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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-08-01 · Heft 26 (1.8.1884) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 26 (1.8.1884)
Date
1884-08-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S - wie eS heißt, die Israeliten dieses Mordes anzuklagen. Der Präsident der israelitischen Gemeinde zu Canea begab sich zum Gouverneur, um ihm über das Geschehene Mittheilung zu machen; S. E. Photiades Pächa liess sogleich dem Gouverneur von Candia ik^egraphiren um die Unterdrückung dieser Bewegung anzuordnen und Gerechtigkeit für die Israeliten zu verlangen. Die Blutbeschuldigung der Juden hat, Dank dem niederträchtigen Wirken unserer civilisirten Antisemiten und des Herrn Rohling, überall beim Pöbel Wurzel gefasst und gibt überall eine willkommene Veranlassung zu Judenhetzen im schlimmsten Styl. Während tvix dieses schreiben, erfahren wir aus den Tagesblättern, dass am 2Q. Juni l. Z. in Nowogrod (Rußland) wieder eine Zudenplünderung und Zerstörung jüdischen Eigenthums unter dem Vorwände Mer Blutbeschuldigung stattgefünden hat. Irgend ein Unhold yHphreitete das falsche Gerücht, dass ein Christenkind fehle, worauf der Pöbel fick im Nu zu Tausenden ansammelte, die Synagy^ stürmte, die Iudenhäuser demolirte und Alles verwüstete. Es''sollen auch viele Verwundere und Todte da sein. Unglückliches Volk! barbarisches Jahrhundert!' Eingestndet. Hochlöbliche Redaction! Im Interesse der Wahrheit fühle ich mich veranlaßt, um gefällige Veröffentlichung'folgender Zeilen zu bitten. Zn Nummer 22 dieser geschätzten Blätter bringt eine Krakauer Correspondenz die Nachricht, dass bei eingetretener Unpäßlichkeit des dortigen Cantors, Herr Tieger den Gottesdienst zur vollsten Zufriedenheit der Gemeinde leitete. Das wäre ja ganz schön, wenn nicht dann eine vernichtende Kritik - der Amtsführung des seit vielen Jahren amtirenden Collegen die Correspondenz beschlöße. Da ich als Krakauer des Oefteren Gelegenheit hatte, dem Gottesdienste und den Chor- Übungen anzuwohnen, möchte ich mein fachmännisches Urtheil ins Gewicht legen und im Gegentheil rühmend hervorheben, dass der Gottesdienst im Krakauer Chortempel seit Alters yer als ein mufter« gilliger zu bezeichnen ist und der Chor gerade unter der Leitung des musikalisch sehr beanlagten und fachmännisch durchgebildeten Collegen (er hat regelrechte Musik» und Gesangsstudien in Warschau und Breslau gemacht, in Concerten Solopartien auf's Trefflichste durchgeführt und erfreut sich als Balladen- und Schubert-Sänger des besten Rufes in den maßgebenden musikalischen, ja erzpolnischen Kreisen seines langzährigen Domiciles!) ganz Vortreffliches leistet.. Ich hielt es für meine Pflicht, im Vorübergeheu dem verletzten Collegen Satisfaction zu geben, wenn auch der Angriff von ganz anderer Seite ausging. Nun kommt aber die Hauptsache. Herr Tieger wird in der Correspondenz als ehemaliger Chordirigent von Königsberg bezeichnet, weil er sich wahrscheinlich als solcher gerirt. Dieser Behauptung muß ich entschieden entgegentreten. Herr T. war hier bloß Chorist mit 50 Mark monatlicher Gage und hat hier nie den Lactstock geschwungen. Es scheint, dass er sich. gern schmückt und hüllt בטלית שאינ1 שלל, ich halte es aber als sein Lehrer für eine heilige Pflicht, ihn in die gebührenden Schranken zu weisen, zumal er Königsberg in nicht schöner Weise verließ. Genehmigen Sie, hochlöbliche Redaction, den Ausdruck der Hochachtung und des Dankes Ihres ganz ergebenen Ed. Birnbaum Erster Cantor der Syn.-Gemeinde zu Königsberg in Pr. Kleine Chronik. Ans Klinik im Trencsiner Comitate wird uns über einen Fall freundschaftlichen Einvernehmens zwischen Christen und Juden berichtet, der, angesichts der momentan herrschenden antisemitischen Strömung, weiteren Kreisen mitgetbeilt zu werden verdient. Am 25. d. M. wurde der katholische Edelmann, Herr Moriz Edler von Urbanovsky. einstiger Landtagsabgeordneter und Rechtsanwalt, auf dem katholischen Ortsfriedhofe zur ' Erde bestattet. Bei der allgemeinen Beliebtheit, die dem Verblichenen bbr Lebzeiten zu Theil wurde, war für dessen Leichenfeierlichkeit eine große Betheiligung zu erwarten; da die christliche Ortsgemeinde Hlinik jedoch keinerlei Utensilien für eine pompöse Leichenfeierlichkeit besitzt, so wandte sich der christliche Ortsrtchter, Herr Biza, an den Vorsteher des jüdischen Beerdigungsvereines, Herrn Ignaz Nowak, um Ueberlassuuz des jüdischen Leichenwagens und der der jüdischen Gemeinde gehörigen Trauerfahne, welchem Wunsche bereitwilligst entsprochen wurde. So ward der großen Trauer? Versammlung der gewiss höchst seltene Anblick zu Theil, einen christlichen Edelmann auf einem jüdischen Leichenwagen zu Grabe. , geleitet zu sehen, was mit allgemeiner Befriedigung ausgenommen wurde. Bei dieser Gelegenbeit können wir es uns nicht versagen, den Herren Brüdern Nowak für ihr allbekanntes, gemeinnütziges Wirken öffentlichen Dank zu sagen. — Es dürfte auch die Bemerkung interessiren, dass Herr Sam. Nowak der Schwiegervater des rühmlichst bekannten Hamburger Predigers, Herrn Dr. David Leimdörfer ist. 8. —■ —. , ZN Molanka bei Drohobycz fanden vorige Woche große Judencrawalle statt. Die ״Drohobyezer Zeitung" enthält hierüber folgenden ausführlichen Bericht: Seit einer Reihe von Jahren besteht in Wolanka die ״Französische Erdwachs- und Petroleum-Gesellschaft", welche ein vorzügliches Bergwerk besitzt, und zur Hebung der Erdwachs- Industrie sehr viel beigetragen hat. Gründer dieser Gesellschaft ist unser hervorragender Glaubensgenosse Herr Marzell Bernstein in Paris,, welcher unlängst von der französischen Regierung, in Würdigung seiner? Verdienste um die Industrie, zum Ritter der Ehrenlegion erhoben wurde, wovon wir mit Vergnügen in unserem Blatte seinerzeit Mittheilung gemacht haben. Die Herren ׳Meier und Möller (eine hochgeachtete Firma in Wien) ebenfalls unsere Glaubensgenossen, pnd als- Compagnions dieser Gesellschaft beigetreten. Eine musterhafte Ordnungr eine vorzügliche Disciplin herrschte stets bei dieser Gesellschaft. Dort kannte man keinen Confessions-Unterschied, und der Jude fand dort׳ Dienst und Anstellung gleich jedem Anderen. Seit kurzer Zeit ist leider der sinstere Geist des Antisemitismus dort eingezogen; woher dieser Geist kam, können wir nicht mittheilen; genug, er ist da und sein gewöhnliches Gefolge: ״Intoleranz, Unruhen und Crawalle" kommen zum Vorscheine. Vor einigen Wochen sind Ausschreitungen gegen Inden vorgekommen, wobei einem Juden eine Hand gebrochen wurde. Wir verschwiegen dies, wollten keinen Staub aufwirbeln, iw. der Hoffnung,, dass sich Derartiges nicht wiederholen wird. Vorigen Samstag Abends und Sonntag Früh kam es aber leider zu förmlichen Judencrawallen. Eine große Anzahl Arbeiter, Czechen, übersielen sämmtliche jüdische Häuser, demolirten 8 hievon, und es kam zu einer fürchterlichen Schlägerei. Da große Angst und Verwirrung herrschten und mit Grund eine Katastrophe zu befürchten war, wendeten wir uns Sonntag Vorabends, mit folgender Depesche an die ״israelitische׳ Allianz zu Wien": ״Die Herren Meier und Möller, Israeliten, Helferstorferstraße Nr. 5 in Wien, besitzen ein Bergwerk in Wolanka bei Drohobycz.. Gestern Nachts haben zahlreiche Arbeiter dieses Bergwerkes einen Judencrawgll inscenirt, 8 jüdische Häuser demolirt, mehrere Israeliten schwer verletzt. Bezirkshaupmann dorthin Postencommandanten entsendet.

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