank den energischen Maßnahmen der Behörden und der vorzüglichen Haltung der Geistlichkeit und der Presse hat das Osterfest keine bedeutende Störung erlitten- Nichtsdestoweniger sind, in die Synagoge, in die Schule und in einige israelitischen Häuser Sofia's Steine geschleuderr worden. Unglücklicherweise zeigte fick die Landbewohnerschafl we- Niger ruhig , als diejenige von Sofia. In Tzaribrod. einer kleinen Stadt des Fürstenthums, begaben sich zwei Bulgaren in das Haus eines ihrer israelitischen Freunde, Isaak Sekarya Levy; sie theilteu ihm mit, dass seine Glaubensgenossen in Sofia drei christlicke junge Mädchen gemordet hätten, und dass sie, ohne die Dazwischenkunft der Polizei auch noch ein viertes umgebracht haben würden. Sie fügten hinzu, dass sie selbst nun gekommen seien, um ihn dafür mit dem Tode zu bestrafen. Angesichts des Dolches, welchen der eine Bulgare gegen ihren Vater erhob, brach die kleine achtjährige Tochter des Levy in Thränen aus. Das Jammern des Kindes rührte die Angreifer, welche׳ das Ver-- sprechen abgaben, dem Levy nichts zu thun, unter der Bedingung; dass er fick verpflichte, binnen vier Wochen Tzaribrod zu verlassen, andernfalls sie seine Waaren plündern und ihn, so wie alle Israeliten der Stadt umbringen würden. Levy versprach, sich dieser Bedingung zu fügen und eilte am nächsten Tage nach Sofia. In derselben Stadt wurden zwei, den Israeliten gehörige Läden geplündert, und mußten die Opfer dieses Raubes nach Sofia flüchten. In Komschtitza, einem Dorfe bei Tzaribrod, hat die bulgarische Bevölkerung den Juden gleichfalls gedroht, sie umzubringen, um sie wegen des von ihren Glaubensgenossen in der Hauptstadt verübten Mordes zu bestrafen. Die Israeliten von Komschtitza mußten flüchten, um sich dieser Gefahr zu entziehen. In diesem Augenblicke ist die Ruhe so ziemlich wieder hergestellt. . . ־׳•-■־ In Candia hat sich ein ähnlicher Fall wie in Sofia zugetragen.. Anbei einiges Nähere: Ein griechischer Bauer Janni genannt, versuchte es die Bevölkerung Candia's gegen die Israeliten aufzureizen, indem er sie anklagte, ihm sein Kind gestohlen zu haben. Trotz des kaiserlichen Firma» von 1810, welcher es untersagt, auf Grund derartiger Anklagen sowohl in Tempeln als auch in israelitischen Häusern Nachforschungen zu halten, drang das Volk des Nachts in die Synagoge und öffnete den Tabernakel, um sich zu überzeugen, dass das gesuchte Kind nicht darin verborgen sei. Der Thätigkeit der Localbehörde ist es zu verdanken, dass das Kind in einem Dorfe entdeckt wurde, wohin es der Vater geschickt, um